Ein Vollbad für Viren: Einen Triathlon zu veranstalten kommt einer gigantischen Corona-Party gleich.
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BerlinDas Coronavirus hat die ganze Sportwelt im Griff. Allmählich dämmert vielen, dass es nicht nur um den Fortbestand der Profiklubs und Amateurvereine geht, sondern auch vielen Sportveranstaltern droht das Aus. Ein Gespräch mit Kurt Denk über einen bevorstehenden Kollaps, das Ende einer Rundumsorglos-Story und die Frage, was für die Gesellschaft jetzt wirklich wichtig ist.

Herr Denk, was sind Ihre Befürchtungen in der Coronakrise?

Vieles erinnert mich an mein Gründungsjahr 2002 für den Ironman Frankfurt. Niemand war anfangs bereit, einem Nicht-Triathleten für ein Projekt, den ersten Ironman in einer deutschen Großstadt auszurichten, Geld zu geben. Alle dachten, das geht in die Hose. Ich habe dafür alle Ersparnisse, Haus und Hof bis zum letzten Surfbrett und Skistock eingesetzt.

Und?

Es ist gut gegangen, weil ich Sponsoren gefunden habe und mir die hessische Staatskanzlei geholfen hat. Aber das fällt in der jetzigen Situation alles weg, weil den Veranstaltern ja nicht nur die Startgelder, sondern wohl auch die Sponsoren abhanden kommen werden. Es droht ein Kollaps. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für die Ausrichter von Eintages-Events länger als eine Saison durchzuhalten ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie lange es dauerte, bis überhaupt Rücklagen gebildet sind. Das war erst nach fünf, sechs Jahren möglich.

Zur Person

Kurt Denk ist der Begründer des Frankfurt Ironman. Vor seinem Engagement als Sportveranstalter hatte er ein Unternehmen für Hawaii-Reisen betrieben. Denk gründete für die Organisation seiner Rennen die Agentur Xdreams, ehe sich der Macher Ende 2009 nach dem Verkauf seiner Anteile zurückzog. Der 70-Jährige lebt mit seiner Familie in Maintal.

Sie haben mit Ihrer Agentur Xdreams lange Zeit mehrere Ironman-Rennen organisiert. Wie viel Geld hat ein Veranstalter denn so in der Kasse?

In den Jahren, in denen wir gut gewirtschaftet hatten, waren das schon mal 300.000, 400.000 Euro. Wenn ich heute die Ironman-Lizenz noch hätte, würde ich ein Jahr durchkommen. Aber nur, wenn ich alle Firmenwagen verkaufen, die Angestellten auf Teilzeit halten und auf mein Gehalt verzichten würde.

Einen Hilferuf hat die German Road Races als Interessenvertretung der deutschen Läufe losgelassen, die sich um 120 Veranstaltungen kümmert. Die Politik wird aufgefordert, den Rettungsschirm über die Laufveranstalter zu spannen. Sie hatten gute Drähte in die hessische Politik: Findet der Sport denn Gehör?

Ich halte es für wichtig, dass die Laufveranstalter ihre Lage öffentlich schildern, aber eine Hilfe halte ich für unrealistisch. Die Politik hat jetzt die erste Aufgabe, sich um die systemrelevanten Themen zu kümmern. Jeder muss sich bei dieser noch nie dagewesenen Krise fragen, was wirklich für die Gesellschaft wichtig ist. Der wirtschaftliche Einbruch wird eventuell härter als 1928 und viel, viel härter als 1987 oder 2008 sein. Das ist vielen noch gar noch so bewusst. Wir sind alle Nachkriegsmenschen, die in einer Knopfdruckgesellschaft aufwachsen sind. Frei nach dem Motto: „Ich hätte gerne, ich möchte gerne – danke, dass ich es bekommen habe“. Die Rundumsorglos-Story ist allerdings vorbei.

Damit stehen nach Ihrer Meinung auch die großen Sportevents auf dem Prüfstand?

