Faszinierender Kampf, knapper Sieg: Im Berliner Duell gewinnt Jack Culcay (r.) gegen Abass Baraou.
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BerlinDer Druck ist groß, wenn ein Unternehmer ins Risiko geht. Aber manchmal lohnt es sich. Das ist am späten Freitagabend für den Berliner Chef des Agon-Boxstalls Ingo Volckmann der Fall gewesen. Aber bis zuletzt wusste er nicht, ob es gereicht hatte für seinen Boxer. Denn es war knapp, sehr knapp, bei diesem mitreißenden Boxspektakel zwischen Jack Culcay und Abass Baraou in den Berliner Havelstudios am Ufer des Stößensees: eine geteilte Punktrichter-Entscheidung (116:113, 114:115, 113:115). 

Wen würde der Ringrichter als Sieger ausrufen? Es durften wegen der Hygienevorschriften nur 140 Zuschauer in die Berliner Havelstudios kommen, aber sie waren fasziniert und laut wie 1400, jetzt aber vor Spannung ganz leise: „Jack, Golden Jack, Culcaaaaaay“, schallte es aus den Boxen. Culcay hob erleichtert beide Fäuste. Abass Baraou dagegen wirkte nach seiner ersten Profi-Niederlage im 10. Kampf unnahbar, als habe er einen schwarzen Vorhang vor sein Gesicht gezogen. „Ich hab eine super Leistung gezeigt. Ich fühl mich nicht besiegt, aber ich hab trotzdem verloren“, sagte Baraou.

Oft wurde in den vergangenen Jahren gefragt, wie das deutsche Boxen wieder an Klasse gewinnen könne, wie Kämpfe wieder spannend werden. Am Freitagabend hat die Veranstaltung des Berliner Agon Boxstalls darauf in einem kleinen, feinen Fernsehstudio, dessen Wände von purpurnem Scheinwerferlicht angestrahlt wurden, eine Antwort gegeben: exklusive Kämpfe in einer exklusiven Atmosphäre mit exzellenten Athleten.

Am Sonnabend folgte beim Schwergewichts-Duell zwischen dem Berliner Marco Huck und dem vermeintlichen „Ostseehammer“ Dennis Lewandowski, der nicht austrainiert mit 152 Kilo in den Ring walzte, und alle zehn Runden klar verlor, eine weitere Antwort:  sicher nicht mit Rummelboxen. 

Tags zuvor hatten Viele schon vorab von Culcay, 34, und Baraou, 25, zwei begnadeten Technikern im Superweltergewicht, Deutschlands Boxkampf des Jahres erwartet. Der wurde es. Sie zeigten alles, was Boxen attraktiv macht, kaum Klammern, keine Verschnaufpausen.

Zunächst war Culcay der Aktivere, Baraou tänzelte leichtfüßig, vermied Treffer elegant durch Oberkörper-Pendeln. Ab Runde vier erhöhte Baraou seinen Druck, dominierte, versuchte, mit Treffern zum Körper Wirkung zu erzielen. Culcay suchte dosiert die Lücke in Baraous Deckung. „Gegen Ende hin habe ich gespürt, dass ich hinten liege. Meine Ecke hat mir gesagt, ich muss mehr machen. Das war das Entscheidende“, sagte Culcay.

Er boxte um seine Karriere, die bei einer Niederlage wohl zu Ende gewesen wäre, und um seinen Arbeitgeber Agon, der sonst seinen Hauptkämpfer verloren hätte. Nun hat Culcay das Recht auf einen WM-Ausscheid. Volckmann stürmte nach dem Urteil in den Ring, trug seinen Boxer wie einen Goldsack auf den Armen. Culcay bleibt sein Pfand für die Zukunft, die Hoffnung, dass sich die Investitionen irgendwann in Erträge wandeln, denn Eintrittsgelder hatte er am Freitagabend nicht eingenommen. Sport 1 übertrug den Kampfabend zwar, „aber dafür habe ich null Euro bekommen“, sagte Volckmann.

Begeisterung bei Ulli Wegner und Axel Schulz

Was er bekam, war Aufmerksamkeit und viel Respekt. „Es war ein Weltklasse-Kampf“, fand Ulli Wegner. „Culcay hatte die beeindruckenderen Treffer, aber Abass kommt schon noch nach vorne. Er ist ein Weltklasse-Mann“. „Das war Werbung fürs Boxen“, schwärmte der frühere Profi Axel Schulz.

„Einfach Hammer“, rief Promoter Volckmann begeistert, „das war für Jack und für mich ganz, ganz wichtig. Denn wir haben ja keinen Fernsehsender. Wir sind aber für kommende Veranstaltungen in Gesprächen. So ein Duell wie heute zu veranstalten, war sicher riskant, aber es hat sich gelohnt. Denn ich bin immer jemand, der Dinge auf lange Basis anlegt.“