Die englische Stadt Derby ist vorbereitet auf das brisante Duell im fernen Berlin: In der Fußgängerzone hängen Wimpel in den Union-Hertha-Farben Rot-Weiß-Blau-Weiß.
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BerlinWas sich der Freund des Derbys nie zu fragen wagte, aber immer schon wissen wollte. Ein ABC zu einem Duell zwischen zweier Fußballklubs aus Köpenick und Charlottenburg.

Anpfiff:  Es wird mindestens einen geben. Den um 18.30 Uhr im Stadion An der Alten Försterei, mit dem das Derby beginnt. Ob, wann, von wem und für wen es einen weiteren Anpfiff gibt, hängt vom Spielverlauf ab. Irgendein Dummer wird sich schon finden.

Ballhaus des Ostens: Ritter Keules, nicht Tante Clärchens. Geschwungen werden weder Tanzbein noch Standbein, sondern Schussbein und Gaumenbein, und das nicht nur zur Weihnachtszeit, nein auch im Winter usw. Bein, Weib und Gesang.   Da müssen die Gäste aus Charlottenburg sehen, dass sie die Ostkurve kriegen.

Cocktail: Man nehme 4 cl Gin, 8 cl Maracujasaft, Grenadinesirup nach Belieben, 1 cl Zitronensaft, je nachdem, wie sauer man selbst schon ist. Eiswürfel zum kühlenden Abschluss – fertig ist der Derby.

Derby: Ist schuld an dem Zirkus. Engländer, natürlich, haben dort im Mittelalter ein Fußballspiel erfunden, das sich etwa so lange hinzieht wie ein ungeordneter Brexit. In Ashbourne, Derbyshire war das. Der Ball musste einen gegnerischen Mühlstein berühren. Ansonsten: kaum Regeln, rund 1 000 Mitspieler, alles wie beim Brexit also.

Erstes Mal: Das ist es ja immer irgendwann. Bei Union und Hertha in einem Pflichtspiel am 17. September 2010, als im Ballhaus des Ostens Gästetrainer Markus Babbel die Talente Perdedaj, 19, Schulz, 17, und Djuricin, 17, einwechselte, was sich allerdings als wenig glücklich erwies. Besser stellte sich Union-Coach Uwe Neuhaus an. Er brachte eine Viertelstunde vor Schluss Santi Kolk. Der traf zum 1:1-Endstand.

Barsch: Der Zingel ist kein Freund von Haifischbecken.
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Fisch: Stinkt ausnahmsweise nicht vom Kopf her, steckt im Detail. Der Zingel ist ein Barsch, der Zingler (Dirk, Union, Präsident) nur barsch, wenn seine Eisernen schlecht spielen. Ansonsten mag er einen Fischer (Urs, Union Trainer). Der arbeitet nicht mit Netz (Luca, Hertha, Talent). Das freut den Zander (Frank, Hertha, Hymnensänger).

Glotzen: Wer nicht schwarzsehen will, muss zahlen. Das Derby wird live nur vom Bezahlsender Sky übertragen. Die Sendung beginnt am Sonnabend um 17.30 Uhr. Wer lieber für Bier als fürs Glotzen bezahlt: In Berlin gibt es reichlich Sportsbars mit Sky-Abo.

Hymne: Was dem einen der Rapp (Nicolai, Union, Abwehr, Jo Mann!), ist dem anderen der Smarsch (Hertha, Tor, Tschingderassabumm!). Die einen singen „Eisern Union“, die anderen wollen nicht nach Hause gehen. Werden sie aber müssen. Nach dem Derby wird das Stadion feucht durchgewischt, fürs nächste Heimspiel am 23. November gegen Borussia Mönchengladbach.

Investition: Kommt vom lateinischen investire, einkleiden. Insofern kann das Berliner Derby Köpenick gegen Charlottenburg künftig ein Derby Herzogenaurach/Franken gegen Beaverton/Oregon werden.

Junioren: Der Herthaner Christalino Atemona und der Unioner Tim Maciejewski haben am Mittwoch vergangener Woche Derby-Maßstäbe gesetzt. Beide trafen in der Bundesliga der A-Junioren zum Standardresultat dieses Derby-ABC: 1:1.

Kugelblitz: Name einer bekannten Hertha-Kneipe, in  der Fans sich zum Glotzen versammeln. Eine von vielen Alternativen ist das Neuköllner Hertha-Lokal Tiefpunkt, das allerdings einen gewissen Pessimismus ausstrahlt. Nomen est Omen Unioner jedenfalls gehen unter anderem in die Abseitsfalle.  Und wer auf magische Momente setzt, hockt in der Schwarzen Hexe, die gerne auch Herthaner verzaubert.

Löwen: Kämpfen wie die Löwen werden die Eisernen, kämpfen wie der Löwen (Eduard) wollen die Blau-Weißen. Doch wer am Ende den Löwenanteil am Derby besitzen will, muss Löwenzähne zeigen und darf aus seinem Herzen keine Löwenmähne machen. Oder, Herr Subotic?