Die Frage wird beispielsweise für Frankfurt bald kommen, ob wir jedes Jahr eine Marathon-Veranstaltung mit 50.000 Teilnehmern, einen Ironman mit 3.000 Startern oder ein Radrennen mit 100.000 Zuschauern brauchen. Zuallererst wird es nach der Krise darum gehen, die Produktion wieder in Gang zu bekommen und die Arbeitsplätze zu retten. Erst danach können wir darüber reden, wer aus dem Have-Fun-Business unterstützt werden kann. Ich glaube, dass sich der Sport, auch der Fußball, hinten anstellen müssen. Das Unternehmen Fraport, die Lufthansa, der Flughafen haben doch für den Standort Frankfurt mit all ihren Arbeitsplätzen eine wesentlich größere Bedeutung als alle Sportveranstaltungen.

Meinen Sie, dass die Folgen für den Sport drastisch sein werden?

Das klingt bitter, aber ich glaube, dass die Politik so entscheiden wird. Ich möchte wirklich nicht in der Haut der Verantwortungsträger stecken, denn das Geld wächst nicht auf den Bäumen, sondern muss auch von den nächsten Generationen zurückgezahlt werden.

Der Umgang mit den Veranstaltungen ist teils sehr unterschiedlich, das zeigt auch der Triathlon. Challenge Roth hat sein Rennen am 5. Juli mit seiner Starbesetzung schweren Herzens abgesagt, während der Frankfurt Ironman eine Woche zuvor offiziell noch stattfinden soll.

Was Felix Walchshöfer (Veranstalter des Challenge Roth, Anm. d. Red.) entschieden hat, zeugt von Verantwortung und Fürsorge. Dass der Ironman Frankfurt noch rumeiert, verstehe ich nicht! Das ist mir unbegreiflich und nicht nachvollziehbar.

Die Ironman-Gruppe hat am Dienstag Pressemeldungen versandt, dass sie jetzt mit Partnern für virtuelle Fitnessgeräte kooperiert. Es gibt jedoch keine Aussage darüber, dass der Ironman Frankfurt am 28. Juni abgesagt wird. Können sich denn in weniger als drei Monaten wirklich 3.000 Triathleten am Langener Waldsee zum Schwimmen aufstellen und Tausende Zuschauer am Römer stehen?

Wer bei gesundem Menschenverstand ist, weiß doch: Solch eine Veranstaltung ist ein reiner Durchlauferhitzer für Viren! Ein Ironman ist ein Blut-Schweiß-Tränen-Event, bei dem die Leute den Athleten die Hände abklatschen; wo die Helfer feuchte Schwämme reichen. Allein die Fürsorge für diese Menschen, aber auch die Verantwortung für die Gesellschaft gebietet es, diese Veranstaltung sofort abzusagen. Es ist auch gegenüber den Athleten dringend geboten, sich den Realitäten zu stellen.

Die Sportart, die unverändert in optimistischen Szenarien denkt, ist der Fußball. Die Bundesliga hat erneut bekräftigt, dass sie mit Geisterspielen diese Saison möglichst bis 30. Juni zu Ende bringen will.

Der Fußball, speziell die Profis, leben noch in einer sehr komfortablen Parallelwelt. Den meisten scheint noch gar nicht bewusst – Ausnahme waren die sehr mahnenden Worte von Uli Hoeneß und die reflektierten Einlassungen von Joachim Löw –, dass dies gesellschaftlich gar nicht durchzusetzen ist: Wir können doch nicht Geisterspiele veranstalten, bei denen sich in abgeschirmten Arenen 22 Millionäre über den Rasen bewegen, während draußen die Zahl der Kurzarbeiter in die Höhe geht. Das ist ein irres Ding. Nochmal: Wir müssen uns fragen, was ist für das Überleben der Wirtschaft, für das Miteinander der Gesellschaft wichtiger: die Firmen und Betriebe am Laufen zu halten oder die Brot-und-Spiele-Geschichte. Der Profifußball muss aufpassen, dass ihm durch seine abgehobene Sicht nicht das gierige Boni-Banker-Image droht.

