Jayson Granger ist nicht nur Dirigent des Alba-Spiels, sondern kann auch erfolgreich zum Korb ziehen.
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BerlinWenn die 60 Sekunden in der Auszeit nicht reichen, muss eben auch noch der Weg von der Bank auf das Feld genutzt werden. Nicht einfach nur das hinnehmen, was der Coach einem gerade erzählt hat, sondern die Zeit bis zum nächsten Einwurf oder Freiwurf nutzen, um an der Abstimmung zu arbeiten. Immer wieder war Jayson Granger im offenen Dialog, vorrangig mit Maodo Lo, bei der Heimniederlage gegen den FC Bayern München zu sehen. Schließlich gab es während des Spiels viel zu besprechen, waren doch auch gegen die Bayern Fehler und schlechte Phasen zu beklagen, die bereits eine Woche zuvor in Tel Aviv aufgetreten waren.

Fünf neue Spieler gilt es bei Alba Berlin nach dem abgelaufenen Sommer in das für Spieler so freie System von Coach Aito zu integrieren. Vielleicht sind die Akteure von Alba Berlin auch wegen dieser Freiheit des eigenen Spiels in ihrer Entwicklung noch nicht so weit wie der FC Bayern München. Der tauschte zwar auch den halben Kader aus, aber wird von Trainer Andrea Trinchieri deutlich mehr dirigiert.

Doch selbst das in Berlin seit der Ankunft von Reneses praktizierte Spiel des Lesens und Reagierens auf neue Situationen und Veränderungen im Verlauf der 40 Minuten Nettospielzeit benötigt einen Dirigenten. Jemanden, der auf dem Feld die Fäden in den Händen hält. Bei Alba hat man vor gut vier Jahren Peyton Siva den Taktstock in die Hand gedrückt. Als Adjutanten liefen neben ihm zumeist junge und entwicklungsfähige Spieler auf, die in seinem Schatten reifen und besser werden sollten.

Seit dem 2. August hat sich das geändert. Nicht, weil Peyton Siva einen schlechten Job gemacht hat, eher deshalb, weil er häufig verletzt ausgefallen war. Wohl deshalb verkündete der deutsche Meister an diesem 2. August das, was schon Wochen zuvor als Gerücht durch die Fanforen lief: die Verpflichtung von Jayson Granger. Seit wenigen Tagen 31 Jahre alt und in der Vergangenheit für zahlreiche Spitzenteams in Europa aktiv. Ein Spieler, der die Fähigkeit besitzt, Mitspieler besser zu machen und gut aussehen zu lassen. Ein Spieler, den es braucht, um auch in der Euroleague konstant zu performen. Ein Spieler, der eigentlich zu gut für Alba Berlin scheint.

Grangers Verletzungspech der vergangenen Jahre ist Himar Ojedas Transferglück. „Unter normalen Umständen wäre Jayson niemals ein Spieler von Alba geworden“, sagt der Sportdirektor und schiebt die Begründung ungefragt hinterher: „Einfach, weil er finanziell normalerweise weit außerhalb unserer Möglichkeiten liegt und immer ein Team findet, das ihm deutlich mehr bezahlen kann als wir.“

Aber da waren eben auch die bereits erwähnten Verletzungen. Vor dem Meisterschaftsturnier in Spanien, das er mit Baskonia Vitoria gewann, war Granger zehn Monate durch eine Verletzung am linken Fuß nicht spielfähig. Diese zehn Monate haben offensichtlich auch seine Sicht auf den Basketball verändert. „Die Verletzungen, die Jayson in den letzten Jahren gehabt hat, haben ihn in eine Lage gebracht, in welcher Geld nicht mehr die oberste Priorität war, sondern eine gute Gesamtsituation ausschlaggebend ist“, sagt Himar Ojeda, „ich wollte Jayson nicht nur holen, weil er ein guter und gestandener Euroleague-Spieler ist, sondern auch weil ich schon mit ihm zusammengearbeitet habe und ihn gut kenne.“

Die gute Beziehung war ein wichtiger Punkt, warum Granger tatsächlich mit Ehefrau Milena Martin, eine Basketballreporterin in Spanien, und dem knapp einjährigen, gemeinsamen Kind nach Berlin gekommen ist. Aber längst nicht der einzige: „Alba ist der perfekte Ort für mich, um meinen Rhythmus und mein Selbstbewusstsein zurückzugewinnen. Insbesondere, weil Aito hier der Headcoach ist“, erzählt der 31-Jährige.

