Ein Entwicklungsschritt, an den kaum noch wer geglaubt hat: Der 1. FC Union kann jetzt sogar verteidigen

Weil das Gefühl für einen Fußballer oft wichtiger ist als die Realität, fahren die Eisernen bester Dinge nach Bielefeld, wo sie am Sonnabend (13 Uhr) den dritten Saisonsieg feiern wollen. Die Realität, das waren am vergangenen Wochenende zwei Gegentreffer, aber die konnten nicht zerstören, was in den Köpfen der Union-Spieler in den Wochen zuvor gewachsen ist: der Glaube, endlich mal eine stabile Abwehr zu haben. „Das es so schnell funktioniert, ist erstaunlich. Marvin hat sich enorm entwickelt, Ken ist erfahren und Schmiede auch“, sagt Christopher Trimmel.

Der Viererreihe mit Kapitän Trimmel und Zugang Ken Reichel auf den Außen sowie dem ebenfalls in diesem Sommer nach Köpenick gewechselten Florian Hübner neben Winterverpflichtung Marvin Friedrich im Zentrum und dem weiteren Saison-Zugang Manuel Schmiedebach davor gelingt, woran kaum noch jemand geglaubt hat: Sie erklären den Strafraum der Eisernen zum Sperrgebiet und lassen pro Spiel weniger Schüsse (zehn) zu als in der vergangenen Saison (zwölf), mithin auch weniger Torchancen − und vor allem weniger Treffer. Vier sind es in fünf Ligaspielen bisher, also tatsächlich mal weniger als eins pro Partie. Das gab es über eine gesamte Saison noch nicht beim 1. FC Union − zwischen 1,3 und 1,7 Tore kassierte der Klub durchschnittlich seit dem Aufstieg 2009.

Immer Druck auf den Ball

Natürlich hinkt der Vergleich, da die Spielzeit erst angefangen hat, aber es kommt ja auch mehr auf das Gefühl an, und das besagt: Ihr kommt an uns nicht vorbei. „Vor allem im hinteren Bereich versuchen wir, immer in Überzahl zu sein“, erklärt Trimmel, „aber auch im Eins-gegen-eins setzen wir uns durch.“ Es ist ein Gefühl, das der 31-Jährige so bei Union noch nicht kennt, obwohl er jetzt schon seine fünfte Saison hier spielt. Persönlich war er in den vergangenen vier Jahren zwar meist über Leistungszweifel erhaben, jedoch stets Teil eines wackeligen Verbunds. „Es liegt jetzt nicht nur an den vier Verteidigern“, sagt er, „wir machen es mannschaftlich gut.“ Der Fokus: „Immer Druck auf den Ball, aber wir haben auch eine Absicherung.“

Vor allem vor einem Jahr unter Jens Keller fühlten sich die Defensiven manchmal alleingelassen, wenn das Balleroberungsüberfallkommando nach vorne stürmte − auf Gedeih und Verderb. Deshalb war dieses 0:0 in Sandhausen aus Trimmels Sicht auch viel positiver als das 2:2 gegen Duisburg negativ war. „Für die Moral war das Unentschieden in Sandhausen enorm wichtig, weil wir gesehen haben, dass wir in einem schlechten Spiel einen Punkt holen. Gegen Duisburg waren das individuelle Fehler. Die passieren.“ Soll heißen: Eigentlich ist alles in Ordnung, weil Duisburg ohne Beihilfe nicht zu Chancen kam. „Wir hatten alles unter Kontrolle“, findet denn auch Friedrich, und Reichel pflichtet bei: „Es passt hinten bei uns sehr gut.“

Kreativität im Angriff

Dank dieser Überzeugung fühlen sich die Unioner gewappnet für die Partie gegen die Bielefelder, die wie Urs Fischer vermutet, „zu Hause noch etwas offensiver agieren“ werden. Die Maßgabe ist daher wenig überraschend: Ball erobern und Räume nutzen. Nur eben nicht so kopflos wie in der Vergangenheit. „Kreativität entsteht auf Basis einer konsequenten Planerfüllung. „Wir wissen, wie wir uns zu bewegen haben, im vordersten Drittel ist dann Freiheit. Da ist alles erlaubt“, sagt Trimmel.

Früher war es so, dass Unions Prunkstück, die Offensive, gar nicht hinterherkam mit dem Toreschießen, in dieser Saison könnte ab und zu mal ein Tor zum Sieg reichen. Das ist inzwischen eine realistische Option und der erste große Entwicklungsschritt, den die Mannschaft unter Fischer gemacht hat. Wobei das keineswegs nur an den neuen Defensivkräften liegt. In Zeiten, in denen gegnerische Außenverteidiger oft den Flügelstürmer geben, geht es ohne Unterstützung der Vorderleute nicht. „Da gehört im offensiven Bereich sehr viel Disziplin dazu“, sagt Trimmel. Was sich die Union-Angreifer an Toren vorne sparen, müssen sie hinten in Verteidigungsarbeit investieren. Sie tun dies vielleicht nicht immer gerne, aber aktuell mit dem guten Gefühl, dass es funktioniert.