Der Stolz und die Freude waren unübersehbar. Die 20 bis 30 Kinder vom Eislaufverein Berchtesgaden hätten glücklicher kaum sein können, als Serge Aubin sie von der Umkleidekabine zu den Berliner Profis aufs Eis führte. Eine halbe Stunde lang ließen sich die Eisbären liebend gerne ausspielen. Und ihr Cheftrainer stand milde lächelnd daneben und genoss den Kontakt zu den Einheimischen, der bei einem Trainingslager sonst eher zu kurz kommt.

Dieses öffentliche Training in der bitterkalten Eishalle mit Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt offenbarte zugleich einen wesentlichen Charakterzug des neuen EHC-Bandenchefs. Aubin, 44 Jahre alt, genießt den Austausch mit Menschen. Häufig in den letzten Tagen sah man den Kanadier in intensive Gespräche mit seinen Spielern vertieft. Während der ehemalige Cheftrainer Uwe Krupp bei Ausflügen dieser Art stets den Eindruck vermittelte, erster Mann im Eisbären-Staate zu sein, die Interaktion mit Spielern aufs Nötigste reduzierte, gibt sich Aubin als Teamspieler. „Es ist auch für mich sehr wichtig, dass ich die Gelegenheit habe, mit allen zu sprechen. Ich möchte erfahren, wie sie als Person ticken“, sagt er.

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Erst mal Kräfte sammeln

Aubin versteht das Projekt bei den Eisbären als einen Neustart. Zum einen persönlich. „Ich musste zu Beginn des Jahres zum ersten Mal erfahren, wie es sich anfühlt, gefeuert zu werden“, sagt er. Nachdem ihn der Schweizer Klub ZSC Lions im Januar vor die Tür gesetzt hatte. Vor drei Jahren, als die Hamburg Freezers ihren Betrieb einstellen mussten, fand er bald eine neue Beschäftigung bei den Vienna Capitals in Österreich. Aber das Gefühl der Machtlosigkeit, dass ein Verein die Zusammenarbeit stoppt, machte ihm zu schaffen. „Ich musste erst mal Kräfte sammeln und mich hinterfragen“, erzählt Aubin. Aber dann hätten sowohl die Eisbären als auch er gemerkt, dass man voneinander profitieren kann.

Aubin ist aber auch angetreten, um dem Team einen Neustart zu verpassen. „Ich weiß natürlich, welche Rolle die Spieler vorher gespielt haben, aber ich will mir eine eigene Meinung bilden, wie ich sie einsetze“, sagt er. Dass die Erfolgsära mit sieben Titeln in neun Jahren längst vorbei ist, haben mittlerweile alle im Umfeld kapiert. Das Teamgefüge entsprechend auszurichten, haben seine Vorgänger nur halbherzig versucht. Was zum einen heißt, dass sich kein Führungsanspruch mehr aus längst vergangenen Titeln ableiten lässt.

Chance für die Jugend

Vor allem lässt Aubin erkennen, dass die Jugend unter ihm eine echte Chance bekommt, sich zu beweisen. Lukas Reichel, 17, dem NHL-Qualitäten bescheinigt werden, lobt: „Der Trainer vermittelt, dass er wirklich an uns glaubt.“
Dass der einstige NHL-Profi Aubin den Ruf genießt, das Potenzial bei jungen Eishockeyprofis zu wecken, zeigte sich an seiner Berufung in den Betreuerstab der kanadischen U18-Mannschaft bei der WM im Frühjahr. „Das war eine großartige Erfahrung für mich“, erzählt Aubin beim Gespräch nach dem Abendessen im Teamhotel Kempinski. „Natürlich macht es einen Unterschied, wie du mit Frank Hördler oder einem 18-Jährigen sprichst. Mein Job ist es, beide Seiten zu verstehen, um gemeinsam in die gleiche Richtung zu gehen.“ Bislang kommt seine Art an. Marcel Noebels lobt, „dass der Konkurrenzkampf erhöht wurde“.

In der vergangenen Saison spielten viele Eisbären unter ihren Möglichkeiten, erfüllten nicht den Führungsanspruch, den sie für sich beanspruchen. Neben den Zugängen birgt eine veränderte Teamchemie die größten Möglichkeiten, um die Play-offs ohne Umweg zu erreichen und sich dann kontinuierlich weiterzuentwickeln – so formuliert Aubin das Saisonziel. „Jeder will das letzte Spiel einer Saison gewinnen, aber dafür gibt es natürlich keine Garantie. Als wir in Wien 2017 den Titel gewannen, haben wir nicht an das Ziel gedacht, sondern uns jeden Tag neu den Herausforderungen gestellt.“

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Schnelles, attraktives Eishockey

Eine der größten Herausforderungen wird für ihn auch darin bestehen, die Fans von sich zu überzeugen. Eine Vergangenheit bei den Hamburg Freezers ist bei einigen Hartgesottenen in der Fankurve ein Makel. Aubin möchte den Zweiflern mit „schnellem, attraktivem“ Eishockey begegnen, „und die Fans stolz machen.“ Und er versichert: „Hamburg spielt für mich keine Rolle mehr, ich bin mit meinem Herzen zu 100 Prozent hier in Berlin. Es geht für mich alleine darum, dass die Eisbären erfolgreich sind.“ Im Trainingslager hat er jedenfalls viel für ein gegenseitiges Verständnis getan, ohne das ohnehin kein Erfolg möglich ist.