Am Tag danach stritten sich erst einmal die Experten. Nicht darum, ob das Comeback von Sebastian Polter ein Traumcomeback war. Darüber, dass der Blondschopf beim 2:0 (0:0) des 1. FC Union gegen Holstein Kiel ein solches nach 208 Tagen verletzungsbedingter Abwesenheit gefeiert hatte, waren sich ohnehin alle einig. Wahlweise wurde von einem Märchen gesprochen oder die viel bemühte Floskel, dass nur der Fußball solche Geschichten schreibt, bemüht.

Doch der Grundsatzstreit bezog sich eher darauf, ob sich der 27-Jährige, neben seinem Fallrückzieher-Treffer in der Nachspielzeit (90.+3), noch einen weiteren Punkt, einen Assist, in der Scorerliste gutschreiben lassen könne. Denn der eigentliche Büchsenöffner, der den Köpenickern den Weg zu den drei Punkten gegen die Kieler öffnete, war Grischa Prömels Treffer zum 1:0 gewesen, den der gebürtige Stuttgarter in der 90. Minute erzielt hatte.

Und das eben – so der Punkte der Debatte – auf Vorarbeit von Polter. Oder aber, nach anderer Lesart, Robert Zulj. Der Austrokroate hatte den Ball nach Querpass Polters mit einer geschickten Körpertäuschung an sich vorbei laufen lassen, ehe er elfmeterreif gelegt wurde.

Scorerpunkt für die Leihgabe aus Hoffenheim vermeldeten alle Berichterstatter zunächst. Da Zuljs Einsatz aber ohne eine Berührung der Kugel erfolgte, veredelte Prömel mangels Strafstoßpfiff im Nachsetzen eigentlich ein Polter-Zuspiel.

Dabei sein ist alles

Dem Rückkehrer selber war das zunächst einmal egal. Für ihn zählte der olympische Gedanke: Dabei sein ist alles! Mit dem Schlusspfiff brachen bei ihm – obwohl wahrlich nicht nah am Wasser gebaut – alle Dämme. Flach auf dem Boden lag er. Hingestreckt und überwältigt vom Augenblick und seinen Gefühlen. „Ich konnte nicht mehr atmen, mir sind die Tränen gelaufen und konnte in diesem Moment einfach nicht mehr gehen. Ich habe mir das in den letzten sieben Monaten so erträumt. Ich habe so hart dafür gearbeitet, aber jetzt weiß ich gar nicht, was ich sagen soll“, rang der sonst so eloquente 27-Jährige viel mehr mit den Worten als zuvor in den 15 Minuten mit dem Gegner.

Dem hätte er schon unmittelbar nach seiner Einwechselung fast einen Treffer eingeschenkt. „Ich habe zum Trainer gesagt: Wechsel mich ein, ich drück den rein, und dann kriege ich den Ball echt noch gegen den Kopf. Da hat das nur Timing gefehlt, ich glaube, das ist ein bisschen der fehlenden Spielzeit geschuldet“, analyiserte der gebürtige Wilhelmshavener den Eckball unmittelbar nach seiner Einwechslung.

Die Spielzeit wird kommen. Auch wenn es noch ein bisschen dauern wird, bis Trainer Urs Fischer in ihm eine Startelf Alternative sieht. „Das braucht noch Zeit“, betonte der Trainer der Eisernen am Tag nach Polters Rückkehr. Und der Stürmer pflichtete ihm bei. „In Ingolstadt wird wieder Sebastian Andersson spielen. Ich brauche noch etwas Zeit, ehe ich wieder über die volle Distanz gehen kann.“ Helfen will er dem Kollegen dennoch. „Man muss sagen, dass Sebastian in letzten Wochen etwas alleine gewesen ist und sich aufgerieben hat. Ich weiß, wie hart es vorne ist. Da ist es doch ganz gut, wenn er mal die letzten 15 Minuten mal verschnaufen kann.“