Es ist nicht leicht, Ralph Krueger in diesen Tagen zu erreichen. Zusammen mit seiner Familie erholt sich der entlassene Eishockeycoach der Edmonton Oilers, der als Nachfolger von Don Jackson als neuer Eisbären-Trainer gehandelt wird, in einem abgelegenen Ferienhaus in Ontario. Telefonanschluss gibt es dort keinen. Das Interview führt der 53 Jahre alte Deutsch-Kanadier in der Villa eines Freundes.

Herr Krueger, Sie sind im Moment abgetaucht. Befürchten Sie nicht, einen für ihre Zukunft entscheidenden Anruf zu verpassen?

Nein, ich kriege schon alles Wichtige mit. Aber die Umgebung hier tut mir im Moment sehr gut. Ich habe vor, mich ein wenig zu regenerieren. Ich habe mich drei Jahre lang voll in die Arbeit geworfen und bin niemand, der sich so schnell lösen kann. Es ist jetzt Zeit, alles neu zu überdenken. Es gibt einige Optionen, wie es weitergehen könnte.

Bei den Eisbären Berlin ist bekanntlich eine Stelle frei geworden.

Es gibt keinen Verein in Europa, vor dessen Entwicklung ich in den letzten Jahren mehr Respekt habe. Was dort so abläuft mit den Titeln und den Fans, das ist wirklich sensationell. Peter John Lee (Manager der Eisbären, d. Red.) und ich sind immer in Kontakt, aber ob das jetzt der richtige Moment ist, kann ich nicht beantworten

Ist das eine Absage?

Kurzfristig sind die Chancen sehr klein. Ich brauche etwas Abstand und auch meine Frau wäre nicht traurig über eine kleine Auszeit. Eine Zusammenarbeit in irgendeiner Form wird sicher passieren, wenn ich keinen Job annehme. Wir werden einfach schauen, wie das geht. Lee wird immer die Nummer eins auf meinem Zettel sein.

Sie scheinen einen Narren an ihm gefressen zu haben.

Niemand auf der Erde ist sich so ähnlich wie wir zwei. Wir haben in den Achtzigerjahren in Düsseldorf zusammengespielt, er war mein erster und bester Eishockeyfreund. Wir haben dann den Wechsel zusammen gemacht vom Spieler in die Management- und Trainerarbeit. Und wir haben viele Jahre als Trainer in der Schweizer Nationalmannschaft zusammen verbracht. Wir haben gemeinsam eine Philosophie von Eishockey entwickelt, die wir heute noch praktizieren.

Welche ist das?

Wir lassen uns nicht ablenken von Resultaten. Der Prozess ist entscheidend. Ob es gut geht oder schlecht, ob wir einen guten oder schlechten Tag haben: Wir sind Leute, die am nächsten Tag aufstehen, um alles besser zu machen. Das zeigt sich an der Entwicklung der Schweizer Nationalmannschaft und an den vielen Titeln von Berlin. Es ist unsere Motivation, dass die Menschen nicht nur Richtung Erfolg arbeiten, sondern dass auch Emotionen und Freude dabei sind.

Ergebnisse sind ein nicht unwesentlicher Teil des Geschäfts. Das mussten Sie mit ihrer Kündigung gerade erst erleben.

Ich bin mit dieser Philosophie an Edmonton gescheitert, weil man einfach nicht alles verstanden hat, was ich machen wollte.

Kam die Trennung überraschend?

Man hätte es kommen sehen können. Wir haben uns auf einer ganz anderen philosophischen Wellenlänge bewegt. Man hat mir sportlich nichts vorgeworfen. Wir sind sechs Plätze hochgerutscht, die Erwartungen waren für die Saison eigentlich nicht höher als zuvor. Alle haben gesagt, das ist noch ein Entwicklungsjahr.

Unvollendet ist ihr Projekt damit trotzdem.

Erst mal bin ich dankbar, dass ich drei Jahre dort sein durfte. Das Niveau der Spieler ist extrem hoch. Wenn du ein Eishockey-Liebhaber bist, dann ist es ein Genuss mit diesem Talentlabor zu arbeiten. Es wird weitergehen. Ich hatte auch schon unterschiedliche Jobangebote aus der NHL. Das waren aber keine Headcoach-Positionen.

Das wäre bei den Eisbären anders, wobei der internationale Ruf der DEL nicht der beste ist.

Wenn ich die Top-Sechs-Mannschaften in Deutschland anschaue, dann bin ich überzeugt, dass die gegen jeden Gegner aus Europa gewinnen können. Es ist nicht so, dass die deutsche Liga anders ist als die in der Schweiz, Schweden oder Russland. Stark ist die regionale Verankerung in Deutschland. Die Leute sind eishockeybegeistert.

Dennoch wird überall gejammert, dass es wegen der europäischen Konkurrenz immer schwerer wird, gute Leute nach Deutschland zu holen.

Meiner Meinung nach entscheidend ist die Fernsehpräsenz. Management, Professionalität und Stadien, das ist alles top. Die Infrastruktur insgesamt ist vielleicht die beste in ganz Europa. Es ist schon verrückt, dass Deutschland nicht als Top-Liga gesehen wird.

Im Gegensatz zur Schweiz. Seit dem Finale bei der WM schwärmt die ganze Welt vom Eishockey der Eidgenossen. Sie haben zwölf Jahre die Nationalmannschaft trainiert. Ist der Erfolg Ihr Erbe?

Es freut mich wirklich unglaublich, was dort passiert. Als wir bei den Olympischen Spielen in Turin 2006 gegen Kanada gewonnen haben, hat das geradezu einen Boom ausgelöst. Die ganze Nation ist gemeinsam vorwärtsgegangen. Wir hatten schon immer die defensive Basis. Jetzt wurde mit Trainer Sean Simpson eine offensive Frechheit draufgelegt. Und was ganz entscheidend ist: Es wird kontinuierliche und gute Nachwuchsarbeit geleistet.

Wie bewerten Sie die Entwicklung in Deutschland?

Berlin ist ja ein Traumbeispiel dafür, wie man es angehen muss. Hier bekommen junge, einheimische Spieler Verantwortung. Diese sind wichtig für einen solchen Prozess. Warum das woanders nicht funktioniert, weiß ich nicht. Ich finde aber, dass Deutschland auf einem guten Weg ist. Man hat sich nach der gescheiterten Olympia-Qualifikation wieder gefangen und ist wieder näher zusammengerückt.

Das klingt nach einem nach wie vor reizenden Jobland für Sie.

Pat Cortina (deutscher Nationaltrainer, d. Red.) habe ich lange gesprochen während und nach der Weltmeisterschaft. Mir imponiert seine Professionalität, seine Denkweise. Ich habe das Gefühl, die Nationalmannschaft ist bei ihm in sehr guten Händen. Ich werde dem Team aber immer zur Seite stehen, wenn man mich fragt. Ich finde allerdings, man sollte ihn arbeiten lassen und unterstützen.

Vor allem der Verband. Der wirkt aber nicht selten planlos. Wie nehmen Sie den DEB und seine Führung wahr?

Ich habe eine freundliche Beziehung zum deutschen Verband, weiß aber nicht, wie es im Tagesgeschäft so abläuft. Wichtig ist einfach, dass Liga und Nationalmannschaft eng zusammenarbeiten, das ist überhaupt die Basis. Und dass die Leute, die den Sport kennen, für alle sportlichen Entscheidungen zuständig sind.

Das Gespräch führte Benedikt Paetzholdt.