Die A-Junioren von Hertha BSC vor dem Finale um die Deutsche Meisterschaft im Jahr 2018.
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Berlin90 Minuten waren gespielt im Finale um die Deutsche Meisterschaft der A-Jugend zwischen den großen Talenten von Hertha BSC und dem starken Nachwuchs von Schalke 04. Herthas Trainer Michael Hartmann wartete beim Stand von 3:1 für seine Schützlinge sehnsüchtig auf den Abpfiff und wechselte in der Schlussminute den erst 17-jährigen Stürmer Jessic Ngankam ein, um Zeit von der Uhr zu nehmen. Kurz danach war alles vorbei und die junge Hertha, die als der „goldene 99er-Jahrgang“ bezeichnet wurde, feierte kräftig. All das ist nun zweieinhalb Jahre her, geschehen im Mai 2018 vor 9.400 Zuschauern in Oberhausen.

Angreifer Jessic Ngankam, inzwischen 20 Jahre alt, zählt aktuell zu den Spielern aus der Endspielmannschaft von 2018, die a) den Sprung in den Profifußball geschafft haben und b) bei ihrem Ausbildungsverein Hertha BSC in den Profikader von Trainer Bruno Labbadia aufgerückt sind und tatsächlich auch zum Einsatz kommen. Dem wuchtigen Deutsch-Kameruner gelang der schwierige Übergang vom Jugendfußballer zum Profi relativ schnell. In der U23 von Hertha, fast immer  zweite Station nach der U19, kam er in der Vorsaison auf zwölf Tore und zwölf Assists. Unter Labbadia stehen schon fünf Einsätze in der Bundesliga zu Buche und bei der jüngsten 3:4-Niederlage der Hertha beim FC Bayern München schaffte er seinen ersten Treffer im Oberhaus – per Kopf. Schon zuvor war Ngankam ins Visier anderer Vereine geraten und kurz vor Transferschluss liebäugelte er mit einem Wechsel zum SC Paderborn, wo Trainer Steffen Baumgart um ihn warb. Manager Michael Preetz konnte Ngankam vom Verbleib in Berlin überzeugen.

Andere ehemalige Mitspieler des Stürmers, der mit einer Urgewalt daherkommt, haben allerdings zuletzt ihren Heimatverein Hertha verlassen. So wechselte der noch jüngere Lazar Samardzic, 18, zu RB Leipzig. Der gilt als Mann mit großer Zukunft. „Lazar hat sich letztlich nun für einen anderen Weg entschieden, als den, den wir ihm bei Hertha aufgezeigt haben und gemeinsam gehen wollten“, sagte Preetz. Aus der Endspiel-Truppe von 2018 wechselte Mittelstürmer Muhammad Kiprit, 21, ein ausgewiesener Torjäger, vor wenigen Wochen zum Drittligisten KFC Uerdingen. Hertha besitzt aber eine Rückkaufoption.

Am letzten Tag der Transferperiode wurde in Arne Maier, 21, der Kopf der 2018er-Meister, auf eigenen Wunsch an Arminia Bielefeld ausgeliehen, damit er dort mehr Spielpraxis bekommt. Maier besitzt einen Vertrag bis 2023 bei Hertha und soll natürlich gestählt nach Berlin zurückkehren.

Anfang dieser Woche verließ mit Florian Baack, 21, ein weiterer Finalspieler von 2018 die Hertha und schloss sich dem Schweizer Zweitligisten FC Winterthur an. Er sieht dort bessere Perspektiven als in Berlin mit dem qualitativ hochwertigen Profikader.

Für Michael Hartmann sind diese doch zahlreichen Wechsel in kurzer Folge keine große Überraschung. Er sagt: „Viele meiner Meisterspieler von einst haben das Potenzial, in den Profifußball zu kommen, aber dafür benötigt man nicht nur Fleiß, mentale Stärke, Ausdauer und viel Talent – auch Glück gehört dazu. Und manche Talente müssen auch Umwege gehen. Wir können nicht alle in Berlin halten.“

Wie sieht sie aus, die Bilanz des „goldenen 99er Jahrgangs“? Ein kurzer Überblick:

Dennis Smarsch, 21: Der Torhüter kam unter Trainer Ante Covic 2019 zu seinem Erstligadebüt – ausgerechnet beim 0:4 beim FC Augsburg, wo er nach 29 Minuten für Rune Jarstein nach dessen Roter Karte ins Spiel kam. Danach erfolgte die Trennung von Covic. Unter Labbadia stand Smarsch noch einmal im Tor gegen Mönchengladbach (1:2). Er wurde an den FC St. Pauli ausgeliehen und Hertha besitzt eine Rückhol-Option.

Max Mulack, 21: Einst Stammkraft in der U19 wechselte er einige Klassen tiefer und ist beim Landesligisten FV Erkner am Ball. Hartmann: „Ein zuverlässiger Spieler, aber es war klar, dass er kein Profi werden wollte.“

Panzu Ernesto, 21: Stammspieler bei der U23 unter Trainer Zecke Neuendorf.

Timo Hummrich, 21: Hummrich bekam ein Stipendium an der Universität von Delaware in den USA, studiert und spielt dort bei den „Blue Hens“ der Uni.

Mateo Kastrati, 20: Er wechselte zu NK Sesvete in die zweite Liga Kroatiens.

Max Gurschke, 20: Spielt in der U23 in der Regionalliga Nordost.

Julius Kade, 21: Debütierte mit 17 bei den Profis, war aber oft verletzt und ging zum 1. FC Union, wo er aber nicht zum Einsatz kam. Aktuell bei Drittligist Dynamo Dresden. Hartmann: „Er hat ein Jahr verloren, weil er bei Union nicht spielte.“

Florian Krebs, 21: Der Kapitän der Meisterelf versuchte sein Glück beim Chemnitzer FC und ist gegenwärtig bei Borussia Dortmund II in der Regionalliga West am Ball.

Palko Dardai, 21: Der älteste Sohn von Pal Dardai kam unter seinem Vater einst zu neun Erstligaspielen, pendelte zwischen Profis und U23, wo er im Moment spielt. Vielleicht würde ihm eine Ausleihe zu einem anderen ambitionierten Verein gut tun.

Nikos Zografakis, 21: Er spielt beim VfB Stuttgart II in der Regionalliga Südwest.

Dennis Jastrzembski, 20: Der schnelle Mann kam unter Pal Dardai einst zu fünf Erstligaeinsätzen, wurde später von Ante Covic in die U23 geschickt. Er spielt seit Januar 2020 auf Leihbasis beim SC Paderborn.

Julian Albrecht, 19: Er ist Stammkraft in der U23 von Hertha.

Trainer Michael Hartmann, 46, der einst 153 Bundesligaspiele für Hertha bestritt, hält noch lockeren Kontakt mit einigen seiner Champions von 2018, leitet nun den aktuellen Jahrgang der A-Junioren an. Mit Marton Dardai, 18, und Luca Netz, 17,  hat er zwei wichtige Spieler an Profi-Coach Bruno Labbadia oder auch wechselweise an die U23 „verloren“. Darüber ist er nicht traurig, denn das ist Ausdruck der guten Arbeit der Nachwuchstrainer.