BerlinPeyton Siva hatte sich am Dienstag aus der Quarantäne gemeldet. „Der Familie und mir geht es gut, ich danke euch“, schrieb Alba Berlins Aufbauspieler auf Twitter. Eine positive Nachricht an einem Tag, an dem das Wort positiv eher negative Folgen für den Deutschen Meister hatte. Gleich fünf Akteure aus dem Alba-Zirkel, der seit knapp drei Wochen wieder in der Euroleague unterwegs ist, hatten am Dienstag ein positives Ergebnis ihres Corona-Tests erhalten. Vermutlich hatten sie sich bei dem Teamkollegen infiziert, der bereits am späten Samstagabend positiv getestet wurde. Alle Spieler, Trainer und Betreuer befinden sich deshalb seit Montag in Berlin in Quarantäne, einige der positiv getesteten Personen haben laut Geschäftsführer Marco Baldi Symptome, andere nicht. Da beruhigt es vor allem die Fans, wenn sie von einem Spieler ein positives Zeichen bekommen.

Zumal sie eben nicht den ständigen Kontakt zu den Spielern und dem Trainerteam haben. Anders als Marco Baldi. Der befindet sich seit Sonntag noch intensiver als sonst „mit allen im Austausch“. Mit den Verantwortlichen der Euroleague und der Basketball-Bundesliga (BBL), dem Gesundheitsamt, aber vor allem mit den Personen, die sich derzeit in Quarantäne befinden. Nachdem bereits das Pokalspiel gegen Braunschweig am Sonntag abgesagt werden musste, resultierte aus allen folgenden Ereignissen am Dienstag die Absetzung des für Donnerstag terminierten Euroleague-Spiels gegen Baskonia Vitoria. Und jeder neue Tag scheint aktuell für eine neue Faktenlage zu sorgen: Am Vormittag verkündete die BBL eine Verschiebung des Finalturniers um den nationalen Pokal.

Tags zuvor hatte Alba Berlin Antrag auf eine Verschiebung der nächsten beiden Pokalspiele am Wochenende gestellt, welchem damit entsprochen wurde. Nüchtern betrachtet hatte sich der Titelverteidiger damit auf einen Paragraphen in der Spielordnung berufen und die BBL konnte gar nicht ablehnen. Doch steckt noch mehr dahinter. Bereits während der Saisonunterbrechung und der Entscheidungsfindung, ob und wie die abgelaufene Spielzeit fortgesetzt werden solle, hatten sich die Vereine und Ligaverantwortlichen vor allem kollegial im Umgang miteinander gezeigt. Gemeinsam wurde nach einer umsetzbaren Lösung gesucht. „Die BBL hat schon bewiesen, welcher Geist da weht“, sagt Marco Baldi, „ob man den ewig aufrecht erhalten kann, weiß ich aber auch nicht.“

Fürs Erste aber halten sie in der BBL zusammen. „Ich habe es ja gesagt: Wir kommen nicht unbeschadet durch die Saison“, sagte BBL-Geschäftsführer Stefan Holz am Mittwoch gegenüber dem Sport-Informations-Dienst: „Nun hätte es nicht zwingend am ersten Wochenende sein müssen. Gerade im eng getakteten Pokal ist es so, dass wir den Zeitplan nicht halten können.“ Auf die Vorrunde am kommenden Wochenende hätte am 1. und 2. November das Finalturnier in München stattfinden sollen. Da Alba Berlin aufgrund der Quarantäne der gesamten Mannschaft aber bis dahin kein Gruppenspiel absolvieren kann, wurde das Finalturnier auf unbestimmte Zeit verschoben. Das drohende Terminchaos ist für den BBL-Geschäftsführer erst einmal von sekundärem Interesse: „Jetzt lassen wir mal die Kirche im Dorf. Wir haben jetzt diese drei Spiele verlegt und gucken mal, wie weit wir kommen“, sagte er: „Noch kriegen wir die drei Spiele und das Top Four verlegt. Wenn es mal deutlich mehr wird und es nicht mehr geht, schauen wir weiter.“

In einer weiter sehr dynamischen Zeit setzt der Basketball weiterhin auf Ruhe im Umgang mit neuen Situationen und sucht nach Lösungen, anstatt über die neuen Probleme zu klagen. Aber stets mit dem Wissen um die Bedeutung der Fortsetzung des Spielbetriebs. „Es geht darum wirtschaftliches und kulturelles Leben aufrecht zu halten“, formuliert es Marco Baldi. Bei Alba Berlin waren sich immer alle einig darüber, dass wieder gespielt werden soll. Aber: nicht um jeden Preis. Vor allem nicht, wenn es um die Gesundheit aller Beteiligten geht. Nachvollziehbar für einen Verein, dessen Trainer im Dezember 74 Jahre alt wird und der durchaus zur Risikogruppe zu zählen ist. Wenn selbst austrainierte Spieler wie Barcelonas Nikola Mirotic, der sich nach einem positiven Corona-Test noch immer in Quarantäne befindet, auf Twitter von einem Krankheitsverlauf schreibt, der schwieriger ist als er dachte, möchte man sich gar nicht ausmalen, welche Folgen eine Covid-19-Erkrankung für den Alba-Trainer haben könnte.

Bei allen Diskussionen um Spielabsagen und -verlegungen kommt vor allem die gesundheitliche Betrachtung noch immer zu kurz. Niemand kann im Vorfeld sagen, wer Symptome entwickelt und wer nicht. Und: Welche Spätfolgen auftreten können. Dabei sollte gerade der Tod von Michael Ojo Mahnung genug sein. In der vergangenen Saison war der gebürtige Nigerianer noch Gegner von Alba Berlin in der Euroleague. Im Sommer hatte er sich durch einer Corona-Infizierung eine Lungenentzündung zugezogen, war in der Folge zu früh wieder ins Training eingestiegen, in einer Einheit durch einen Herzinfarkt zusammengebrochen und im Alter von 27 Jahren gestorben. Sicherlich ein tragischer Einzelfall, bei dem viele Dinge zusammenkamen, aber eben auch ein Fall, den man bei allen Abwägungen über Sinn und Unsinn von Spielen in Risikogebieten, Spielen vor Zuschauern oder gar Saisonunterbrechungen immer im Hinterkopf behalten sollte.

Bei steigenden Infektionszahlen in ganz Europa und mittlerweile auch im Profisport wäre es töricht zu glauben, dass die Lage in zwei Wochen wieder besser aussieht. „Das wird mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht der letzte Fall in dieser Saison gewesen sein“, sagt Marco Baldi. Als Beleg dafür reicht schon der Blick auf den Spielplan der Euroleague in dieser Woche. Durch Corona-Fälle können auch die Spiele mit Beteiligung von St. Petersburg und Villeurbanne nicht stattfinden, der FC Barcelona und Real Madrid haben ebenfalls positiv getestete Spieler und Trainer in ihren Reihen, treten mit einem verkleinerten Kader an.

Ohne die Risiko-minimierende Hülle der Blase vom Finalturnier um die deutsche Meisterschaft im Juni dieses Jahres wird auch der deutsche Basketball in den kommenden Wochen weitere Fälle vermelden müssen. Regelmäßige Tests aller Spieler schützen nicht vor der Ansteckung, sie helfen nur bei der rechtzeitigen Entdeckung des Virus. Viel mehr braucht es jetzt den verantwortungsvollen Umgang aller Beteiligten, um den Schaden in Grenzen zu halten und weiter positive Nachrichten der Spieler lesen zu können.