Mauerfall: Schon anlässlich der Uraufführung im November 1989 dachten Union und Hertha an alles, nur nicht an ein Derby. Union spielte am 11. November in der DDR-Liga gegen die BSG Kernkraft Greifswald 1:1, am selben Tag trennten sich Hertha und Wattenscheid in der Zweien Liga 1:1. Wat’n Scheid. Aber kein Super-GAU.

Von Mutti fein gemacht: Wattenscheid-Coach Hannes Bongartz 1989.
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Nocken: Eine rote Zwiebel gehört dazu. In der Schweizer Variante jedenfalls, den Käsenocken. Dabei handelt es sich nicht um das Schuhwerk der Unioner unter Schweizer Leitung (Urs Fischer, Trainer), sondern um eine kohlenhydratreiche Mahlzeit. Nocken aus Plaste haben Gastgeber wie Gäste unter den Schuhen. Und gegen den Käse in dem Töppen-Fall nur Frischespray.

Old firm: Was wie ein Rasierwasser klingt, für das Uwe Seeler pfeifenderdings Fernsehwerbung macht, ist in Wirklichkeit das Fußballderby zwischen den Glasgow Rangers und Celtic Glasgow. Old firm, das Beständige, die evangelischen Rangers gegen die katholischen Celtics. 418 Begegnungen, 161 Siege für die Rangers, 158 für die Celtics 99 Remis. Hallelulja!

Probe: Das ist so ein Derby immer. Eine Probe aufs Exempel. Da die Art des Ausgangs und Abgangs immer eine Frage des Geschmacks sind, hätte kein besserer Termin gewählt werden als dieser Tag, der Tag der Weinprobe. Auch kein besseres Personal könnte mitwirken, was, Herr Esswein (Hertha)? Aber nicht übertreiben, die Trinkerei, jetzt sie, Herr, Ryerson (Union).

Quote: Klar vorhergesagt sind Wettquote (Bei Union-Sieg1:2,80 Euro) und Altenquote (35 Jahre, Herthas Jarstein:33 Jahre, Unions Parensen) und Frauenquote (0). Unsicher bleibt die Verderbquote (die gibt’s wirklich).

Rückspiel: Wem am Sonnabend gegen 20.15 Uhr schon nach Revanche gelüstet, der sollte sich für das Wochenende um den 21. März nichts vornehmen. Dann empfängt Hertha BSC den 1. FC Union. Im Olympiastadion. Sollten die Blau-Weißen bis dahin nicht überraschend ein neues Stadion haben.

Syndikat: Mit dem Zusatz Wuhle ein gern gesehener Gast im Stadion an der Alten Försterei. Englisch Syndication und mit dem Zusatz Windhorst wird ein Herthaner daraus.

Tusche: Kommt vom französischen Wort toucher, berühren. Also hätte Torsten Mattuschka keinen besseren Spitznamen haben können, sind die Union-Fans doch immer noch fröhlich berührt, denken sie an die 281 Spiele mit Tusche. Von Tusche macht man sich kein Bild, behaupten einige, aber Zecke beweist das Gegenteil.

Touchiert den Ball immer noch mit Gefühl: Torsten Mattuschka.
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Unparteiischer: Zwischen Köln und Berlin kann schon mal was auf der Strecke bleiben. Der Weg ist weit, die kulturellen Unterschiede vorhanden, und allein die Dialekte – sischer datt. Der Videoschiedsrichter hockt aber nun mal in Köln und hat im Zweifelsfall das letzte Wort. Aber wie sagt der Kölsche Jeck: Et hätt noch allet jot jegange.

Verkehrsanbindung: S5, 17:17 ab Gleis 3, S+U Alexanderplatz Bhf (Berlin), Richtung S Friedrichshagen (Berlin), verkehrt alle 5-10 Minuten. 17:39 an Gleis 2, S Köpenick (Berlin), Tram 68 17:46 ab, Richtung Alt-Schmöckwitz, verkehrt alle 6 bis 7 Minuten, 17:50 an Bahofstr./Lindenstraße (Berlin, doch tatsächlich immer noch), Tram 27, 17:53 Richtung Weißensee, Pasedagplatz, 17:54 an Alte Försterei.

Wurst: Das Muskelfleisch-Speck-Salz-Gemisch mit oder ohne Darm ist vor jedem Stadionbesuch obligatorisch. Bei der Wurst führt Hertha BSC mit 2,30:2,50 Euro. Geschmack ist allerdings Geschmacksache. Das gilt auch für die Bewertung des Derbyresultats. Wurst Case oder vollkommen Wurst?

X-Faktor: Ein X für ein U vormachen. X gleich römisch zehn, U gleich lateinisch V gleich fünf. Zehn für fünf vormachen? Da sei Köln vor (siehe U).

Y-Generation: Die Bezeichnung für die Jahrgänge um die Wende 1989. Alternativ auch Generation Chips genannt oder Generation Maybe und Generation Krise. Auch: Generation What? Und, genau: Generation Sch...egal.

Ein echter Zecke: Andreas Neundorf hat diese Impressionen gemalt.
Foto: Schubert / imago images

Zecke: Malt auch mit Tusche. Malt sich aus, wie es ist, wenn seine Hertha-Junioren mal profimäßig gegen Union spielen.