Stéphane Richer, 52, hat ins Wellis gebeten, in die Sportsbar im Wellblechpalast Hohenschönhausen. Zeit ist kostbar in Zeiten wie diesen. Richer ist in seiner zweiten Saison Sportdirektor der Eisbären. Seit der Entlassung von Clément Jodoin im Dezember trainiert er zudem das Team. Richer bestellt eine Cola und fängt an, über Eishockey zu reden. „Eishockey ist mein Leben“, sagt der Kanadier. Und dann erklärt er, wie er in seiner Doppelrolle der Krise begegnet.

Herr Richer, wie würden Sie als Sportdirektor die Arbeit des Trainers Richer bewerten?
Er muss natürlich mehr Spiele gewinnen! Nein im Ernst: Es geht bei uns derzeit um die Balance. Die Spieler sind verantwortlich für das, was sie auf dem Eis tun. Aber sie dürfen auch den Spaß am Eishockey nicht verlieren. Die Situation ist nicht einfach.

Wie schwierig ist es für Sie, diese beiden Rollen zu vereinen?
Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich beides mache. Ich habe das in Kassel vier Jahre lang gemacht. Ich bin auch in Doppelfunktion nach Hamburg gekommen, habe mich dann aber darauf konzentriert, Sportdirektor zu sein. Darauf liegt auch hier mein Fokus. Aber für die Zeit, bis wir einen neuen Trainer gefunden haben, mache ich das gerne. So nah dran zu sein, ist ja auch hilfreich. Es macht auch jetzt Spaß, mit den Jungs zu arbeiten.

Bislang ist der Erfolg überschaubar.
Wir mussten zuletzt auf neun Stammkräfte verzichten, das macht es einfach schwer. Beim 2:6 gegen München wurden die jungen Spieler aus München gelobt, sie waren ja auch gut. Aber München war eben auch ohne fünf Spieler und nicht ohne neun. Zumal uns die ersten drei Center fehlen.

Ist so eine Misere neu für Sie?
Als ich vor zwei Jahren nach Berlin gekommen bin, hatten wir die gleiche Situation. Wir haben dann aber einen Weg gefunden, gute Play-offs zu spielen. Den müssen wir jetzt auch wieder finden.

Das liegt an Ihnen. Oder ist noch ein neuer Trainer zu erwarten?
Sobald ein passender Trainer auf dem Markt ist, holen wir ihn auch. Er muss zur Eisbärenphilosophie passen. Wir wollen junge Spieler aufbauen und schnelles Eishockey spielen. In den letzten 15 Jahren hatten die Eisbären nicht viele verschiedene Trainer. Es gab Pierre Pagé, Don Jackson, mit Jeff Tomlinson hat es dann nicht so gut funktioniert. Und dann kam Uwe Krupp.

Der hat 2018 nach fünf Spielzeiten mal wieder das Finale erreicht. Er wäre wohl geblieben, wenn er eher ein Vertragsangebot bekommen hätte. Warum kam die Offerte der Eisbären so spät?
Manche Dinge bleiben intern, es bringt auch nichts, in die Vergangenheit zu schauen. Fakt ist, dass wir ihm einen Vertrag angeboten haben, aber er hat sich entschieden, nach Prag zu gehen. In seiner ersten kompletten Saison hatte er eine gute Hauptrunde, aber dann waren die Play-offs gegen Köln nicht gut. Im zweiten Jahr war die Hauptrunde nicht gut, dafür aber die Play-offs. Letzte Saison war dann die Hauptrunde gut, aber wir wollten auch gute Play-offs haben. Und das Angebot kam vor den Play-offs. Wir mussten diese Saison dann einen Weg finden, wie wir damit umgehen.

Warum haben sich die Eisbären vor Weihnachten von Clément Jodoin getrennt. War er nicht die perfekte Lösung?
Wir hatten unsere Gründe. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt darüber zu reden. Er hat dann das Angebot aus München bekommen.

