Eisbären: Tiefgreifende Rostansätze

Constantin Braun war einsam am Montag. Als Einziger kurvte der Verteidiger zu Beginn der freiwilligen Trainingseinheit über das Eis. Von der Höhe der blauen Linie hämmerte er einen Puck nach dem anderen in das leere Tor. Später gesellte sich dann noch Matt Foy dazu. Nach einer zähen Sprunggelenksverletzung sucht der den Anschluss an die Mannschaft.

Von den anderen Spielern, die das verheerende 0:8 in Wolfsburg vom Sonntag zu verantworten haben, war weit und breit niemand zu entdecken. Das ist für die freiwilligen Übungseinheiten normal. Nach dem wohl schlimmsten Eisbären-Auftritt seit vielen Jahren wirkte dieser Schwund aber doch irgendwie unpassend. Nach solchen Tagen erwartet man in irgendeiner Form eine Reaktion oder ein sichtbares Statement für die Öffentlichkeit.

Überhaupt sind die ausgesendeten Signale recht unklar. Durch den Deutschland-Cup am kommenden Wochenende ruht der Ligabetrieb. So öffnet sich ein mehr als nützliches Zeitfenster, um das Erlebte aufzuarbeiten. Und um am Setting zu feilen, das nach drei Siegen zuvor schlimme Rostansätze aufgezeigt hat. Wozu es aber nur in Ansätzen kommen wird. Denn wie bereits vor dem Wochenende angekündigt, erhalten viele Spieler eine Auszeit. Weshalb auf dem Trainingseis in dieser Woche nur kleinere Grüppchen zu finden sein werden.

Keine Namen

„Nach einer Niederlage schmeißen wir unseren Plan nicht um“, sagt Cheftrainer Jeff Tomlinson, „unsere Spieler brauchen auch Zeit, um sich zu regenerieren.“ Deshalb fahren nach seiner Aussage auch Frank Hördler und André Rankel nicht zur Nationalmannschaft, sondern bleiben in Berlin. Das soll vor allem körperliche Gründe haben.

Gleichzeitig sieht es aber doch nach Eingeständnis aus. Die Führungsspieler sind da, wenn man sie braucht. Im Gegensatz zu anderen, die sich „individuell“ vorbereiten, wie es heißt. Über einzelne Namen will Tomlinson nicht sprechen. Noch mehr Unruhe von einem vielleicht missverstandenen Spieler möchte er nicht riskieren. In der Vergangenheit waren es vor allem die Spieler mit familiären Bezügen in Nordamerika, die sich während des Deutschlands-Cups eine kleine Auszeit gönnten
Überhaupt wirkt Tomlinson am Tag danach reichlich angegriffen. „Wir haben erst mal nur ein Spiel verloren, mehr nicht“, sagt er. Um anschließend von den drei Spielen zu reden, die man ja zuvor gewonnen habe. Die den positiven Trend der Truppe aufzeigten. Keine Frage: Nach dem Auftritt am Sonntag wirken solche Mutmacher doch reichlich deplatziert.

Ebenso wie die immer fragwürdigeren Erklärungsansätze, wie es mit der Mannschaft aufwärtsgehen soll. „Ich danke Wolfsburg für diese Klatsche“, sagt Tomlinson, „denn sie wird hoffentlich ein Weckruf für uns sein.“ Ganz ähnlich klang es schon vor wenigen Wochen, als er versuchte, im Abrutschen auf den letzten Tabellenplatz etwas Positives zu erkennen. Hier sammelt jemand Argumente für seinen Bestandsschutz, den er noch genießt. „Wir machen uns Gedanken“, sagt Manager Peter John Lee, „aber kurzfristige Personalentscheidungen stehen nicht zur Diskussion.“

Seit Montag dürfte das schon wieder überholt sein. Zumindest in Bezug auf die Mannschaft. Wegen einer Innenband- und Kreuzbandverletzung fällt Verteidiger Jens Baxmann voraussichtlich bis zum Saisonende aus. Die Besetzung war schon vorher reichlich dünn. Jetzt kann Lee eigentlich nicht mehr auf Verstärkungen verzichten. Denn so langsam geht es wirklich darum, die Saison zu retten. Die Mannschaft, die immer den Titel holt, wird es in diesem Jahr vielleicht nicht geben. Aber zumindest steht es an, die Erfolgsmarke des Eishockeys in Deutschland überhaupt nicht nachhaltig zu beschädigen.

Belastbare Fans

Sollte die Imagepflege nicht schleunigst ernsthafte Züge annehmen, kann Lee bald aber gar nicht mehr anders, als in sehr naher Zukunft die Neuausschreibung des Trainerpostens voranzutreiben. Ein Coach, der die Mannschaft nicht aus der Krise führen kann, lässt sich auch bei den so familiär angehauchten Eisbären irgendwann nicht mehr halten.

Auch die Fans sind nicht unendlich belastbar. Am Sonntag zeigten sich diese von wahrlich meisterlicher Seite, als sie ihre siechende Mannschaft bis zur letzten Minute in der Fremde unterstützten. Um diese Bereitschaft zu erhalten, ist aber Gegenleistung nötig. Gleiches gilt für die weniger eingefleischten Fans, die die Eisbären mit einem hohen Unterhaltungsfaktor verbinden. Alle zusammen braucht der Klub, um ein Alleinstellungsmerkmal zu erhalten. Leere Hallen machen nicht nur beim Training einen schlechten Eindruck. Sondern vor allem auch dann, wenn die Öffentlichkeit zuschaut.