Genießt das Flair in Beach Mitte: der brasilianische Zugang der BR Volleys Eder Carbonera.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinDie Sonne strahlt über Beach Mitte, als Assistenztrainer Lucio Oro die Namen der Berliner Volleyballprofis auf orangefarbige Zettel schreibt. Wer beim Beachsoccer oder -volleyball mit wem spielt, wird ausgelost. In den ersten beiden Vorbereitungswochen auf die neue Saison haben die Profis der BR Volleys viel auf Sand gespielt. Seit einer Woche ist auch Eder Carbonera, 36, dabei. Nach einem Corona-Test am vorigen Montag konnte er am Dienstag zum ersten Mal mit seinem neuen Team trainieren.

Berliner Zeitung: Brasilien ist bekannt für Beachvolleyball. Heute hat der Trainer Beachsoccer aufs Programm gesetzt. Sind Sie besser mit den Beinen oder den Armen?

Eder Carbonera: Fußball ist wie eine Religion in Brasilien. Alle Jungs träumen davon, Fußballprofi zu werden. Ich tat das auch. Aber ich bin einfach zu lang gewachsen. Also musste ich meinen Traum ändern. Aber ich bin ein großer Fußballfan.

Welches Team?

Gremio. Kennen Sie das?

Porto Alegre?

Ja. Das ist sehr nah an meiner Heimat. Tatsächlich heiße ich Eder, weil mein Vater ein großer Fan des Mittelfeldspielers Eder war. Mein Bruder heißt Renato. Renato Gaucho war ebenfalls Nationalspieler. Jetzt ist er der Trainer von Gremio. Er hat als Spieler 1983 das Weltpokalfinale mit Gremio gewonnen, gegen den Hamburger SV, ein deutsches Team.

Und waren Sie traurig, als Sie herausgefunden haben, dass Sie mit 2,05 Metern zu groß für einen Fußballer werden würden?

Nein, ich war ja nie wirklich überragend. Es war einfach nur ein Traum. Ich habe als Kind auf Empfehlung mit dem Schwimmen angefangen, weil ich Asthma habe. Nach fünf Jahren fand ich es zu langweilig, immer allein im Wasser herumzupaddeln. Ich hatte in der Schule Volleyball gespielt. Ein Freund hat mich in den Verein mitgenommen. Und ich bin dabeigeblieben.

Sind Sie in der Corona-Zeit auf Beachvolleyball ausgewichen?

Ich habe die ganze Zeit im Sand trainiert, aber nicht Beachvolleyball gespielt. Es war ein Körpertraining, mehr Übungen als Volleyballspielen.

Die Corona-Maßnahmen haben Ihnen und Ihren beiden brasilianischen Teamkollegen Davy Moraes und Renan Michelucci die Anreise nach Berlin erschwert. Sie kamen später als geplant an. Was war das Problem?

Es war wirklich schwierig. Fast jede Woche haben sich die Bestimmungen geändert. Ich hatte das Coronavirus ja schon ganz zu Anfang der Pandemie. Das ergab ein Bluttest, den ich in Brasilien gemacht habe, um mich mit anderen Spielern zum Training treffen zu können. Ich bin froh, dass ich Corona schon hatte – ohne Symptome. Vor etwa zwei Wochen wurden die Corona-Regeln dahingehend geändert, dass Arbeiter nach Deutschland einreisen durften. Davor durften nur Ärzte und Gesundheitspersonal einreisen. Wir hatten Probleme, das Visum zu bekommen, denn das Konsulat war geschlossen.

Foto: Markus Wächter
Zur Person

Die Liste der Titel, die der Volleyballer Eder Carbonera aus Farroupilha im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul gewonnen hat, ist lang. Sein größter Erfolg war der Olympiasieg 2016 im eigenen Land. Zwei Jahre zuvor und zwei Jahre danach wurde er WM-Zweiter mit Brasilien. Er war Südamerika-Meister und Sieger der Panamerikanischen Spiele. Zudem gewann der 36-Jährige mit Schuhgröße 50 zahlreiche nationale Meisterschaften und Pokaltitel mit verschiedenen brasilianischen Vereinen sowie die Klub-Weltmeisterschaften 2013 und 2015 mit Sada Cruzeiro Volei. Seit 2012 ist der 2,05 Meter große Modellathlet mit der Lebensmitteltechnikerin Natalia verheiratet.

