FrankfurtHelen Breit hätte sich vermutlich nie vorstellen können, dass ein von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) angebotener Livestream aus einem Frankfurter Messehotel mal zu ihrem Pflichtprogramm gehören würde. Doch was bleibt der engagierten Anhängerin des SC Freiburg anderes übrig, wenn in der Corona-Krise kein Besuch von Livespielen möglich ist – und sich ihr Tätigkeitsgebiet vom Schwarzwaldstadion in virtuelle Welten verlagert hat. Die Vorsitzende „Unsere Kurve“ gilt als wichtiges Sprachrohr der Fanszene – und sie ließ kein gutes Haar an dem mit einer Enthaltung im neunköpfigen DFL-Präsidium getroffenen Beschluss zur Verteilung der Fernsehgelder: „Für uns ist das Ergebnis absolut enttäuschend. Wir können keine substanziellen Veränderungen erkennen.“

Der Reformwille hält sich in Grenzen

Der Chatroom mit Fanvertretern aus der Fan-Arbeitsgruppe „Zukunft Profifußball“, die in der gleichnamigen Task Force der DFL in der dritten Sitzungsrunde auch diese Woche wieder die Faninteressen vorbringen, habe geglüht. Wie befürchtet hielt sich der Reformwille in Krisenzeiten in Grenzen. Die Säulen für die Vergabe der mehr als fünf Milliarden Euro Medienerlöse aus nationaler und internationaler Vermarktung in der nächsten vierjährigen Rechteperiode sind anders benannt, aber die Unterschiede verschwinden nicht. Deshalb gab die Fraktion der Aufmüpfigen auch fast gleichlautende Statements heraus.

„Nicht mutig genug“ (Bielefelds Geschäftsführer Markus Rejek), „hätten uns stärkeres Signal gewünscht“ (Mainzer Finanzvorstand Jan Lehmann), „eher Evolution statt Revolution“ (Paderborns Geschäftsführer Martin Hornberger), hieß es. Breit folgerte derweil: „Die marginale Erhöhung des Prozentsatzes in der Säule Gleichverteilung entpuppt sich als vorübergehende Corona-Hilfsmaßnahme, nicht als Einstieg in eine Veränderung des Gesamtsystems.“

Die 33-Jährige nennt es sogar einen „rhetorisch klugen Schachzug“. Sprich: Neue Verpackung für alten Inhalt, der die Lage der kleinen und mittleren Klubs nur marginal verbessert. Bei aller Komplexität wäre es aus ihrer Sicht besser gewesen, eine andere Botschaft zu senden. Sie persönlich hätte sich gewünscht, wenn Oliver Leki, der Finanzvorstand des SC Freiburg, gehört worden wäre. Das Präsidiumsmitglied drückte selbst sein Bedauern aus, dass nicht wie von ihm vorgeschlagen eine „Effizienzquote“, also sportlicher Erfolg gemessen an den eingesetzten Mitteln, belohnt wird. Die Berücksichtigung von Nachwuchsarbeit, Ausbildung und Interesse sieht Breit als ersten richtigen Ansatz, aber aktuell würde die Entfremdung viel stärker wachsen.

Für das Wortspiel von DFL-Boss Seifert, man solle mitten im Sturm nicht versuchen, das Dach zu decken, hatte der Vorsitzende der Darmstädter Fan- und Förderabteilung, Markus Sotiranos, einen anderen Vergleich parat. „Wir sagen, dass es nicht nur um das Dach geht – der ganze Schiffsbau hat einen Riss. Dieser Riss kam aber nicht durch Corona, der war vorher schon da“, sagte Sotiranos den Zeitungen der VRM-Gruppe. „Corona ist jetzt nur das Wasser, das eindringt. Wir dürfen deshalb nicht einfach weiterfahren.“

Viele Klubs sind finanziell leckgeschlagen

Einige Klubs sind finanziell wieder leckgeschlagen. Seifert räumte ein, dass es für einzelne Vereine wieder „eng“ oder „sehr eng“ werde. So kämpft der deutsche Profifußball einen doppelten Kampf: um die Glaubwürdigkeit und ums Überleben. Intern soll der Bundesliga-CEO ob der ungenügenden Nachsteuerung bei den Finanzen lautstark Tacheles gesprochen haben. Dass einige den Personalkostenblock in der Corona-Krise sogar noch ausbauten, trifft auf völliges Unverständnis. Das Spardiktat wird genauso wenig wie das Virus vorerst verschwinden. In der vergangenen Spielzeit kam die Liga mit Einbußen von 275 Millionen Euro (oder sechs Prozent des Umsatzes) noch vergleichsweise glimpflich davon. In der laufenden Saison würden sich allein die Verluste bei den Zuschauererlösen auf 650 Millionen summieren, rechnete Seifert vor, mindestens 250 Millionen kämen auf dem Transfermarkt weniger rein, dazu knicken die Sponsoringerträge ein. Unter dem Strich ergibt sich ein Umsatzrückgang von 20 Prozent, bis Sommer 2022 fehlen zwei Milliarden Euro.

Der DFL-Chef Seifert sprach öffentlich die „Spielergehälterfront“ an, wo zu wenig getan würde. Sein Präsidiumsmitglied Steffen Schneekloth vom Zweitligisten Holstein Kiel führte aus, man müsse sich gar nicht über Verteilmodelle bei den Medieneinnahmen streiten, wenn nicht ein Umdenken auf der Ausgabenseite einsetzt. „Das müssen wir stärker in den Fokus nehmen. Da ist Haltung gefragt von den Klubs.“ Eine Anpassung von Spielergehältern und der Beraterhonorare sei unausweichlich.