London - Und auf einmal kamen sie von überall her. Von wirklich überall. Eine Viertelstunde nach dem dramatischen Ende im Elfmeterschießen des Europa-League-Halbfinals, das mit 4:3 zugunsten des FC Chelsea entschieden wurde, sich das Stadion an der Stamford Bridge geleert hatte und die blauen Sitzschalen zur Geltung kamen, harrten die Fans von Eintracht Frankfurt aus. Voller stolz und teils mit Tränen in den Augen schwenkten die 2.500 Anhänger in der Gästekurve ihre schwarz-weißen Schals. Und auf der Gegentribüne, etwa 50 Meter weiter weg, versammelten sich all die Frankfurter, die auf anderem Wege Tickets ergattert hatten. 800, 900, vielleicht waren es auch 1.000. „Man kennt sie nicht nur am Mainstrand - nein, auf der ganzen Welt", trällerten die Mitgereisten die Vereinshymne „Im Herzen von Europa“ in den Londoner Nachthimmel.

Es war ein Moment für die Ewigkeit. „Ich bin unglaublich stolz auf meine Mannschaft“, sagte ein sichtlich gerührter Adi Hütter. „Sie hat in dieser Saison eine einzigartige Haltung gezeigt. Und was die Fans nach dem Spiel veranstaltet haben, ist großartig. Es macht einfach Spaß, hier Trainer zu sein. Schade, dass wir nicht nach Baku fahren. In der Kabine seien Tränen geflossen, gab der Österreicher Einblicke in das Innenleben der Mannschaft. Er habe versucht, die Jungs wieder aufzurichten und ihnen gratuliert. „Wenn man das heute alles gesehen hat“, führte Hütter weiter aus, „haben wir es uns verdient, auch nächstes Jahr international zu spielen.“

Und wie sie es verdient hätten. Kaum eine deutsche Mannschaft hat die Europa League in den vergangenen Jahren so sehr angenommen wie Eintracht Frankfurt. Dass die einstige Fahrstuhlmannschaft, die vor sieben Jahren noch in der zweiten Liga gegen Erzgebirge Aue oder den FSV Frankfurt spielte, sich auf beeindruckende und erfrischende Art gegen internationale Schwergewichter wie Marseille, Inter Mailand, Lazio Rom, Donezk oder Benfica Lissabon durchgesetzt hat und am Donnerstagabend sogar das Milliarden-Ensemble von Chelsea an den Rande einer Blamage brachte, ist eine sensationelle Entwicklung.

Haller mit zwei Chancen

Nicht mal die kühnsten Optimisten hatten im Vorfeld der Partie einen Pfifferling auf die Eintracht gesetzt. Zumal nach dem 1:6-Debakel vier Tage zuvor in Leverkusen. Dass die Frankfurter nun ausgerechnet gegen den großen FC Chelsea, mit Ausnahmekönnern wie Eden Hazard oder Olivier Giroud gespickt, über sich hinauswuchsen - wer hätte das für möglich gehalten?

Den 0:1-Rückstand durch Loftus-Cheek-Cheek (28.) hatte Luka Jovic (49.) mit seinem zehnten Treffer in diesem Wettbewerb ausgeglichen. Es ging also in die Verlängerung. Dort kämpfte eine leidenschaftlich rackernde SGE-Elf darum, das Unmögliche möglich zu machen. Kevin Trapp hielt mehrfach glänzend, Sebastién Haller hatte zwei dicke Chancen und Martin Hinteregger, der kantige Österreicher, räumte alles ab was ihm in die Quere kam. 

Umso tragischer, dass ausgerechnet Hinteregger (und auch Paciencia) später vom Elfmeterpunkt an Kepa scheitern sollte. Der Österreicher, dem die Eintracht-Fans mit „Hinty Army“ sogar ein eigenes Lied gewidmet haben, wurde vom Anhang trotzdem frenetisch gefeiert. In der Kurve wurde er von den Fans gedrückt, aufgebaut, geherzt. Das zeigt einmal mehr, wie sehr in Frankfurt Anhang und Mannschaft zusammengewachsen sind. Eine vielleicht einmalige Symbiose im Millionen-Geschäft Fußball, in dem sich abgehobene Profis immer mehr von der Basis entfernen.

Die letzte Bastion

Eintracht Frankfurt war die letzte Bastion, die sich gegen zwei rein-englische Finals in den beiden europäischen Wettbewerben stemmte. Eine Mannschaft, die europaweit für Staunen gesorgt und den verstaubten Wettbewerb zu mehr Glanz verholfen hat. Nun spielen Arsenal und Chelsea am 29. Mai in Baku den Sieger der Europa League aus, Liverpool und Tottenham ringen um den Champions-League-Titel.

Immerhin ein Titel geht an Eintracht Frankfurt: „Sieger der Herzen“.