Sie haben also mit gepackten Koffern auf Ihr Visum gewartet?

Das Problem war, einen Termin auf dem Konsulat zu bekommen. Wir haben es jede Woche, jeden Tag versucht. Irgendwann haben wir dann unsere Visa bekommen.

Brasilien hat nach den USA die zweithöchste Infiziertenzahl. Wie haben Sie den Umgang mit der Pandemie und das Verhalten Ihres Präsidenten Jair Bolsonaro erlebt?

Es ist wirklich kompliziert. Die meisten Menschen in Brasilien können nicht zu Hause bleiben. Sie müssen arbeiten gehen. Aber die Regierung hat keine Voraussetzungen, um in dem Maße zu helfen, wie sie es sollte. Deshalb können wir die Pandemie nicht aufhalten. Wir haben in den letzten zwei Monaten jeden Tag 1000 Tote gehabt. Die einzige Lösung für Brasilien ist ein Impfstoff.

Die Regierung hat mehr Zustimmung denn je, weil sie finanzielle Hilfen gibt.

Ja, aber der Betrag ist sehr klein. Für Arme ist es eine gute Hilfe. Allerdings ist die Bürokratie so kompliziert, dass die meisten gar kein Geld erhalten, weil sie es gar nicht beantragen.

Sie haben die meiste Zeit Ihrer Karriere in Brasilien Volleyball gespielt, bis auf ein Jahr bei Trentino Volley. In Italien haben Sie die Champions League kennengelernt.

Es ist der beste Vereinswettbewerb der Welt, wirklich anspruchsvoll. Als ich in Trentino gespielt habe, haben wir in der Runde der letzten Sechs gegen Civitanova verloren. Oft sind es lange Anreisen, nach Russland etwa. Aber lange Anreisen sind wir aus Brasilien ja gewohnt.

Warum haben Sie sich entschieden, in Deutschland zu spielen und nicht in einer stärkeren Liga wie in Italien, Russland oder Polen?

Ich hatte, auch für kommende Saison, einen Vertrag bei SESI São Paulo. Noch vor Corona hat der Verein sich entschieden, alle Verträge zu kündigen und mit einer U21-Mannschaft weiterzumachen. So bin ich auf den Markt gekommen. Ich hatte verschiedene Angebote. Ich habe mich für Berlin entschieden, weil es einer der professionellsten Klubs der Welt ist. Und jetzt, wo ich hier bin, ist es sogar noch besser als erwartet. Natürlich war auch ein Grund, dass Berlin in der Champions League spielt. Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, bei guten Klubs mit guten Spielern zu sein, mit denen man Meisterschaften gewinnen kann. Ich wusste auch, dass Berlin eine tolle Stadt ist.

Als ich in Berlin unterschrieben habe, wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war, aber nicht die leichteste.

Eder Carbonera

Kannten Sie Spieler aus dem Team?

Ich habe schon gegen einige gespielt: gegen Samu Tuia, Pierre Pujol, Sergej Grankin.

Grankin ist wie Sie: Olympiasieger.

Ja, er ist einer der besten Zuspieler der Welt. Er war immer sehr gut, wenn wir gegen Russland gespielt haben. Ich bin glücklich und gespannt, jetzt mit ihm zu spielen. Genauso mit Pujol. Er war lange französischer Nationalspieler. Wir haben in Berlin großartige Spieler auf jeder Position.

Ist Ihre Frau Natalia mit nach Berlin gekommen?

Nein, sie hat gerade als Lebensmitteltechnikerin bei einer neuen Arbeitsstelle in Brasilien angefangen. Sie arbeitet in einer der größten Firmen der Welt. Deshalb kann sie nicht bei mir sein. Das ist der schwierigste Teil für mich. Als ich in Berlin unterschrieben habe, wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war, aber nicht die leichteste. Ich muss damit klarkommen ...

