Berlin - Philipp Weber grinste. „Wir sind ein bisschen die Wundertüte des Turniers“, sagte der Spielmacher der deutschen Handballer - und die ungezügelte Vorfreude blitzte in seinen Augen auf. Die erfolgreiche Generalprobe gegen Olympiasieger Frankreich beflügelt die deutschen Hoffnungen, beim bevorstehenden Saisonhöhepunkt Europameisterschaft scheint für das unerfahrene DHB-Team plötzlich vieles möglich zu sein.

Zwar wisse nach der intensiven Vorbereitung und dem nur bedingt aussagekräftigen 35:34-Sieg im Härtetest gegen den Rekordweltmeister keiner so recht, wo wir stehen, sagte Weber. Doch durch die neun Debütanten sei ein extremer Schwung entstanden und ein neues Feuer entfacht worden.

Luca Witzke schafft das Siegtor in letzter Sekunde

Diesen Schwung verkörpert auch Luca Witzke. Mit seinem Siegtor in letzter Sekunde hatte der Youngster, einer der vielen Grünschnäbel im Team von Bundestrainer Alfred Gislason, für den perfekten Schlusspunkt der deutschen EM-Vorbereitung gesorgt. Er hatte einfach mal abgezogen. Einfach mal ins Tor der Franzosen getroffen – praktisch mit der Schlusssirene. „Das war schon ein cooles Gefühl“, sagte Witzke am Montag. Solch ein Erfolg, das betonte der 22-Jährige, „schweißt zusammen. Das ist das beste Teambuilding, das man haben kann.“

Auch Patrick Wiencek, der älteste und erfahrenste Nationalspieler im aktuellen EM-Kader, freute sich diebisch über den Coup gegen Frankreich. Der Kieler Kreisläufer warnte aber davor, das Ergebnis zu überhöhen und daraus übertriebene Erwartungen abzuleiten. „Das war leider nur ein Freundschaftsspiel, wir haben noch keinen Punkt gewonnen“, sagte Wiencek: „Es ist gut für die Moral, mehr aber auch nicht.“

Die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) startet am Freitag (18 Uhr/ARD) gegen Belarus in seine EM-Mission und trifft in der Vorrunde zudem auf Österreich (16. Januar) und Polen (18. Januar). Die ersten beiden Mannschaften qualifizieren sich für die Hauptrunde, die ebenfalls in der slowakischen Hauptstadt stattfindet.

Kromer und Kastening warnen vor zu großer Euphorie

„Alles ist möglich“, hatte Torhüter Till Klimpke schon nach dem Sieg gegen die Schweiz gesagt. Doch Flügelflitzer Timo Kastening ordnete den euphorischen Vorstoß umgehend ein: „Genau, alles. Wir können auch in der Vorrunde rausfliegen, wenn wir denken, wir können schon weiterdenken.“ Auch DHB-Sportvorstand Axel Kromer betonte nach dem Frankreich-Spiel, dass es wichtig sei, „dass wir nicht gleich wieder spinnen, was irgendwie möglich ist“.

Zumal Gislason bei der Generalprobe zwar „viel Positives gesehen“ hatte, aber dennoch den Fokus auf die Baustellen richtete. „Wir sind eben noch nicht eingespielt im Angriff, wenn man von der Achse Kühn-Weber-Häfner absieht“, sagte der Isländer: „Alles andere sind neue Konstellationen, da müssen wir uns einspielen.“

Auf die erfahrenen Kräfte war gegen Frankreich nach einer schwächeren ersten Halbzeit aber Verlass. Andreas Wolff als starker Rückhalt nach der Pause und Kai Häfner als bester Werfer überzeugten ebenso wie Julius Kühn, der in der entscheidenden Phase in die Bresche sprang. Es wirkte fast so, als wehte ein Stück des Geistes von 2016 durch die Arena.

Weber nach Schulterverletzung wieder im Training

Wobei sich das Team auch durch die Verletzung von Rückraumspieler Weber nicht aus der Balance bringen ließ. Der Spielmacher vom Bundesliga-Tabellenführer SC Magdeburg ist nach seiner Schulterblessur schon wieder auf dem Weg der Besserung und soll am Dienstag das komplette Mannschaftstraining absolvieren. „Nach dem Spiel hatte er ganz schöne Schmerzen. Jetzt geht es ihm deutlich besser“, berichtete Co-Trainer Erik Wudtke am Montag.

Wolff, Kühn und Häfner kennen die momentane Situation bestens. Vor sechs Jahren hagelte es ebenfalls Absagen vor der Europameisterschaft, die DHB-Auswahl spielte sich als große Unbekannte mit vielen Neulingen jedoch in einen unglaublichen Rausch und holte sensationell den Titel. Eine solche Entwicklung sei „grundsätzlich immer möglich. Jetzt gilt es zu liefern“, sagte Häfner. Und Kromer ergänzte: „Klar ist, dass so ein Turnier eine Dynamik entwickeln kann“.