Das Steffi-Graf-Stadion ist für ein Rasenturnier mit bis zu 800 Zuschauern auch hygienetechnisch vorbereitet.
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BerlinEs hat optisch schon mehr von einer Raumkapsel als von einer Duschkabine. Der silberne Kasten mit dem blauen Punkt am Boden des Innenraums und der kleinen Rampe über diese man rein- und wieder hinausgeht. Vor dem Spielerhotel nahe des Wittenbergplatzes beamt er einen in das Gebäudeinnere, vor dem Steffi-Graf-Stadion befördert er Besucher und Spieler auf das Gelände. Kurz stehenbleiben, sich einnebeln lassen und warten bis die LED-Streifen am Rand von Rot auf Grün springen. 

Nach Verlassen der Vorrichtung ist das Universum doch das selbe wie vorher – technisch gesehen ist das, was für Spieler, Fans und alle, Zutritt zu den Tennisanlagen in Berlin erlangen wollen, doch eher eine Dusche als eine Raumkapsel. Und ja, gesundheitlich ist das Ding, das zu einer neuen Normalität im Tennis, aber auch in den anderen Bereichen werden kann, völlig unbedenklich. „Es muss niemand Angst haben, dass ihm die Haut austrocknet oder andere Nebenwirkungen auftreten“, versichert Andreas Held, Geschäftsführer der Firma Oxylythe.

Bereits bei einigen Vereinen in der Fußball-Bundesliga hat die Firma aus dem sachsen-anhaltischen Merseburg ihre Produkte, die über die Duschkabine, wie Held das Zutrittstor zur Berliner Tenniswelt nennt, hinausgehen, zum Einsatz gebracht. „Wir stellen die umfängliche Desinfektion zur Verfügung“, sagt Held. Und weil das Produkt, das als Nebel für denjenigen, der die Kapsel betritt, wahrnehmbar ist oder in Spendern für die Desinfektion der Hände benutzt wird, ein vollkommen ökologisches Produkt ist, braucht sich in den kommenden Tagen niemand vor eventuellen Folgeschäden zu fürchten. Vielmehr gehört das Gesamtpaket, welches Besucher, Spieler, Verantwortliche und all die anderen Personen, die mit den Turnieren etwas zu tun haben, zu einer neuen Form der Normalität im Sport, möglicherweise auch im sonstigen, öffentlichen Leben. „Es sind herausfordernde Zeiten“, sagt Edwin Weindorfer.

Der Veranstalter der Bett1Aces in der Bundeshauptstadt blickt dabei in den Saal der Pressekonferenz. Viel größer als üblich ist der gewählt. Aber ja, neben einer Desinfektionsdusche am Hoteleingang und dem Desinfektionsmittel-Spender vor so ziemlich jedem Raum im Inneren, braucht es weiterhin genug Abstand und Masken für Personen, die nicht zum Inner Circle gehören. Das gilt aber auch für die Protagonisten, die in diesem inneren Kreis schwirren. Da steht ein eigener Tisch auf dem Podium für alle Interviewpartner und neben den Wasserflaschen leuchtet neuerdings auch die Flasche mit dem Desinfektionsmittel. Auf dem Weg dorthin tragen auch sie die Mund-Nasen-Bedeckung.

Das alles und noch viel mehr steht in dem 59 Seiten umfassenden Konzept, welches Weindorfer und sein Team beim Berliner Senat eingereicht haben. Es muss so überzeugend gewesen sein, dass eben dieser Senat auch das Spielen vor Zuschauern zugelassen hat: bis zu 800 im Steffi-Graf-Stadion und bis zu 200 im Hangar auf dem Flughafen-Gelände in Tempelhof. „Das heißt: Wir sind gut gerüstet und haben alles in unserer Macht stehende getan, um die Vorkehrungen zu treffen, dass ein sicheres Turnier vonstatten gehen kann“, sagt Weindorfer.

Er und der Rest der Leute, die während der Turniertage in Berlin leben, haben sich mehrfach auf das Coronavirus testen lassen. Das bedeutet nicht, dass sie sich jetzt wie in der alten Normalität durch die Welt bewegen. Neben dem Tennisschläger ist für Spielerinnen wie Julia Görges die Maske der aktuell treueste Begleiter. „Die oberste Priorität haben bei mir im Moment die Sicherheit und gesundheitliche Bedingungen“, sagt sie. Hier, in der deutschen Hauptstadt, fühle sie sich absolut sicher.

Ob sie die US Open, die im September ohne Zuschauer stattfinden sollen, spielt, hat sie noch nicht entschieden. Das wolle sie erst tun, wenn sie das Konzept der Veranstalter gesehen hat. Auch Spieler müssen sich erst einmal an die scheinbar neue Normalität gewöhnen. Die Umstände, unter welchen sie jetzt nach vier Monaten Pause erstmals wieder eine Hotelzimmertür aufgeschlossen hat und unter denen sie ab Montag Tennis spielen wird, „macht es ein wenig einzigartig und seltsam, wenn man von der normalen Tour kommt und hier plötzlich in einer Art Blase lebt“. Aber: „Wir befinden uns aktuell in dieser Situation und wenn man spielen möchte, muss man das akzeptieren.“

Genau wie der Zuschauer, der sich auf ein paar ungewohnte Dinge einstellen muss. Dass er plötzlich auf dem Veranstaltungsgelände und bis zu seinem Sitzplatz eine Maske tragen soll. Dass er sich an den zahlreichen Hygienespendern mit Desinfektionsmitteln die Hände reinigen möge. Und dass er durch die Duschkabine zu gehen hat. Vielleicht ist es dann aber doch ein Raumkapsel. Eine Raumkapsel in eine neue Zeitrechnung der Veranstaltungsnormalität.