Wenn er mal nicht mit der kleinen Familie die neue, sportliche Heimat erkundet, macht er sich in der Trainingshalle in der Schützenstraße mit den neuen Mitspielern vertraut.  Und das, was er dort bislang gesehen hat, gefällt ihm, auch wenn es ihn fordert: „Im Training jetzt einen Haufen 20-Jähriger mit frischen Beinen gegen mich zu haben, die jedes Training ohne Ende rennen, ist perfekt für mich“, sagt er, „ich war von Beginn an überrascht, wie intensiv sich meine Mitspieler im Training messen. Wir haben eine Menge sehr junger Spieler, die zwar Respekt vor den älteren haben, sich aber gleichzeitig mit ihnen messen wollen. Mir gefällt das sehr.“

Und den Verantwortlichen bei Alba Berlin wird gefallen, was sie von ihrem neuen, zweiten Dirigenten im Team zu sehen bekommen. Ausgestattet mit einem zuverlässigen Wurf von der Dreierlinie – aktuell 44 Prozent bei neun Würfen in zwei Spielen - ist es vor allem die Ruhe, die Jayson Granger auf dem Feld ausstrahlt und mit der er das Spiel auf sich zukommen lässt. Unaufgeregt, kontrolliert, nahezu fehlerfrei und immer alles im Blick. Egal ob die Wurfuhr oder die Mitspieler.

Ein Beispiel? Nicht einmal zwei Minuten nach seiner Einwechslung im ersten Viertel gegen Bayern München gab es durch seinen perfekt getimten Pass auf Luke Sikma nicht nur den ersten positiven Eintrag im Spielberichtsbogen, sondern ein staunendes Raunen der 700 Zuschauer, die in der Arena am Ostbahnhof gegen die Bayern erlaubt waren. „Ich liebe es, meine Mitspieler besser zu machen und versuche eine Gewinnermentalität mitzubringen“, sagt er, „ich bin ein vielseitiger Spieler, der ein bisschen was von allem kann. Die vergangenen Jahre habe ich nicht so viel gespielt, ich habe also viel Energie in meinem Körper, die raus will.“

Energie, die es aber auch braucht, um nicht nur in der Zeit auf dem Feld, sondern gerade in den Phasen auf der Bank hellwach und aufmerksam zu sein. Einen besseren Platz als den direkt neben Co-Trainer Sebastian Trzcionka hätte sich Jayson Granger dafür nicht aussuchen können. Dort gibt es nicht nur einen sehr guten Blick auf das Spiel der eigenen Mannschaft, sondern auch den Statistikbogen nach jedem Viertel direkt aus erster Hand. Das liefert einem Dirigenten die Informationen über die eigenen, aber auch die gegnerischen Stärken und Schwächen im Spiel. Und sorgt vielleicht für die richtigen Impulse, wenn es wieder auf das Feld geht.

Die persönlichen Zahlen auf dem Bogen haben auch bei der Niederlage gegen Bayern München positiv für Jayson Granger ausgesehen. Wieder hat er zehn Punkte erzielt, diesmal sogar sieben Assists verteilt und sich in beiden Euroleague-Partien zusammen gerade einmal einen Ballverlust geleistet. Doch wird ihn das wenig interessieren. Auch so einem erfahrenen Spieler wird nicht entgangen sein, dass ihm mitunter noch die richtige Balance zwischen dem schnellen Weiterpassen und dem Suchen des eigenen Abschlusses fehlt. Dass die Abstimmung zwischen allen Mannschaftsteilen in den ersten beiden Partien noch nicht stimmte. Auch deshalb setzt er auf möglichst viel Kommunikation mit den Mitspielern. Um sie und die Leistung der gesamten Mannschaft besser zu machen.