Die Athleten am Olympiastützpunkt (OSP) Berlin haben sie einfach Polli genannt. Sie ließen sich von der Leitenden Physiotherapeutin des OSP die Muskeln kneten, Tapes kleben, Reha-Pläne entwerfen. Andrea Pinske, geborene Pollack, „war immer da, wenn wir sie brauchten und sie übernahm Verantwortung für das gesamte Team, als wir sie darum baten“, schreibt der OSP auf seiner Homepage in einem Nachruf. Unter ihrer Führung sei die Physiotherapie nicht nur ein Ort der Regeneration und Therapie gewesen, sondern auch „ein Ort an dem Freude und Leid mit den Sportlerinnen und Sportlern geteilt wurde“. Ein geschützter Raum, einer, in dem gelacht und geweint werden durfte.

Zweimal Gold in Montreal

Andrea Pinske war ja selbst eine Sportlerin, eine der erfolgreichsten, die Berlin je hatte, ihr Sohn Michael wurde ein erfolgreicher Judoka, der 2008 Olympiateilnehmer war. Für die DDR gewann sie drei olympische Gold- und zwei Silbermedaillen im Schwimmen. 1976 war sie bei den Sommerspielen in Montreal die erste Frau, die die 100 Meter Schmetterling unter einer Minute schwamm, dabei gewann sie mit der Lagenstaffel ebenso Gold wie über 200 Meter Schmetterling. In Kanada kam für die Schwimmerin des SC Dynamo Berlin außerdem die Silbermedaille über 100 Meter Schmetterling und mit der Freistil-Sprintstaffel hinzu.

1980 in Moskau wurde Andrea Pollack noch mal Olympiasiegerin mit der 4×100 Meter Lagenstaffel. Über 100 Meter Schmetterling belegte sie Platz zwei. Auch bei der WM 1978 im Olympia-Schwimmstadion in West-Berlin hatte die muskulöse Schwimmerin Medaillen gewonnen.

Zeugin im Berliner Doping-Prozess

1998 trat Andrea Pollack-Pinske im Doping-Pilotprozeß vor der 34. Großen Kammer des Berliner Landgerichts auf. In der Anklageschrift war ihr Name sowie der ihrer Trainingskollegin Christiane Knacke-Sommer im Zusammenhang mit den wegen Körperverletzung durch Verabreichung von Anabolika angeklagten Trainern Rolf Gläser und Volker Frischke aufgeführt. Von Gläser stammt auf die Frage, weshalb die DDR-Schwimmerinnen so tiefe Stimmen hätten die legendäre Antwort: „Wir sind hier nicht angetreten, um zu singen, sondern um zu schwimmen.“

Andrea Pollack wurde Ende Oktober 1977 bei einer internen Dopingkontrolle positiv getestet. Nach der Wende gab sie zu, dass ihre Leistungen mittels leistungssteigender Substanzen verstärkt wurden, dass sie Tabletten und Spritzen bekommen habe. Ihre frühere Teamkollegin Knacke-Sommer erzählte der österreichischen Zeitung Der Standard über ihren damaligen Trainingsalltag und die Weitergabe von Tabletten: „Das Oral-Turinabol haben wir ohne Verpackung bekommen. Wenn Andrea Pollack mehr bekommen hat, wollte ich auch mehr kriegen.“ Und: „Heute weiß ich, wir waren Versuchskaninchen. An uns wurden Medikamente getestet, die schwere Folgeschäden verursachten, ohne dass wir oder unsere Eltern das wussten.“

Wie nun bekannt wurde, ist Andrea Pinske im Alter von 57 Jahren an einem Krebsleiden gestorben.