Selfie im Zeichen der olympischen Ringe: Wird es überhaupt Sommerspiele in Tokio geben?
DPA/Jae C. Hong

BerlinDonnerstag, 15:02 Uhr, Mitteilung von Hagen Stamm, dem Berliner Wasserball-Bundestrainer, aufs Handy: „Olympiaqualifikationsturnier abgesagt, fünf Wochen Arbeit umsonst.“ Aus seinen knappen Worten war zu erahnen, wie viel Enttäuschung, wie viel Verunsicherung und wie viele Fragen sich hinter dieser Absage verbergen mussten. Vielleicht gar existenzielle Fragen für manche Athleten und ihre Disziplinen, die im  Sport nicht nur den Wasserball-Bundestrainer und Klubpräsidenten der Wasserfreunde Spandau 04 beschäftigen, sondern alle: Trainer, Athleten, Funktionäre. 

Stamm tippte die Nachricht in Hamburg am Beckenrand, wo er ein Vier-Nationen-Turnier in den Intensivlehrgang der Nationalmannschaft eingebunden hatte. Fünf Wochen lang hatte er seine Wasserballer zusammengezogen. Sie stemmten Gewichte, schwammen Serien auf Madeira, trainierten in Hannover und Berlin. In Hamburg hatte seine Mannschaft Rumänien sowie Georgien besiegt und beim 10:12 gegen Montenegro eine gute Figur abgegeben. Die Spieler waren fit, motiviert, laut Stamm „seit 17. Dezember dabei, dafür zu sorgen, dass der Olympiatraum weitergeht“.

Vorbereitung der Wasserballer: "Alles für die Katz"

Dann sagte der Schwimm-Weltverband die Olympiaqualifikation in Rotterdam, die am 22. März beginnen sollte, wegen der Corona-Pandemie ab. Sie soll von 31. Mai bis 7. Juni nachgeholt werden. „Vier Jahre Vorbereitung, drei Monate intensiv, zuletzt haben meine Spieler ihre Familien fünf Wochen lang nicht gesehen, 150 000 Euro Ausgaben für die Vorbereitung – alles für die Katz. Natürlich ist die Entscheidung nachzuvollziehen“, sagt Stamm. „Aber für uns ist die Situation tragisch. Keiner weiß, ob Olympia überhaupt stattfindet. Keiner weiß, wie es weitergeht und woher das Geld für eine neue Vorbereitung kommen soll. Für Körper und Geist ist es Folter.“

Das Coronavirus schlägt im Super-Sport-Jahr 2020 mit solch unerwarteter Wucht in ein durchgeplantes, durchkommerzialisiertes, global durchorganisiertes Unterhaltungssystem hinein wie eine Kokosnuss in einen Ameisenhaufen. In der Fußball-Europameisterschaft, die am 12. Juni in zwölf europäischen Städten beginnen sollte und den Olympischen Sommerspielen, die in Japans Hauptstadt Tokio am 24. Juli eröffnet werden sollten, stehen zwei Mega-Events zur Disposition.

Robert Harting glaubt: "Olympia wird stattfinden"

Die Absage der EM wird von vielen am Dienstag bei der Tagung des europäischen Fußballverbandes (Uefa) erwartet. Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees hingegen bekräftigte am Donnerstag, das IOC arbeite „mit vollem Engagement auf den Erfolg dieser Spiele mit der Eröffnungsfeier am 24. Juli hin“, es werde aber, falls die Weltgesundheitsorganisation zur Absage rate, dem Rat folgen.  

Robert Harting, der Berliner Diskus-Olympiasieger von 2012, glaubt: „Olympia wird stattfinden. Es ist organisatorisch zu groß und zu wichtig. Man wird sich mit hygienischen Tricks behelfen. Das IOC wird das Risiko eingehen.“ Der Sportphilosoph Gunter Gebauer meint: „Natürlich gehen mit solchen Großevents viele vertragliche Vereinbarungen einher, das gilt für Olympische Spiele geradezu in kosmischen Ausmaßen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Spiele stattfinden.“

Höher, schneller, weiter funktioniert nicht mehr

Derzeit überschlagen sich die Meldungen von Absagen, Verlegungen, Unterbrechungen oder Veranstaltungen ohne Zuschauer. Ringer reisen ohne Olympiaqualifikation aus Ungarn zurück, Marathonläufer wissen nicht, wo sie sich qualifizieren können, weil überall Läufe abgesagt werden. Fußballmannschaften stehen unter Quarantäne, in den Amateurligen ruht der Ball, Champions League und Europaleague sind ausgesetzt, die Bundesliga macht nun auch erst mal nicht weiter.

