Eisbären Berlin: Mehr Demokratie wagen

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Wenn Stefan Ustorf dieser Tage in seine neue Rolle schlüpft, zieht er sich zurück. Er trainiert dann nicht mit seinen Teamkollegen von den Eisbären Berlin auf dem Eis des Wellblechpalasts, sondern sitzt ganz weit oben unter dem Dach der Sporthalle, da, wo er aus der Vogelperspektive genau sehen kann, wer vielleicht doch nicht so arbeitet, wie er es immer vorgegeben hat: mit 100 Prozent Einsatz.

Ustorf, der Kapitän a.D., noch immer an den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas leidend, blickt wehmütig auf die klirrenden Kufen und die donnernden Pucks, er wäre gern dabei, doch seine legeren Freizeitklamotten und sein Basecap, das er mit dem Schirm nach hinten aufgesetzt hat, drücken das aus, was er fühlt: „Ich bin momentan eben ein Außenstehender.“

Da Ustorf bei den Eisbären vorläufig zur Passivität verdammt ist, ergibt sich vor dem heutigen ersten Spiel im Playoff-Viertelfinale gegen die Kölner Haie (19.30 Uhr, Arena am Ostbahnhof) eine Kardinalfrage: Wer übernimmt die wichtige Führungsrolle jenes Mannes, der in den K.-o.-Spielen der vergangenen Saison eindrucksvoll bewiesen hat, wie man auf und neben dem Eis vorangeht?

Ustorf war es schließlich, der für jede Situation eine Lösung parat hatte: Er fand vor der Mannschaft die richtigen Worte, er spielte überragend und zog die öffentliche Aufmerksamkeit willentlich auf seine Person, so dass der Rest des Teams in Ruhe arbeiten konnte. „Usti ist Usti“, sagt Eisbären-Manager Peter John Lee, „ihn kannst du nicht ersetzen.“

Clowns sind verboten

Für die Eisbären ist die Situation ohne Ustorf eine neue Erfahrung. Denn immer war ein Anführer in den vergangenen Jahren dagewesen, nicht nur Ustorf, sondern auch Denis Pederson oder Steve Walker. Ustorf und Pederson sind nun verletzt und fehlen in den Playoffs, Walker sorgt als Polizist in Kanada für Recht und Ordnung. Die Zeit, die nun auf die Eisbären zukommt, ist deshalb aufschlussreich: Es wird zu sehen sein, wie sich das Team in einer großen Drucksituation ohne echten Leader arrangiert.

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Immer deutlicher zeigt sich nämlich, dass die Eisbären in einem Umbruch stecken. Ob Spieler wie Ustorf und Pederson überhaupt noch einmal zurückkehren, erscheint fraglich, deshalb wird sich die Hierarchie schon bald ändern. Die neuen Führungsspieler sollten sich dann an früheren Frontleuten orientieren, sagt Lee, „denn Leistung auf dem Eis ist wichtig. Usti und Peedy sind Paradebeispiele dafür.“

Warum? Lee erklärt es an einem Beispiel: „Es wird immer gesagt, dass es wichtig ist, mit Spaß zu spielen. Aber was bedeutet Spaß? Etwa auf dem Eis wie ein Clown rumzurennen? Nein, das hat etwas mit Freude zu tun. Für sie bedeutet Freude, dass sie nach jedem Training ein kleines Stück besser sein wollen.“

Einige Profis ähneln Richie Regehr

Lee schwärmte zuletzt beispielsweise von Richie Regehr, dem Ersatzkapitän, der selbst an freien Tagen schuftete. Zwar ist Regehr in dieser Hinsicht ein Vorbild wie es sich Lee wünscht, doch erfüllt der Verteidiger die andere Anforderung eines Leaders nicht so recht: Regehr ist ruhig, wohl zu ruhig. Er nennt nicht dieses extrovertierte Auftreten eines Ustorf sein Eigen, den es auch braucht, um ein Team mitzureißen.

Im Kader der Eisbären ähneln einige Profis Richie Regehr: André Rankel etwa oder Frank Hördler. Sven Felski ist keineswegs introvertiert, bei ihm sprechen aber die kolportierten Differenzen mit Trainer Don Jackson gegen eine alleinige Führungsposition. „Im Endeffekt hat jeder einen Teil Verantwortung übernommen“, sagt Verteidiger Constantin Braun (24), jemand, der die Rolle als Leader zukünftig am ehesten ausfüllen könnte.

Das große Thema bei den Eisbären ist deshalb in diesen Wochen teaminterne Demokratie. „So muss das auch sein“, sagt Denis Pederson, „bei uns war das ja auch immer der Fall, auch wenn es nach außen durch Stefans Präsenz nicht unbedingt den Eindruck gemacht hat.“

Don Jackson, der Trainer der Eisbären findet den Ausruck Demokratie „klasse“, wie er mit seinem spitzbübischem Grinsen sagt, „denn das transportiert ja das, was ich immer sage: Jeder im Team sollte Führungsstärke einbringen.“ Jackson, der aufbrausende Trainer, der früher auch schon mal in den USA ein Maskottchen des gegnerischen Teams verprügelte, findet es auch nicht schlimm, dass eher introvertierte Typen als Kandidaten bereit stehen. Er bezieht sich auf Wayne Gretzky, einer der besten Eishockeyspieler aller Zeiten, „der auch nie viel gesagt hat. Aber wenn er das tat, hatte jeder Respekt davor.“

Stefan Ustorf jedenfalls vertraut seinen Kollegen, er will sich in den Playoffs zurücknehmen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das Wort ergreifen werde“, sagt der Kapitän: „Wir haben genug Spieler, die was sagen können.“ Er wolle sich darauf beschränken, dem Team zu helfen, wisse aber noch nicht, wie diese Hilfe aussehen wird. Schaden kann es nichts – und wenn es nur ein paar Trainings-Erkenntnisse aus der Vogelperspektive sind.