... dass Sie jetzt zu Hause kochen müssen?

Das tue ich sowieso. In den vergangenen beiden Jahren habe ich direkt bei meinem Klub gewohnt und meine Frau hat eine Stunde entfernt gearbeitet. Also habe ich immer gekocht. In den letzten sechs, sieben Jahren haben wir unsere Ernährung verändert. Wir versuchen, gesündere, natürliche Dinge zu essen, kein behandeltes Essen, Speisen ohne Chemie. Damit kennt sich meine Frau ja aus.

Auf Ihrer Instagram-Seite haben Sie einige Fotos vom Olympiasieg 2016 in Rio de Janeiro gepostet. Sie haben im eigenen Land die Goldmedaille gewonnen. Sie weinen auf den Fotos.

Es war so ein besonderer Moment vor dem eigenen Publikum. Vor allem, weil ich vor Olympia 2008 und 2012 jeweils der letzte Spieler war, der aus dem Olympia-Aufgebot gestrichen wurde. Es war also ein großes Ziel für mich. Zwei Monate vor den Sommerspielen 2016 habe ich mir dann den Daumen verrenkt. Der hing herunter. Die Genesungszeit sollte zwei Monate betragen. Aber nach einer Woche habe ich wieder gespielt. Weil Olympia mein Traum war, meine Chance. Ich habe den Daumen mit Tape an den Zeigefinger geklebt. Das kann man auf den Fotos sehen. So habe ich immer gespielt. Ich habe einen Weg gefunden, mich daran zu gewöhnen, und das Problem als Stärke interpretiert, um mein Ziel zu erreichen. Also war die Goldmedaille eine große Erleichterung. Ich kann gar nicht erklären, wie glücklich ich war. Stolz. Mein Land. Mein Traum. Meine Goldmedaille. Schauen Sie, ich bekomme auch jetzt noch Gänsehaut.

Spielen Sie immer noch in der Nationalmannschaft?

Dieses Jahr nicht. Vorigen Sommer habe ich beim Nations-League-Finale in Chicago mitgespielt und bei den Pan-American-Games.

Also ist Olympia in Tokio in Ihrem Kopf?

Nach 2016 dachte ich, ich spiele mit meinem Team in der Liga. Und wenn ich berufen werde, komme ich ins Nationalteam. Ich bin sehr stolz darauf, mein Land zu repräsentieren. Ja, Olympische Spiele zu erleben, ist eine unglaubliche Erfahrung. Deshalb ist Tokio schon in meinen Gedanken. Ich möchte noch einmal gewinnen.

Haben Sie eine besondere Erinnerung an Brasilien mit nach Berlin genommen?

Ich habe die brasilianische Fahne eingepackt ...

... und an die Wand gehängt?

Noch nicht. Ich habe noch gar nicht alle Taschen ausgepackt, die ich mitgebracht habe. Vielleicht kommt die Fahne an die Wand oder auf den Balkon. Ich habe natürlich auch eine Menge Fotos von meiner Frau und mir dabei und von meiner Familie.

Und Ihre ersten Eindrücke von Berlin?

Ich hatte gute Erinnerungen an Berlin, denn ich war 2003 mit der Jugend-Nationalmannschaft schon hier. Jetzt kommt mir die Stadt sogar noch schöner vor. Ich hatte noch nicht viel Zeit, sie zu erkunden, weil wir ja erst noch den Corona-Test in der Charité hatten. Außerdem haben wir wegen Corona ja auch Regeln zu beachten. Ich wohne jedenfalls in der Nähe der Trainingshalle im Grünen. Das ist sehr ruhig, sehr schön, nur einen Block entfernt von den anderen brasilianischen Teamkollegen. Außerdem ist es hier auf Beach Mitte wunderschön. Du kannst hier in diesem Teil trainieren und dann rübergehen, ein Getränk holen, dich hinsetzen, entspannen. Ich habe meiner Frau schon ein paar Videos davon geschickt. Sie war begeistert.

Das Gespräch führte Karin Bühler.