Duell auf Augenhöhe: Die VSG Altglienicke und Viktoria Berlin liefern sich einen spannenden Kampf um die Spitze der Regionalliga Nordost.
Matthias Koch

BerlinKarsten Heine, 65, der Cheftrainer der VSG Altglienicke, ist etwas enttäuscht.  Am Freitag wurde das Derby gegen den BFC Dynamo abgeblasen, bei einem Spieler der Hohenschönhausener besteht der Verdacht auf eine Corona-Infektion. „Das ist sehr schade“, sagt Heine, doch bekräftigt: „Aber das eben ist die Zeit, in der wir gerade leben. Ich hoffe, dass sich der BFC-Spieler schnell erholt.“ Eigentlich hatte sich sein Team auf ein weiteres Spitzenspiel im Kampf um den direkten Aufstieg in die Dritte Liga erhofft. Die VSG steht nach sieben Siegen, einem Remis und einer Niederlage -  ausgerechnet einem 1:2 bei Viktoria 89 - auf Rang zwei. Stattliche 22 Punkte hat das Team aus dem Südosten Berlins bislang gesammelt. Dennoch beträgt der Rückstand zum ungeschlagenen Spitzenreiter Viktoria 89 aus Lichterfelde fünf Zähler. Sogar schon satte zwölf Punkte fehlen dem Tabellendritten FC Carl Zeiss Jena auf den Tabellenführer. Heine sagt: „Viktoria steht zu Recht ganz oben, die sind sehr gefestigt, aber auch sie werden bestimmt in eine Phase kommen, in der es nicht optimal läuft und in dem Moment müssen wir da sein.“

Wird also, keine weiteren Corona-Absagen vorausgesetzt, alles in dieser brisanten Staffel mit zahlreichen Traditionsvereinen auf einen spannenden Zweikampf hinauslaufen?

Heine glaubt das nicht. „Jena kommt gewaltig von hinten, auch Chemie Leipzig spielt bislang sehr stabil. Die haben in der Vorsaison wenige Tore geschossen und viele Unentschieden geholt, aber jetzt hat sich Chemie offensiv gut verstärkt. Und in Leutzsch vor einem fanatischen Publikum zu spielen, ist immer schwer. Auch der BFC Dynamo ist natürlich zu beachten.“ Heine sagt auch: „Jena und Chemnitz hatten als Absteiger aus der Dritten Liga einen Nachteil, weil die Dritte Liga spät zu Ende ging, die Spieler kaum Urlaub hatten und die Trainer nur eine kurze Vorbereitungszeit bekamen.“

Auch Benedetto Muzzicato, 42, der Trainer des Spitzenreiters Viktoria 89, wie Heine ein kommunikativer Mann, sieht die Situation ähnlich wie sein Gegenspieler. „Jena hat sich verstärkt und in Dirk Kunert einen erfahrenen Coach geholt. Auch Energie Cottbus wird mit dem neuen Trainer Dirk Lottner bestimmt noch ein ernsthafter Konkurrent. Diese Saison ist noch sehr lang und alle warten auf Ausrutscher von uns und von Altglienicke.“

Trainer reden nicht unbedingt gern über ihren unmittelbaren Konkurrenten, aber Karsten Heine sagt auf Nachfrage: „Viktoria hätte schon in der Vorsaison weiter oben landen müssen (Platz 8, d.A.). Sie hatten da schon einen starken Kader. Das Gros der Spieler ist geblieben und man hat sich sehr gut verstärkt und breiter aufgestellt. Viktoria besitzt eine gute Mischung aus erfahrenen Leuten und jungen hungrigen Spielern.“ Vor allem die Offensive mit dem Finnen Kimmo Hovi (fünf Treffer), dem Brasilianer Lucas Falcao (drei Tore) und dem oft ungestümen Deutsch-Aserbaidschaner Pardis Fardjat-Azad (drei Tore) trumpft auf.

Muzzicato gibt das Lob gern zurück, sagte dieser Zeitung: „Auch wenn Lok Leipzig im Mai die Relegation um den Aufstieg in die Dritte Liga spielen durfte, für mich ist die VSG Altglienicke die beste Mannschaft in der Staffel im Jahr 2020. Sie sind offensiv stark, haben gute Individualisten etwa mit Linus Meyer oder Tolcay Cigerci und funktionieren als Team. Heine und sein Assistent Torsten Mattuschka leisten eine super Arbeit.“

Viktoria, das schon lange vom Aufstieg in den Profifußball träumt und seit März 2019 mit der Hamburger Sports & Entertainment Holding (SEH) einen starken Investor besitzt, muss nun mit der Rolle des Favoriten leben. Eine neue Situation. „Bislang sind wir sehr konstant“, sagt Muzzicato, der zweimal am Tag trainieren lässt, „aber bei Fehlern, etwa der nachlassenden Konzentration am Spielende, muss ich immer wieder den Finger in die Wunde legen.“ Bei den Duellen gegen Chemie Leipzig (3:2) und den VfB Auerbach (3:2) kassierte Viktoria sämtliche Gegentore jeweils in der Schlussphase.

Auch Karsten Heine ist mit seinem Team bislang sehr zufrieden. „Wir haben den Berliner Pokalsieg geholt und sind gut in die Saison gekommen. Wir wollen attraktiven und offensiven Fußball bieten und sind auf einem guten Weg“. Mit 24 Treffern ist die VSG derzeit Spitze in dieser Kategorie, auch wenn am Sonnabend keine weiteren Treffer hinzukommen werden. Konkurrent Viktoria reist indes zu Germania Halberstadt. „Wenn man als Tabellenführer zum Letzten fährt, muss man besonders auf der Hut sein“, warnt Muzzicato, „das wird garantiert kein Selbstläufer.“ Einen Ausrutscher will sich Viktoria auf keinen Fall leisten.