Mit Herzblut dabeu: Herthas Cheftrainer Ante Covic.
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Berlin-CharlottenburgBleibt er? Muss er gehen? Darf er noch beim Spiel gegen Borussia Dortmund aufgeregt in der Coaching-Zone herumtigern? Wohl nicht. Es geht um Ante Covic. Ganz ehrlich: Ich konnte mir zu Saisonbeginn überhaupt nicht vorstellen, dass ich mich nach dem zwölften Spieltag mit einem Trainerwechsel befassen muss. Das macht keinen Spaß, besonders, wenn man denjenigen Fußballlehrer, um den es geht, seit vielen Jahren kennt und als Menschen schätzen gelernt hat. Über den damals 22-Jährigen konnte ich schon 1997 berichten, als er als Profi mit seinen unorthodoxen Flügelläufen begeisterte. Nach nun sieben Niederlagen und dem desaströsen Auftritt in Augsburg scheint die so junge Karriere als Bundesliga-Coach ein vorläufiges Ende zu finden. Das 0:4 von Augsburg erinnerte mich stark an ähnliche, beinahe klassische Trainer-Entlassungs-Spiele wie das 1:5 bei der TSG Hoffenheim im September 2009 und das 0:5 im Februar 2012 beim VfB Stuttgart. Danach mussten Lucien Favre und Michael Skibbe gehen.

Covic arbeitet zwar mit Hingabe und totaler Identifikation, aber sein Herzblut konnte er dennoch nicht auf die Mannschaft übertragen. So fehlt dem Team im Moment etwas, was Ligakonkurrent 1. FC Union gerade im Übermaß besitzt: Leidenschaft und unbändiger Kampfgeist.

Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Ich habe als Reporter über ein Dutzend Trainerentlassungen bei Hertha erlebt. Solch ein Ereignis ist immer ein großer Einschnitt – vor allem für den Betroffenen, für die Mannschaft und auch für die Verantwortlichen im Klub. Erstaunlich: In Berlin trat ein sehr kurzfristiger Effekt eigentlich nur beim Wechsel von Jürgen Röber auf Falko Götz im Februar 2002 ein. Das Trainer-Duo Götz/Andreas Thom schaffte danach sechs Siege und ein Remis, führte das Team auf Rang vier und ließ Offensivfußball vom Feinsten spielen.

Am schlimmsten traf es Huub Stevens

Auf der anderen Seite sah ich, wie Trainer, die gehen mussten, heftig gelitten haben, ehe sie alle irgendwann wieder einen Job gefunden hatten. Auch Röber, für den nach einer Niederlage bei Energie Cottbus das Aus kam, fiel der Abschied äußerst schwer. Am schlimmsten traf es einst Huub Stevens. Im Oktober 2003 war Hertha unter dem Niederländer auf dem letzten Tabellenplatz gelandet. Manager Dieter Hoeneß stellte Stevens ein brutales Ultimatum. Er musste die nächsten beiden Spiele gewinnen – ansonsten wäre er seinen Job los. Der Zufall wollte es, dass beide Duelle beim FC Hansa Rostock ausgetragen werden mussten – zuerst in der Liga und nur drei Tage später im DFB-Pokal. Mit 1:0 siegte Hertha in der Bundesliga, im Pokal folgte ein unglaubliches Drama. Hertha gewann im Elfmeterschießen mit 6:5! Mehr Stress ging nicht.

Danach haben alle Spieler und der Trainer in der Kabine jämmerlich geweint. Fünf Wochen später aber musste Stevens dennoch gehen, als das Team mit 1:6 in Bremen aus dem DFB-Pokal flog. Auch Favre, der im September 2009 gehen musste, benötigte eine lange Auszeit, um das Geschehen zu verarbeiten. Erst nach 522 Tagen Pause unterschrieb er einen neuen Vertrag bei Borussia Mönchengladbach.

Solch einem Stress wie Herthas ehemaliger Manager Dieter Hoeneß seinem Trainer Stevens einst zumutete, wird Preetz seinem Wunschtrainer aus dem Sommer 2019, Covic, nicht aussetzen. Das hätte der Novize in der Beletage des deutschen Fußballs auch nicht verdient. Leiden wird er dennoch, wenn er nun aller Voraussicht nach gehen muss.