Der Profifußball argumentiert damit, einen Wirtschaftszweig mit fast fünf Milliarden Umsatz und mehr als 50.000 Mitarbeitern abzubilden. Zudem bräuchten die Menschen auch Ablenkung.

Die Situation ist anders als bei den alten Römern: Es geht nicht mehr um Ablenkung, sondern ums Überleben: Viele aus unserer Bevölkerung werden bald vor existenziellen Fragen stehen und nicht davor, ob sie Samstagnachmittag ein Geisterspiel aus der Bundesliga im Fernsehen sehen können. Ich empfehle dem Profisport ein Jahr Tauchstation mit allen negativen Folgen. Es wird womöglich auch einige Fußballvereine hart treffen, aber erst wenn der Impfstoff vorhanden ist, kann man wieder Fahrt aufnehmen.

Viele merken ja inzwischen, dass auch ein Wochenende ohne Fußball gar nicht öde sein muss: Sie machen wieder längere Spaziergänge, entdecken die Fahrradtour für sich.

Das beobachte ich auch: Wir finden mehr zueinander, anstatt von Termin zu Termin, von Ereignis zu Ereignis zu hasten. Mein Haus liegt nicht weit von der Ironman-Radstrecke entfernt, da ist jetzt sogar mehr los. Es ist doch positiv, wenn die Menschen ihren Körper lieber selbst in Form bringen, als vor der Glotze zu sitzen. Nutzen wir die Chance doch auch, uns weiterzubilden: Ich stelle fest, dass ich noch viel mehr lese als früher. Vier, fünf Zeitungen am Tag. Es ist jetzt ein gesellschaftliches Besinnen, was wir als Chance nutzen sollten. Wir werden auf vieles verzichten müssen. Ich schreibe dieses Jahr meine Windsurf-Saison ab, ich habe meine Ski-Saison abgebrochen. Aber das muss man machen – wir waren es bisher nur nie gewohnt. Was wir erleben, ist ein Hammerschlag, der dich so unvorbereitet trifft, als wenn dir der Arzt sagt: „Du hast Krebs.“

Mitten in der Coronakrise hat der US-Investor Advance die Marke Ironman der chinesischen Wanda-Gruppe abgekauft. Wanda wiederum hatte die Ironman-Sparte 2015 für rund 650 Millionen vom amerikanischen Finanzinvestor Providence erworben. Sie hatten Ihre Anteile damals an Providence verkauft und können sicher erklären, was hinter diesem Deal steckt.

Eine spannende Geschichte: Hinter dem Kauf steht ein kluger Mann, den ich sehr gut kenne und schätze: Jesse Du Bey, Geschäftsführer des Investors Orkila, die als Partner von Advance am Kauf beteiligt sind. Er ist der frühere CEO von Providence, mit dem ich verhandelt habe – und er ist Triathlet, was schon mal bedeutet, dass er sich mit der Sache auskennt.

Das bedetet?

Der Ironman kommt jetzt in die besseren Hände als vorher. Wanda hat mit Supermärkten, Kreuzfahrtschiffen und mit Sportrechten seine Geschäfte gemacht, aber Ironman lief nur nebenher. Ich gehe davon aus, dass Du Bey weniger bezahlt hat als beim Verkauf, insofern hat er ein cleveres Geschäft gemacht: zweimal dieselbe Braut heiraten und noch Gewinn machen. Advance ist auch noch an Discovery beteiligt, hat also einen Fernsehkanal in der Hinterhand. Trotzdem werden sich auch die neuen Besitzer fragen müssen: Was passiert in diesem Jahr? Der Iroman Hawaii wird auch nicht stattfinden können, dazu muss sich nur die Entwicklung in den USA anschauen, und Amerika ist für diesen Sport der Dreh- und Angelpunkt. Salopp gesagt: Wer denkt, dass der wichtigste Triathlon der Welt im Oktober stattfindet, der glaubt auch, dass der Weihnachtsmann der Bruder vom Osterhasen ist!