Hamburg - Das Ritual wiederholt sich nach Schlusspfiff eines Bundesligaspiels schon weit Wochen. Erst geht Jaroslav Drobny draußen im Stadion gemeinsam mit der Mannschaft zu den Anhängern des Hamburger SV. Wenn die Fans seinen Namen besonders laut rufen – wie nun wieder am Sonntag nach dem 2:0 gegen den 1. FC Nürnberg –, zieht der tschechische Hüne flugs sein hellblaues Trikot aus und schleudert es in die Menge.

Wenn Drobny dann den Spielertunnel betritt, beschleunigt er auf dem Weg zu den Kabinen plötzlich seinen Schritt. Und stürmt im dunkelblauen Funktionshemdchen an allen Mikrofonen und Kameras vorbei. Drobny verspürt seit Wochen keinen Redebedarf – deshalb sprechen andere über ihn.

Sprechchöre und Ovationen für Drobny

„Er ist fast schon unser Publikumsliebling“, hat der neue HSV-Trainer Thorsten Fink festgestellt, der seinem Tormann Drobny Woche für Woche ein Sonderlob ausspricht. Nach den starken Leistungen gegen Hoffenheim und Hannover galt es zum Nürnberg-Spiel neben den beinahe üblichen Prachtparaden ja auch noch zu erwähnen, dass erst ein gewaltiger Torwart-Abschlag von eben Drobny den Peruaner Paolo Guerrero vor dem 1:0 in Position brachte – eine direkte Vorlage eines Ballfängers, der noch im September während eines Testkicks gegen den Landesligisten Concordia Hamburg bei jedem Ballkontakt mit höhnischem Applaus bedacht wurde.

Und heute? Gelten Sprechchöre und Ovationen dem 32-jährigen Drobny. „Er geht mit gutem Beispiel voran und zeigt den Kollegen, wie man sich aus einem Tal herauskämpfen kann“, erklärt Fink, der eine entscheidende Schwachstelle zur Stärke gemacht hat – indem er Vertrauen herstellte. Großen Anteil trägt daran auch HSV-Torwarttrainer Ronny Teuber, der intensiv auf jene Fehler einging, die sich die Drobny zu Beginn der Saison leistete. So entstand ein Video mit Patzern und Pannen, um speziell daran im Training zu arbeiten. „Drobo hat gelitten wie ein Hund“, hat Teuber einmal die schwierige Zeit beschrieben. All das könnte der kauzige Keeper Drobny eigentlich auch selbst erzählen, doch sein Schweigen ist auch als Retourkutsche eines empfindsamen Mannes zu verstehen, der sich in der Vergangenheit ungerecht behandelt fühlte.

Als Cech-Vertreter zur EM

Das geht bis auf die Zeit unter Ex-Coach Armin Veh zurück. Der im Sommer 2010 noch auf Betreiben des damaligen Vorstandschefs Bernd Hoffmann ablösefrei aus Berlin gekommene Drobny sollte eigentlich den Hoffmann-Hauptkritiker Frank Rost schon in der Vorsaison ablösen. Doch der Platzhirsch gab sich keine Blöße, der Neue schwächelte.

Nur damals wusste niemand, dass er sich mit einem Rippenbruch durch die Vorbereitung geschleppt hatte. Schlussendlich ging Drobny eine ganze Saison verloren – und damit auch viel Selbstvertrauen. Dass am Sonntag sein Vorgänger Rost nach abgeschlossenem USA-Abenteuer und Gastspiel bei den New York Red Bulls auf der Tribüne in der Arena im Volkspark saß, passt zur kuriosen Geschichte des fünffachen tschechischen Nationalspielers, der als Stellvertreter von Petr Cech mit zur EM 2012 reisen wird. Tauglichkeit für höhere Aufgaben hat Drobny ja schon beim VfL Bochum und bei Hertha BSC bewiesen.

Derzeit agiert Drobny so sicher im Strafraum und teilweise so spektakulär auf der Linie, dass der Mann in der hellblauen Dienstkleidung als die Symbolfigur des HSV-Aufschwungs durchgeht. Immerhin: Mit dem Vereinsmagazin „HSV live“ hat Drobny darüber gesprochen. „Ich schaue nur ungern zurück. Was bringt es, über die Vergangenheit zu reden? Ich schaue nur noch nach vorn, denn wichtig ist die Zukunft“, sagte Drobny. In diesem Falle also das kommende Auswärtsspiel am Samstag beim FSV Mainz 05.