Höher, schneller und weiter, immer weiter, funktioniert nicht mehr. Dazu, ihre finanziellen Interessen hinter die gesellschaftliche Solidarität zu stellen, entschied sich die Deutsche Fußball-Liga (DFL) erst in letzter Sekunde am Freitagnachmittag. Wohl auch unter dem Druck der Spielerkritik sagte sie den 26. Bundesligaspieltag, der ohne Zuschauer geplant war, ab.   Union Berlins Torwart Rafal Gikiewicz hatte getwittert: „Fußballer werden in dieser Situation behandelt wie Affen im Zirkus.“ Bayern Münchens Profi Thiago hatte die DFL per Twitter gebeten: „Hört bitte endlich auf mit diesem Scherz und kehrt in die Realität zurück. Seien wir ehrlich: Es gibt viel wichtigere Dinge als jeden Sport.“

Es geht ums Geld, um die Lebensgrundlage

So ähnlich hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wochenverlauf geäußert. Für die Gesellschaft geht es um die Vermeidung eines nationalen Notstandes wie etwa in Italien, um die Vermeidung sozialer Kontakte, um Entschleunigung. Aber gerade der Sport ist eine Branche, die von Körperkontakt, Geschwindigkeit, Dynamik lebt. Selten wurde so deutlich, wie sehr Sport als Massenkultur die Gesellschaft durchdringt, wie durchkommerzialisiert der Profisport ist, in dem Mannschaften längst Marken sind und Sportler sich als Adidas-, Red-Bull- oder Nike-Athleten titulieren.

Für die olympischen Sportverbände geht es um Geld, das zum großen Teil als Lohn für olympische Erfolge ausgeschüttet wird. Für ihre   Athleten aus Amaterusportarten, für Fechter, Ringer, Boxer, Wasserspringer, Bogenschützen, stünden bei einer Olympia-Absage finanzielle Grundlagen auf dem Spiel. Sie hätten nicht nur ihre Körper vier Jahre lang umsonst punktgenau getrimmt, sondern müssten sich fragen, was aus ihren Sponsorenverträgen, ihrer Förderung, ihrer Kaderzugehörigkeit wird. Siege und Niederlagen können sie selbst beeinflussen, das Coronavirus nicht.

Wie überdreht ist der Sport?

Hagen Stamm hatte seine Wasserballer am Donnerstag sofort über die Absage des Olympiaqualifikationsturniers informiert. Er selbst hatte 1980 zwei Wochen vor Olympia in Moskau vom Boykott wegen Russlands Einmarsch in Afghanistan erfahren.  „Ich wäre bei einer Absage doppelt betroffen“, sagt er. Bislang halten die Wasserballer trotz wertloser Vorbereitung an der Hoffnung auf eine Olympiateilnahme fest. Aber über Donnerstagabend sagt Stamm: „So viel Bier gab es gar nicht, dass man den Frust hätten wegtrinken können. Die Sportler haben sich gefragt, weshalb sie die ganzen Entbehrungen auf sich nehmen.“  

Die aktuelle Absagewelle im Sport ist nicht nur ein Zeichen von Vorsicht, Vernunft und gesellschaftlicher Solidarität. Sie bietet nicht nur für Athleten, sondern für alle „die Chance zum Nachdenken, zum Abstand nehmen“, findet Sportphilosoph Gebauer. „Was ist los im Sport? Wie überdreht ist er? Steckt nicht viel zu viel Geld darin? Vielleicht gibt es dahingehend ein Umdenken, dass man die Lust am Showsport verliert. Vielleicht bieten Nachmittage ohne Fußball die Chance, andere Lebensinhalte zu entdecken. So ein Filmriss kann einen total aus der Illusion herausholen. Vielleicht merken die Menschen, dass der Fußball im Moment auf dem falschen Gleis fährt.“