Berlin - Karl Geiger musste noch mal links rüber rutschen, runter vom Balken, den er so gut wie kaum ein anderer im Skisprung-Zirkus kennt. Er blieb in der Hocke, den Kopf zwischen den Knien. Er schloss die Augen, dann schaute er kurz hinunter in die leere Arena, in der sonst, wenn kein Corona-Winter ist, 25.000 Menschen tuten, tröten, lärmen und die deutschen Athleten nach unten brüllen. Schon ein paarmal hatte man von ihm, dem Oberstdorfer, der schon als Kind mit großen Augen bei der Tournee an der Schanze stand, erwartet, dass er das Auftaktspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf gewinnt.

Dieses Mal eher nicht, was an den vergangenen Wochen lag, die die verrücktesten, turbulentesten, emotionalsten seines 27 Jahre alten Lebens waren. Aber dieses Mal hatte Geiger schon im ersten Sprung gezeigt, dass er die Tücken des Windes am Schattenberg kennt. Die Luft blies von hinten. Rückenwind liebt keiner der Springer, denn Rückenwind trägt nicht. Er zerfieselt den Flug, zerbraust das System. Am Dienstag wehte es außer Severin Freund, Markus Eisenbichler, der 27. mit 118 Metern gerade noch so ins Klassement der besten 30 rutschte, und Geiger alle anderen deutschen Skispringer in Durchgang eins aus dem Wettbewerb.

Der Tournee-Auftakt hätte ein Fiasko für das deutsche Team werden können, wenn Geiger nicht gewesen wäre. Er ließ sich sein System nicht durcheinanderwirbeln auf seiner Heimatschanze, er ging nach dem ersten Durchgang in Führung; 127 Meter. Bundestrainer Stefan Horngacher sagte: „Karl hat einen goldenen Sprung gemacht bei ziemlich schwierigen Bedingungen.“

Offenbar hatte Geiger damit auch seinen Teamkollegen Eisenbichler beflügelt. Der rannte Richtung Lift, um rechtzeitig zum zweiten Durchgang eine Luke weiter ober als bislang wieder auf dem Bakken zu sitzen. Dann sprang er ab, flog und flog und landete bei fantastischen 142 Metern. Damit blieb er nur 1,5 Meter unter dem Schanzenrekord, „yeah, yeah“, schrie er in die leere Arena, zeigte die Faust. Er hatte sich so auf Rang fünf katapultiert.

Aber Geiger saß ja noch oben, als letzter der 30 Besten. Die Ampel zeigte Rot. Schneeflocken fielen in seine Anlaufspur. „Ich muss attackieren“, dachte er. „Es war echt schwer. Mein Herz hat schon ganz schön bumpert“, sagte er später. Dann attackierte er am Schattenberg im Licht von Hunderten von Scheinwerfern. Er flog präzise, wie man es von dem jungen Mann, dem Bachelor of Engineering, erhoffen konnte. Würden die 136,5 Meter und ein sicherer Telemark zum Sieg vor dem Polen Kamil Stoch und den Norwegern Marius Lindvik und Halvor Egner Granerud genügen? Geiger stand im Zielraum, hatte die Ski schon abgeschnallt, dann hüpfte er plötzlich auf seinen kantigen Stiefeln in die Höhe.

Erster Oberstdorfer Sieger seit 1959

Es hatte genügt. Als erster Oberstdorfer seit Max Bolkart 1959 gewann er den Tournee-Auftakt in Oberstdorf. „Karl ist unglaublich Ski gesprungen. Es war sehr spannend für uns alle“, sagte Horngacher. Eisenbichler jubelte mit dem Teamkollegen: „Ich hab’s ihm so g’wünscht, dass er das abibringt. Und er macht’s einfach. Er is so a cooler Hund. Ich freu mich für ihn, als wenn ich’s selber gewesen wäre.“

Und Geiger? Der tauschte den Helm mit dem Mund-Nasen-Schutz und fand, ihm seien echt zwei „saugute Sprünge“ geglückt. „Wenn jetzt noch Zuschauer da wären, wäre es perfekt.“ So war die Oberstdorfer Nacht sein Publikum, die verschneiten Berge ringsum. Eine Kulisse wie auf seinem Hochzeitsfoto aus dem September, das Geiger und seine Frau Franziska beide in Tracht und beide mit Regenschirmen in Oberstdorf zeigt, und das der Skispringer so kommentierte: „Es hat geregnet. Es war kalt. Es war wunderbar.“

Geiger fährt als Favorit nach Garmisch

Da hatte im Grunde das, was im letzten Monat des Jahres passierte, seinen Lauf genommen. Denn zunächst schickte ihn Horngacher am Wochenende vor der Skiflug-WM nach Hause zu seiner schwangeren Frau. Ausgeruht kam er zurück, gewann in Slowenien die Goldmedaille im Einzelspringen und tags darauf die Silbermedaille mit dem Team. Einen Tag später war seine Tochter Luisa da. „Das war dann wohl die perfekte Woche“, schrieb Geiger am 14. Dezember auf Instagram.

Zwei Tage später wurde er positiv auf Corona getestet. Er hatte kaum Symptome, aber er musste pausieren und es war nicht klar, ob er es überhaupt zur Vierschanzentournee schaffen würde. „So viele Momente in ein paar Wochen. Und jetzt komme ich hier zurück, ohne zu wissen, was hier passieren würde. Ich kann es gar nicht beschreiben“, sagte Geiger am Dienstagabend, der aus ihm einen Favoriten für die kommenden Springen in Garmisch, Innsbruck und Bischofshofen gemacht hat.