Mit einer A-Lizenz würden sich Ben Lammers (am Ball) und Alba Berlin dauerhaft mit Teams wie Olympiacos Piräus in der Euroleague messen.
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BerlinDas heimische Bücherregal hinter Jordi Bertomeu ist gut gefüllt. Zwar im schicken Hemd, aber dennoch sehr entspannt sitzt der Präsident und Geschäftsführer der Euroleague in einem Sessel davor. Weniger entspannt waren die arbeitsintensiven Sommermonate, die hinter dem 61-jährigen Spanier und seinen Kollegen liegen. Im knapp einstündigen Video-Interview berichtet Bertomeu, wie Europas beste Basketballliga trotz der Corona-Pandemie kommende Woche im gewohnten Format in ihre neue Saison starten will, und wie es um die Chancen von Alba Berlin um eine dauerhafte Teilnahme an der Euroleague durch eine A-Lizenz steht.

Berliner Zeitung: Worin liegen derzeit die größten Herausforderungen bei der Organisation der Euroleague-Saison?

Jordi Bertomeu: Ich glaube, dass es derzeit zwei große Herausforderungen für uns gibt. Zum einen ist das die Tatsache, dass in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Maßnahmen und Einschränkungen gelten. In Litauen beispielsweise sind sie eher locker, und die Regierung erlaubt bereits verhältnismäßig viele Fans in den Arenen. In Spanien hingegen sind bis mindestens Weihnachten gar keine Fans erlaubt. Also sind auch die Standpunkte und Anliegen der Clubs aus Litauen und Spanien an uns als Liga unterschiedlich.

Und die zweite Herausforderung?

Das ist die große Ungewissheit darüber, wie sich die Pandemie und somit auch die Maßnahmen der Regierungen entwickeln werden. Die verändern sich fast täglich, mindestens aber wöchentlich. Zuletzt in Israel, wo die Regierung gerade einen Lockdown verhängt hat. Daraus ergibt sich eine dritte Herausforderung: Wir müssen mit den Regierungen der Länder zusammenarbeiten und sie überzeugen, dass unsere Clubs Ausnahmenregelungen, beispielsweise für die Reisebeschränkungen, brauchen.

Alba Berlin soll laut Spielplan am 1. Oktober in Tel Aviv in die neue Euroleague-Saison starten. Ist das trotz Lockdown in Israel realistisch?

Alba wird trotz des Lockdowns nach Israel reisen und dort spielen. Dies ist aber nur möglich, weil Maccabi es geschafft hat, bei der Regierung eine solche Ausnahmeregelung für internationale Sportwettbewerbe zu erwirken. Die macht es Alba möglich, problemlos einzureisen. Wir müssen es nun idealerweise schaffen, solche Ausnahmeregelungen für alle unsere Standorte zu erwirken.

Wie ist denn diesbezüglich der aktuelle Stand?

Unsere Clubs außerhalb der EU haben alle bereits Ausnahmeregelungen von ihren Regierungen bekommen. Sie können problemlos aus- und einreisen, und auch ihre Gegner dürfen ohne Quarantäne ins Land. In den EU-Ländern ist die Lage jeweils unterschiedlich. In Italien beispielsweise gibt es seit kurzem eine Ausnahmeregelung, in Deutschland hingegen noch Probleme.

Wieso haben Sie als Liga sich dazu entschieden, trotz der vielen Einschränkungen den normalen Modus mit 34 Spieltagen, Playoffs und Final Four beizubehalten?

Weil wir der Meinung sind, dass die Euroleague ein Wettbewerb mit 34 Spieltagen, Playoffs und einem Final Four ist. Dazu haben wir uns gegenüber unseren Anteilseignern und Partnern verpflichtet, also müssen wir versuchen, das so zu organisieren. Wenn es dann zu Problemen kommt, müssen wir Lösungen für diese finden. Es wird beispielsweise sicherlich Spiele geben, die verschoben oder an alternativen Spielorten ausgetragen werden müssen. Aber das wichtigste ist, dass wir die Saison jetzt starten und dass wir sie zu Ende spielen. Gelingt das nicht, wäre das schrecklich für unsere Clubs und somit auch für uns als Liga.

