Viele Fans reisten aus Bergamo nach Mailand und sorgten somit wohl für eine dramatische Verbreitung des Virus. 
Foto: Insidefoto/Imago Images

RomAm 19. Februar schien das Coronavirus noch weit entfernt. Auch in Italien. Das Land hatte zwar seit Ende Januar Direktflüge aus China unterbunden. Doch erst zwei Tage später wurden die ersten Coronavirus-Fälle in der südlichen Lombardei bekannt und anschließend Sperrmaßnahmen ergriffen. Der 19. Februar könnte jedoch ein fataler Tag für Norditalien gewesen sein. An diesem Mittwochabend fand in Mailand ein Fußballspiel statt, das sich als Beschleuniger der Epidemie in der Gegend ausgewirkt haben könnte.

Die genauen Wege des Virus sind im Nachhinein kaum zu verfolgen. Doch in Italien sind immer mehr Experten überzeugt, dass der Champions-League-Abend zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia verhängnisvolle Folgen hatte. Am Dienstag äußerte sich in dieser Hinsicht erstmals auch der oberste Katastrophenschützer des Landes. Angelo Borrelli, Chef des italienischen Zivilschutzes, sagte in einem Interview mit La Repubblica: „Das Spiel war ein potenzieller Zünder.“

Das Spiel hat die Ausbreitung beschleunigt

Ausgerechnet der historische Erfolg der Mannschaft von Atalanta Bergamo beschleunigte offenbar die Ausbreitung des Virus. Nie zuvor in seiner Vereinsgeschichte hatte Bergamo das Achtelfinale der Champions League erreicht. Aus diesem Grund entschied die Vereinsführung für das Spiel den Umzug aus der Kleinstadt im Norden Mailands in die Metropole. Während in Bergamo nur 21 000 Zuschauer ins Stadion passen, sind es im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion wesentlich mehr, die Einnahmen waren höher. 44 236 Zuschauer besuchten das Spiel letztendlich. 2 500 Fans waren aus Valencia angereist.

Unter den Tifosi waren damals auch Bewohner von Gegenden bei Bergamo, die bald als Corona-Infektionsherde bekannt werden sollten. Mehr als 500 Anhänger kamen aus dem Val Seriana, einer Industriegegend, in der sich das Virus rasch verbreitete. Einer der ersten Infektionsherde in Italien war das Krankenhaus von Alzano Lombardo, einer Kleinstadt bei Bergamo. Vom Krankenhaus, wo nicht genügend Schutzmaßnahmen ergriffen wurden, verbreitete sich das Virus weiter aus. Im Mailänder Stadion trug sich dann gleichzeitig Fußballgeschichte, aber offenbar auch Verhängnisvolles zu. Bergamo gewann 4:1, Zehntausende feierten, umarmten sich, schrien und waren beglückt – und steckten sich gegenseitig an.   „Wir können sagen, dass Atalanta-Valencia das Spiel null gewesen ist“, sagte der römische Infektiologe Francesco Le Foche. Zwei Wochen nach dem Spiel, die Zeit, die Experten als Inkubation des Virus ansetzen, explodierten die Ansteckungszahlen in Bergamo. Heute ist Bergamo die am stärksten vom Corona-Virus betroffene Stadt in Italien. Mehr als 1 000 Corona-Opfer gab es bereits im Landkreis, die Ansteckungszahlen steigen weiter.

Besonders bitter ist, dass ein kollektives Glückserlebnis die Tragödie vorwegnahm. Auch das Rückspiel am 10. März in einem menschenleeren Stadion in Valencia gewann Atalanta Bergamo, mit 4:3, doch zum Feiern gibt es schon länger keinen Grund mehr. „Es ist schrecklich, dass wir diese Spiele gespielt haben“, sagt Atalanta-Kapitän Alejandro Gomez. „Vor allem das Hinspiel in Mailand.“