Seit der bisher letzten deutschen Meisterschaft verpassen die Eisbären nun schon zum vierten Mal die direkte Play-off-Qualifikation. Was läuft da schief in der langfristigen Strategie?
Man muss auch sehen, wie die Liga ist. München ist vorne dabei, seitdem Don da ist, aber vorher hatten sie auch Probleme. Und auch bei Nürnberg gibt es verschiedene Faktoren, dass es nicht läuft in diesem Jahr. Aber natürlich ist klar, dass wir uns als Eisbären jedes Jahr direkt qualifizieren wollen.

Warum wirkt die Einstellung der Profis in einigen Fällen problematisch?
Die Leistungsträger haben zuletzt viel Eiszeit bekommen, vielleicht waren sie im Kopf müde. Aber ich habe natürlich zu den Jungs gesagt, dass wir uns zu Hause nicht so präsentieren dürfen wie gegen Mannheim (0:7) oder München (2:6). Es ist eine Frage des Stolzes. Wir wollen diesen Stolz zurück. Wenn jetzt einige Jungs zurückkommen, finden wir hoffentlich zur Stabilität.

Über die ganze bisherige Saison hinweg kommt es zu teils gravierenden individuellen Fehlern. Wie kann so etwas passieren?
Wenn du komplett bist, kannst du anders reagieren, wenn dauerhaft Fehler passieren. Du kannst Konsequenzen ziehen und mal jemanden auf die Tribüne schicken. Aber das geht jetzt nicht, du brauchst jeden Spieler.

Wie bewerten Sie die Entwicklung der jungen Spieler, die ja viel aushelfen?
Eric Mik und Nino Kinder waren ja nie für diese Saison eingeplant. Das einzig Positive an den Verletzungen ist ja, dass wir sehen, wie sie sich entwickeln und ob sie bereit für größere Rollen sind. Die beiden werden eine Rolle spielen können.

Aber wenn die Routiniers zurück sind, werden die Nachwuchskräfte kaum noch eine Rolle spielen, oder?
Wenn wir komplett gewesen wären, hätten sie in Weißwasser spielen sollen. Um dann ab und an mal zu uns zu stoßen. Wenn jetzt alle zurück sind, müssen wir uns zusammensetzen. Vielleicht sitzt dann auch mal ein Erfahrener auf der Tribüne, wenn wir das Gefühl haben, dass Vincent Hessler das besser macht. Das wird entschieden, wenn alle da sind.

Verlässt Maximilian Adam die Eisbären Richtung Wolfsburg?
Zu solchen Gerüchten äußern wir uns nicht. Mik und Kinder haben mir viel gezeigt. Aber auch ein Hessler hat gezeigt, dass er eine Rolle spielt, wenn er weiter hart kämpft. Maximilian Franzreb hat auch guten Eindruck gemacht. Irgendwann muss auch der Umbruch kommen.

Micki DuPont ist 38 Jahre alt, die vier Spieler des Jahrgangs 1985 werden oder sind schon 34...
Wir werden schwierige Entscheidungen treffen müssen, wenn wir die Saison analysieren. Wir wissen, mit welchen Personen wir weitergehen, aber für mich zählt nur der Moment. Wir wollen alles probieren, den besten Tabellenplatz zu schaffen und gute Play-offs zu spielen. Letztes Jahr fuhren die Eisbären im Februar nach Kalifornien, das soll wichtig für den Zusammenhalt gewesen sein.

Wie einen Sie jetzt das Team?
Im November hatten wir während des Deutschland-Cups eine längere Pause, aber wir haben jetzt das Gefühl, dass wir auch mit den Rückkehrern mehr trainieren müssen. Aber die Jungs sollen auch abseits vom Eises zusammen Zeit haben. Der Spaß ist ganz wichtig.

Das Gespräch führten Christian Kattner und Benedikt Paetzholdt