Sind zeitliche oder auch geografische Spielverschiebungen ein fester Teil Ihres Plans für den Umgang mit der Pandemie?

Natürlich wird es unter den aktuellen Bedingungen Spiele geben, die nicht am geplanten Datum oder Ort gespielt werden können. Wenn dieser Fall eintritt, müssen wir sofort eine Antwort haben. Also haben wir unsere Regularien so verändert, dass in der kommenden Saison jedes Spiel bis zu drei Mal verschoben werden kann. Der Spielplan wird Möglichkeiten hierfür bieten. Dazu erstellen wir gerade eine Liste mit Städten und Arenen, die als Ausweichspielorte dienen werden. Diese Flexibilität herzustellen, war für uns essenziell.

Ist festgelegt, welche Art der Verschiebung Priorität hat?

Die oberste Priorität ist, unseren Spielplan und unseren Kalender zu schützen. Der erste Schritt wäre also zu gucken, ob man ein Spiel, das nicht planmäßig stattfinden kann, an einen anderen Ort verlegen kann. Erst wenn das ebenfalls nicht möglich ist, wird das Spiel zeitlich verschoben.

Gibt es auch ein Szenario, welches es unmöglich machen würde, die Saison wie derzeit geplant durchzuführen?

Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn eine Situation wie in der vergangenen Saison entsteht. Es war zwar alles vorbereitet, um die Saison in einem Bubble-Format zu Ende zu spielen, aber wir hatten Mannschaften, die ihr Land gar nicht verlassen durften. Und eine Bubble, in der nicht alle Teams dabei sein können, wäre nicht fair gewesen. Wir sind jetzt viel besser vorbereitet und haben dank neuer Regularien größere Flexibilität und Antworten auf verschiedene Szenarien. Auch für den Fall, dass wir die Saison nicht wie derzeit geplant zu Ende spielen können. Und wenn wir das Format zu einem Bubble-Format ändern müssen, dann werden wir dies tun. Die Pläne liegen seit Juni bereit und müssten nur auf die dann aktuelle Situation angepasst und umgesetzt werden.

Ist denn inzwischen klar, welche finanziellen Folgen das abrupte Ende der Spielzeit 2019/20 für die Euroleague und ihre Clubs hatte?

Wir als Euroleague hatten Einnahmeausfälle von ungefähr 30 Prozent. Unseren Clubs geht es ähnlich. Sie hatten jeweils Einbußen von 20 bis 30 Prozent ihrer Einkünfte. Auch deshalb haben wir für die neue Saison die Kriterien verändert, nach welchen wir das Geld an sie ausschütten werden.

Was haben Sie verändert?

Vergangene Saison haben wir 50 Prozent des Geldes basierend auf den sportlichen Ergebnissen der Clubs ausgeschüttet. In der kommenden Saison sind es nur 20 Prozent. Stattdessen wurden unter anderem die Teilnahmeprämien aufgestockt. Alba bekommt so diese Saison mindestens 500.000 Euro (statt zuletzt 200.000 Euro, Anm. d. Red.), die Inhaber einer A-Lizenz 1,5 Millionen Euro. Das erhöht die Planbarkeit für unsere Clubs immens.

Apropos A-Lizenz: Sie haben Alba in den vergangenen Jahren mehrmals als Kandidaten für eine solche genannt. Gibt es neue Entwicklungen?

Unser Plan, die Anzahl der Teams mit einer A-Lizenz zu erhöhen, ist unverändert. Es ist bekannt, dass wir vor einigen Jahren einige Länder als für uns interessante Märkte identifiziert haben. Deutschland ist eines davon und Alba erfüllt all unsere Standards: ein großer Markt, eine gute Struktur, viel Tradition und eine spektakuläre Arena. Ich befinde mich mit Axel Schweitzer und Marco Baldi in regelmäßigem Austausch. Immer mit der Idee, Alba zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einer A-Lizenz auszustatten. Das ist der Plan. Es gibt zwar keinen genauen Zeitplan, und sowohl Alba als auch wir müssen hierfür noch ein bisschen was tun, aber wir sind auf einem sehr guten Weg.