Mathias Niederberger kehrte von der Düsseldorfer EG zu den Eisbären zurück.
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BerlinMathias Niederberger bläst die Backen auf und holt tief Luft. Anschließend zeigt er einen langen Atem, der in ein langes weißes Rohr fließt. Zusammen mit seinen Teamkollegen Frank Hördler, Kai Wissmann, Jonas Müller und Fabian Dietz war der Torwart der Eisbären Berlin am Freitagvormittag zum Check in der sportmedizinischen Ambulanz der Charité geladen. Der Lungenfunktionstest gehört hier zur Standard-Untersuchung, nach drei bis vier Stunden ist der gesamte Körper einmal durchleuchtet.

Diese Untersuchung durchlaufen die EHC-Profis in jedem Sommer. Sie ist zugleich eine wichtige Wegmarke. Denn mit diesen Tests endet in der Regel die Phase des Sommers, in der sich die Spieler individuell auf die kommende Saison vorbereiten, kurz darauf folgt der Start des Teamtrainings. Dass in diesem Jahr die gewohnten Routinen nicht gelten, offenbart sich nicht nur daran, dass die Tests einen Monat später stattfinden als sonst – gemeinsam aufs Eis soll es dann Mitte September zum ersten Mal gehen. Zur Untersuchung gehört auch ein Corona-Test, der erste von wahrscheinlich sehr vielen, die noch folgen werden. „Das gehört in diesem Jahr eben dazu“, sagt der 27-Jährige, der nach fünf Jahren bei der Düsseldorfer EG nach Berlin zurückkehrte „alles was hilft, dass wir bald wieder Eishockey spielen können, nehmen wir gerne in Kauf.“

Mathias Niederberger beim Lungenfunktionstest in der Charité.
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Während in der Geschäftsstelle der Eisbären, in den Büros der Deutschen Eishockey-Liga  (DEL) und in den Gesundheitsämtern die Köpfe rauchen, wie trotz der anhaltenden Pandemie im November die neue Saison mit zumindest einigen Fans beginnen kann, ist der Fokus bei Niederberger ein anderer. „Ich konsumiere sehr viele Informationen rund um das Virus“, sagt er, „weil ich informiert sein will. Aber das ändert nichts an meiner Einstellung als Profisportler. Ich will körperlich und mental topfit sein, wenn es losgeht.“ Am 13. November soll der Puck wieder durch die Eishockey-Arenen sausen.

Für Niederberger ist diese Perspektive so wichtig, weil sie Comeback und Neustart vereint. In der Saison 2014/2015 stand er bereits im Eisbären-Team. Nach Lehrjahren in Nordamerika wollt er sich in der DEL etablieren. Am Ende der Saison brachte er es auf elf Einsätze, was weniger an seinen Fähigkeiten lag. Zu genau dieser Saison sicherte sich der EHC die Dienste von Petri Vehanen, an dessen Seite sich Niederberger entwickeln, aber nicht wie gewünscht entfalten konnte. „Ich konnte viel von ihm lernen, wir haben auch immer noch ein gutes Verhältnis“, sagt er. Auf Dauer der Ersatzmann zu sein, reichte ihm aber nicht aus.

Also entschied er sich für einen Wechsel zur Düsseldorfer EG, wo er nicht nur die klare Nummer eins im Tor wurde. Niederberger parierte derart exzellent, dass er zuletzt die mit Abstand besten Werte der Liga offenbarte. Im Schnitt musste er pro Spiel nur 2,05 Gegentore hinnehmen. Mit einer Fangquote von 93,02 Prozent überragte er die Konkurrenten auch in dieser Statistik. Kein Wunder also, dass die EHC-Verantwortlichen frühzeitig um Niederberger buhlten. „Ich habe die Strukturen bereits kennengelernt und habe das Gefühl, dass hier in den nächsten Jahren Erfolge möglich sind“, begründet er seine Entscheidung.

Zum ersten Mal seit dem Saisonende 2018, nachdem Vehanen seinen Rücktritt erklärte, gehen die Eisbären nun mit einer klaren Hierarchie zwischen den Pfosten in eine Saison. Ersatzmann Tobias Ancicka feierte im Februar seinen 19. Geburtstag. Wie einst Niederberger gilt er als großes Talent für die Zukunft. Aber er braucht eben die Zeit, um an der Seite eines gestandenen Schlussmannes zu wachsen.

Ohne Verletzungen haben die Eisbären somit ein Kernproblem gelöst: In den vergangenen Jahren mussten die Eisbären mit Kevin Poulin und Justin Pogge jeweils einen Torwart nachverpflichten. Das ist kein gutes Zeichen angesichts der Bedeutung, die dem Torwart im Mannschaftssport zukommt.

Niederberger zog bereits vor rund zehn Wochen von Düsseldorf nach Berlin, „weil ich meine neuen Kollegen früh kennenlernen wollte“. Im Kraftraum, auf dem Eis beim sogenannten individuellen Training und durch das eine oder andere gemeinsame Essen ist die Beziehung zwischen dem Torwart und seinen Mitspielern bereits gewachsen. Was die Teamchemie angeht, dürften die Eisbären recht schnell bereit sein für die neue Saison. Anders als beim Warten auf Neuigkeiten bezüglich der Frage, wie der Saisonstart über die Bühne gehen wird, braucht es hier keinen langen Atem.