Eigentümer des FC Chelsea: Der Ära Abramowitsch droht womöglich das Ende

Moskau -  Pressekonferenzen meidet er, sein letztes Interview soll er vor über zwölf Jahren gegeben haben, er gilt als der verschlossenste aller russischen Oligarchen. Aber es gibt Momente, da öffnet Roman Abramowitsch, 51, seine Seele sperrangelweit, vor zehntausenden Zuschauern und laufenden TV-Kameras: Etwa vergangenen Mai, als sich der langjährige Chelsea-Kapitän John Terry vor dem jubelnden Zuschauern im Stadion an der Londoner Stamford Bridge verabschiedete. Dabei dankte Terry per Mikrofon auch dem „besten Eigentümer im Weltfußball“. Abramowitsch stand strahlend in seiner VIP-Loge, winkte in die Menge, faltete dann seinerseits die Hände zu einer demutsvollen Dankesgeste.

Eineinhalb Jahre nach dem Spieler Terry könnte sich auch der Besitzer Abramowitsch von seinem Lieblingsklub trennen. Seit Monaten spekulieren russische und britische Medien über einen möglichen Verkauf des Chelsea FC, angeblich verlangt der Russe für den Klub die Rekordsumme von drei Milliarden Pfund. Nach Angaben der Agentur Bloomberg hat Abramowitsch bereits die New Yorker Handelsbank Raine Group LLC als Berater für das Geschäft eingeschaltet. Damit reagiert Abramowitsch offenbar auf Probleme, die die britischen Behörden dem kremlnahen Geldmann machen, seit der Fall Skripal das Verhältnis zwischen beiden Ländern abstürzen ließ. Der Ära Abramowitsch, die das Fußball-Geschäft in ganz Europa verändert hat, droht der Abpfiff.

Jahre des Geldes

Der Magnat, laut Forbes selbst 10,8 Milliarden Dollar reich, kaufte den vom Bankrott bedrohten Chelsea FC im Juni 2003 nach angeblich nur 20 Verhandlungsminuten. Preis: 140 Millionen Pfund, damals auch Rekord. Und Abramowitsch schob gleich 120 Millionen Pfund für Spielerkäufe nach, prompt schaffte es Chelsea 2004 bis ins Champions-League-Halbfinale. Es folgten Jahre des Geldes und der Siege. Abramowitschs Mannschaft holte in 15 Jahren fünf nationale Meisterschaften und einen Champions-League-Pokal, insgesamt 17 Titel. Zum Vergleich: In den 90 Jahren vorher errangen die Blues 15 Titel, darunter gerade mal eine englische Meisterschaft.

Abramowitsch gab bis dahin unerhörte Summen für immer neue Spitzenspieler aus, 36 Millionen Euro für Didier Drogba, 13 Millionen Euro für Peter Cech, 18 Millionen Euro für Arjen Robben,  zehn Millionen für den alternden Andrij Schewtschenko und 7,5 Millionen Euro Jahresgehalt für Coach José Mourinho. Der Russe verschliss insgesamt elf Startrainer, ließ sich laut dem Boulevardblatt The Sun in dieser Zeit allein die Abfindungen für die gefeuerten Übungsleiter 89,3 Millionen Pfund kosten. Außerdem zahlte er, so der Daily Mail, 2,5 Milliarden Pfund für die Gehälter seines kickenden und managenden Personals, weitere 1,5 Milliarden für Spielerkäufe. Insgesamt weit über 4 Milliarden Pfund.

Türöffner in die Society

Abramowitsch wurde der Mann, der die Mode im englischen Fußballprofi diktierte. Die Unsummen, die er für Chelsea demonstrativ aus dem Fenster warf, produzierten sportliche Titel, auf die halb London stolz war. Und halb Russland. Die Londoner Fans skandierten „Kalinka, Kalinka“, in sibirischen Provinzstädten eröffneten reihenweise Pubs mit dem Namen Chelsea. Der Fußball öffnete Abramowitsch aber auch Türen zur Londoner High Society. In seiner Loge an der Stamford Bridge tauchten Lord Rothschild auf oder Bernie Ecclestone. „Er braucht keine PR-Agentur, er hat Chelsea“, zitieren die britischen Autoren des Buches „Londongrad. From Russia with Cash“ einen russischen Wirtschaftsanalytiker.

Aber der Fußballzar von Londongrad konnte sich nicht wirklich im inneren Kreis der Hauptstadt-Snobility festsetzen. Zwar hat er fünf seiner sieben Kinder auf englische Schulen geschickt, zwar basiert sein Stahl und Bergbau-Konzern Evraz in London, aber dessen größte Betriebe arbeiten in Russland. Und jetzt tobt zwischen Briten und Russen ein neuer Kalter Krieg. Nach dem Giftanschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergei Skripal im März machte Großbritannien russische Geheimdienstler verantwortlich. Und Abramowitsch bekam Schwierigkeiten. Die britischen Behörden verlängerten sein Ende April auslaufendes Jahresvisum nicht. Und ein im Januar erlassenes Gesetz bietet britischen Kriminalisten zusätzliche Handhaben bei der Überprüfung mutmaßlich illegaler Investitionen. Sie könnten Abramowitsch treffen, ebenso die neue britische Sanktionsliste, auf der er laut The Times gelandet ist: „Wenn unseren Gesetzgebern der Mut reicht“, schreibt die Zeitung, „geraten nicht nur seine Immobilien in Gefahr, sondern auch Chelsea.“

Angebot von Ratcliffe abgelehnt

Schon im Mai beschaffte sich der Milliardär einen israelischen Pass, mit dem er jährlich sechs Monate ohne Visa in England leben kann. Aber laut Bloomberg hat er sich dort seit Monaten nicht mehr blicken lassen. Und kurz nach der Visa-Sperre für seinen Eigentümer stoppte Chelsea den geplanten Ausbau der mit 40 000 Plätzen viel zu kleinen Stamford Brigde.

Aber noch kann Abramowitsch nicht von Chelsea lassen. Obwohl Auditoren von KPMG den Wert des Vereins auf 1,26 Milliarden Pfund taxieren, lehnte er im Juni ein Angebot des britischen Großindustriellen Bill Ratcliffe von über zwei Milliarden Pfund glatt ab.  Vielleicht auch, weil Abramowitsch nicht weiß, wo er dieses Geld anlegen könnte.

Der Petersburger Wirtschaftswissenschaftler Dmitri Trawin hält eine finanzielle Rückkehr in Putins Russland für riskant. „Der Kreml zwingt seine Großunternehmer sehr gern, ihr freies Geld in staatliche Infrastrukturprojekte zu stecken.“ Trawin rät, der Milliardär solle sein Geld besser in einem dritten Land anlegen, etwa in Israel. Aber fraglich, ob Abramowitsch nach Chelsea sein Herz an Maccabi Tel Aviv verlieren wird. Wenn Abramowitsch wirklich verkauft, wird er noch sehr lange von der Stamford Bridge träumen.