Die Fans von Dynamo Dresden werden auch im Olympiastadion für eine beeindruckende Kulisse sorgen.
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Berlin/DresdenDresden empfängt uns mit einem Sonne-Wolken-Mix. Die Lenné-Straße ist am Vormittag schon belebt. Kurz vor zehn Uhr tauchen die ersten Anhänger von Dynamo Dresden vor dem großzügigen Fanshop an der Frontseite des Rudolf-Harbig-Stadions auf. Dort findet der Anhänger des Zweitligisten – einst achtmaliger DDR-Meister und siebenmaliger Sieger im FDGB-Pokal, später stolzer Bundesligist von 1991 bis 1995 – alles, was das Herz begehrt. Mützen in Dutzend Varianten, Trikots, Fahnen, Bettbezüge, Feuerzeuge, Schals, Ringe und, und, und … Auch Schokoladen-Weihnachtsmänner in Gelb-Schwarz für 3,95 Euro sind schon zu haben.

Doch der Renner sind seit Wochen die speziellen T-Shirts, die für das DFB-Pokalspiel Dynamos bei Erstligist Hertha BSC am heutigen Mittwochabend angefertigt wurden. Motto: „Niemand hat die Absicht nach Berlin zu fahren.“ Doch nach den letzten Schätzungen werden etwa 30 000 Fans die Reise nach Berlin antreten und das Olympiastadion rund um das Marathontor in Gelb-Schwarz tauchen. Rund 20 000 der Shirts sind verkauft worden für zehn Euro das Stück.

Keine optimalen Bedingungen

Gleich gegenüber der schmucken 32.000-Mann-Arena, zentral in Dresden gelegen, bittet Trainer Cristian Fiel, 39, zum Training im Großen Garten. Die Bedingungen auf den Rasenplätzen nahe der Straße mit Tram-Verkehr scheinen nicht optimal. Vielleicht zehn, zwölf Kiebitze sehen die Koordinationsübungen. Der ehemalige Hertha-Profi Patrick Ebert, seit 2018 bei Dynamo, trabt vorneweg. Schon in der nächsten Saison werden die Dynamos auf dem neuen, modernen Trainingsgelände schwitzen, das gerade am Ostragehege, Teil einer breiten Auenlandschaft an der Elbe, entsteht.

Ralf Minge, 59, als Spieler einst ein Dynamo-Idol und mit Matthias Sammer, Hans-Jürgen Dörner, Reinhard Häfner oder Ulf Kirsten 2010 von den Fans in die „Dresdner Traum-Elf“ gewählt, empfängt uns und holt erst einmal Kaffee. Minge ist der Geschäftsführer Sport und das Gesicht des Vereins. Der ehemalige Mittelstürmer, ein schlaksiger Mann, führt uns weit hinauf in eine Lounge des Stadions. „Lasst uns zuerst mal rausgehen“, sagt Minge, der 36 Länderspiele für die DDR bestritt und 103 Tore in 222 Spielen für Dynamo erzielte. Der Blick in die leere Arena ist grandios. Steile Tribünen, nah bis ans Spielfeld führend. 28.000 Fans kommen im Schnitt. Minge ist stolz.

Ist er überrascht von der Fan-Invasion, die sich nach Berlin aufmachen wird? „Die Zahl von rund 30.000 ist schon Wahnsinn. Das hat eine brutale Eigendynamik angenommen“, sagt der Sportchef, „wir haben lange nicht gegen Hertha gespielt, die Entfernung nach Berlin ist nicht so groß und am Tag nach dem Pokalspiel haben wir einen Feiertag in Sachsen. Da kommt vieles zusammen, aber es zeigt, der Mythos Dynamo lebt.“

Legendäre Europapokalspiele

Dresden gilt schon immer als Fußballstadt, bereits in den Dreißigerjahren war es der Dresdner SC, Deutscher Meister 1943 und 1944, der die Massen in seinen Bann zog. Später dann die SG Dynamo, die in der DDR-Oberliga immer in heftiger Konkurrenz zum BFC Dynamo stand. In 98 Europapokalspielen, meist im Landesmeister-Cup, traten die Dynamo-Kicker an, darunter in legendären Duellen wie gegen Juventus Turin (2:0, 2:3), Bayern München (3:4 und 3:3) oder auch gegen Bayer Uerdingen (2:0, 3:7) und gegen den AS Rom (2:0, 2:0). „Viele unserer heutigen Anhänger haben diese großen Zeiten gar nicht erlebt, aber die Liebe zu Dynamo wird vererbt und in den Familien weitergegeben“, sagt Minge. Dresden sei eben Dynamo und Dynamo ist Dresden. „Das steht auch so in unserem Leitbild.“

Oft gaben die reisefreudigen Dynamo-Fans allerdings in der Fremde kein gutes Bild ab, es kam zu Randalen, die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) auch hart sanktioniert wurden. So wurde Dynamo wegen Ausschreitungen der Fans vom DFB-Pokalwettbewerb 2013/14 ausgeschlossen.

