Sie mussten sich gefühlt haben wie die Katze, die die halbtote Maus schon vor sich auf der Erde liegen hat, die noch ein bisschen Schabernack mit ihr treibt, sie anstupst, neckt, aber, schwupps, berappelt sich die schlaue Maus – und ist plötzlich auf und davon. Wie würden die Spieler der BR Volleys mit diesem Fauxpas umgehen, im ersten Durchgang eine Sechs-Punkte-Führung und beim Stand von 24:20 gegen den VfB Friedrichshafen sogar vier Satzbälle hintereinander vergeudet zu haben?

Nun, sie spielten noch ein bisschen weiter, hatten in der Folge drei weitere Satzbälle, einen davon schien Kyle Russell verwandelt zu haben, der Hauptschiedsrichter beendete den Durchgang, die Berliner jubelten schon, aber der zweite Schiedsrichter hatte eine Doppelberührung von Samuel Tuia gesehen. Der Punkt ging doch an Friedrichshafen, 28:28.

Genickbruch für Berlin

Ein paar Minuten später blieb dann der Angriffsschlag von Tuia im den Händen von Friedrichhafens Mittelblocker Andreas Takvam hängen. Der VfB Friedrichshafen verwandelte seinen dritten Satzball, Durchgang eins ging mit 31:29 an das Heimteam. „Das hat uns das Genick gebrochen“, sagte Berlins Mittelblocker Georg Klein.

Es war der ausschlaggebende Beginn eines Volleyball-Nachmittags, an dem die Rollen von Katze und Maus noch hin- und herwechseln sollten. In Satz zwei war der deutsche Rekordmeister Friedrichshafen obenauf, dann holte sich der Titelverteidiger aus Berlin im dritten Durchgang die Revierhoheit zurück. Gegen 16.30 Uhr schlug Tuia allerdings den letzten Aufschlag ins Netz, Friedrichshafen hatte die Partie 3:1 (31:29, 21:25, 13:25, 25:19) gewonnen.

Heynen ist happy

Damit steht es in der Finalserie um die deutsche Volleyball-Meisterschaft 2:1 für die Mannschaft des früheren Bundestrainers Vital Heynen. Spiel vier der Best-of-five-Serie findet am Mittwoch um 18.30 Uhr in der Max-Schmeling-Halle statt. Heynen, der erleichtert in die Kamera des übertragenden Südwestrundfunks strahlte, sagte: „Die Meisterschaft ist noch lange nicht vorbei. Sie hat gerade erst angefangen. So eine Serie ist mental und physisch sehr schwierig. Unsere Chancen sind nicht größer, aber es macht Spaß, vorne zu stehen.“

Einerseits hatten es die Berliner, die am Sonntag durchweg gut und druckvoll aufschlugen, mit dem Verlust des ersten Satzes selber vermasselt. Andererseits hatte Heynen mit der Einwechslung des routinierten Zuspielers Rafael Redwitz die Anlage des VfB-Spiels verändert. Im zweiten Durchgang mussten die Volleys die Enttäuschung über die entwischte Maus noch verkraften.

Russells Anfeuerung

Russell, der von Anfang an auf der Diagonalposition zum Zuge gekommen war, rief: „Kommt Jungs, wir müssen zu unserem Spiel zurückfinden. Wir wissen doch, wie man diese Mannschaft schlägt.“ Allerdings sank seine eigenen Effektivität in diesem Durchgang ebenfalls. Die Einwechslungen von Sebastian Kühner, von Linus Weber und auch von Adam White änderten in dieser Phase nichts an der Dominanz des VfB, der früh in Führung ging, zwischenzeitlich mit acht Punkten vorne lag und Satz zwei nach Hause brachte.

Im dritten Durchgang dominierte dann Berlin. Moritz Reichert glänzte mit wuchtigen Aufschlägen, Russells Risiko in Aufschlag und Angriff wurde belohnt, Klein setzte mit seinen Flatteraufschlägen Nadelstiche, aber im vierten Durchgang drückte Friedrichshafen der Partie wieder den Stempel auf.

Bester Satz der Saison

„Das, was im ersten Satz passiert ist, hat uns psychisch gebrochen“, bestätigte Berlins Manager Kaweh Niroomand. „Dabei war der erste Satz der vielleicht beste in dieser Saison. Alles hat gepasst: Annahme, Angriff, taktisch war es prima. Wir haben es nicht verstanden, ihn nach Hause zu bringen, waren zu unkonzentriert. Wenn es eng wird, fehlt uns nach wie vor die Kaltschnäuzigkeit.“

Auch wenn die Maus am Bodensee entkommen ist, wollen sich die Berliner an dieser Leistung hochziehen – und sich am Mittwoch den Leckerbissen nicht noch mal entgehen lassen, um schließlich ein Entscheidungsspiel zu erzwingen.