Minge sagt: „Die jüngste Entwicklung bei unseren Fans ist deutlich positiv. Die Intensität und die Anzahl der Verfehlungen sind rückläufig. Bei Gewalt ist bei uns die rote Linie, wir reagieren knallhart mit Stadionverboten.“ Drei hauptamtliche Fanbeauftragte leisten intensive Arbeit. Einmal im Monat gibt es ein Treffen der aktiven Fanszene, die viele Facetten kennt, mit der Geschäftsführung. „Da herrscht nicht Friede, Freude, Eierkuchen“, berichtet Minge, „aber der Austausch ist wichtig.“

Ralf Minge ist der starke Mann bei Dynamo Dresden.
Foto: Jan Huebner / imago images

Das Spiel in Berlin sei nun ein Höhepunkt für alle Anhänger, so der Sportchef. Hertha BSC ist Dynamo wegen der enormen Nachfrage entgegengekommen. Zuerst wurden 11.200 Tickets zur Verfügung gestellt, später noch mal 4200, die auf 8000 aufgestockt wurden. Schon am 16. September waren rund 19.200 Karten an Dynamo-Anhänger verkauft. Danach besorgten sich tausende Fans weitere Tickets auf anderen Wegen. Auf jeden Fall wird es einen neuen Rekord an Auswärtsfans geben. Bislang steht die Bestmarke bei rund 22.000 Dresden-Anhängern bei einem Duell bei 1860 München.

Minge erzählt in der Stadion-Lounge auch davon, dass die eigenen Fans großen Anteil an der Existenz des Vereins besitzen. Er selbst kehrte im Februar 2014 von seinen Zwischenstationen als Assistenztrainer und Amateurcoach bei Bayer Leverkusen und als Assistenztrainer der Nationalmannschaft Georgiens zu Dynamo zurück und wurde Sportchef, musste aber mit dem Abstieg in die Dritte Liga leben. „Damals haben uns die Fans und Vereinsmitglieder über schwierige Zeiten getragen. Uns drückten rund acht Millionen Euro Schulden, wir hätten den Laden beinahe zumachen müssen.“ Es folgte ein Kraftakt, um den Verein möglichst schnell zu entschulden. Zwei Sonderumlagen, bei denen die Klubmitglieder je zweimal ihren Jahresbeitrag in Höhe von 72 Euro jeweils doppelt entrichteten, brachte enorme Entlastung. Und auch ein Benefizspiel des FC Bayern München im August 2015 im ausverkauften Harbig-Stadion, das die Gäste mit 3:1 gewannen, brachte 1,2 Millionen Euro ein. Bayern verzichtete auf eine Antrittsgage und spielte in Bestbesetzung. Sämtliche Einnahmen gingen in die Schuldentilgung ein und im März 2016 konnte Minge endlich vermelden, dass Dynamo nach 25 Jahren schuldenfrei ist.

Egal, in welcher Liga Dynamo spielte, der Verein zog stets Anhänger an. Im August 2011 verzeichnete Dynamo zum ersten Mal über 10 000 Mitglieder, jetzt sind es bereits 23.000. Die fanatischsten Anhänger versammeln sich in Dresden im sogenannten K-Block auf der Stehtribüne, wo häufig aufwendige Choreografien kreiert werden und die Ultras das Sagen haben. Dort ist man stolz auf einen besonderen europäischen Rekord. Nach 851 Tagen Arbeitszeit. mit 12.250 Quadratmeter Stoff und 70 Kilometer Nähgarn setzte eine Choreografie beim Heimspiel von Dynamo gegen den 1. FC Magdeburg im Oktober 2015 in der Dritten Liga neue Maßstäbe. Die Blockfahne in den Maßen 350 Meter mal 35 Meter bedeckte nahezu alle Plätze im Stadion. Damit war man im Besitz der größten Blockfahne Europas! Minge lächelt beim Gedanken an diese einzigartige Choreografie.

Die Lage ist ernst

Dynamo boomt auf vielen Gebieten. Die Nachwuchs-Akademie wurde für ihre erfolgreiche Arbeit mit drei Sternen vom DFB belohnt, das neue Trainingszentrum im Ostragehege wächst. Es soll im Mai 2020 eröffnet werden und rund 20 Millionen Euro kosten. Dort wird das Profiteam trainieren und dazu die U19, die U17 und die U16.
Nur auf dem Rasen blieben zuletzt die positiven Ergebnisse aus. „Wir haben eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft“, sagt Minge. Das Team schwächelt aber unter Trainer Cristian Fiel heftig. Die Situation im Tabellen-Keller ist sehr ernst. Minge sagt zur Lage: „In Dresden ist das Anspruchsdenken immer extrem hoch, aber solche Schwächephasen gibt es immer wieder.“ Nach der vierten Niederlage in Serie rief Minge offiziell den Abstiegskampf“ aus.

Nun kommt es zwischen den brisanten Meisterschaftsspielen zum Pokal-Hit bei Hertha BSC, dem die Fans entgegenfiebern. „Dort im Olympiastadion sind die Rollen klar verteilt“, befindet der ehemalige Stürmer Minge, „ein gestandener Erstligist empfängt zu Hause einen Zweitligisten, obwohl das ‚zu Hause‘ in dem Fall relativ ist …“