Berlin - Sven Felski hatte genug Zeit gehabt, um zu überlegen. Die gesamte Nacht vom Sonntag zum Montag, den Vormittag über, auch während des einstündigen Flugs von Frankfurt/Main nach Berlin, sieben Minuten Verspätung inklusive. Doch der Stürmer der Eisbären Berlin fand auch Montagmittag noch immer kaum Worte für diesen hochprozentigen Wahnsinn, der sich am Abend zuvor in der Mannheimer Multifunktionsarena abgespielt hatte. „Ich mache diesen Käse jetzt schon 20 Jahre als Profi mit. Aber sowas habe ich noch gar nicht erlebt“, sagte er.

Felski und die Eisbären hatten Großes geleistet mit ihrem 6:5 nach Verlängerung bei den Adlern aus Mannheim, mit dem daraus resultierenden, von kaum einem mehr möglich gehaltenen Endspiel um die deutsche Eishockey-Meisterschaft am Dienstag in der Arena am Ostbahnhof (19.35 Uhr, Sky). „Die Serie ist zurück in Berlin, das erste Ziel damit erreicht“, sagte Felski, „Jetzt wollen wir die Meisterschaft perfekt machen.“

Der Angreifer sprach mit Euphorie in der Stimme, es schien, als produzierte sein Körper immer noch unablässig Adrenalin. Doch sobald das Thema auf das andere Highlight des heutigen Tages kam, drehte sich der 37-Jährige ab, da mochte er am liebsten gar nichts mehr sagen. Dass er am Abend zum 1000. Mal seine Knochen und die Kelle für seinen EHC hinhält, schmeichelt ihm momentan kaum, geschweige denn, dass dieses Jubiläum sein Ego aufpumpte. „Das ist doch sowas zweitrangig. Wir müssen uns hier voll auf die Meisterschaft konzentrieren“, sagte er, und raunte Mitspieler Frank Hördler an, der gerade ein Interview gab. „Franky, wir müssen zum Training!“

Jackson spricht vom Big Deal

Felski ist lange genug Mannschaftssportler gewesen, um zu wissen, dass der Teamerfolg über dem des Individuums steht. Denn was brächte es ihm, sein 1.000. Spiel zu absolvieren, aber die Mannheimer in der heimischen Arena feiern zu sehen? Nichts, findet auch Peter John Lee: „Im Moment gibt es für uns nichts Wichtigeres als diese Saison zu krönen“, sagte der Eisbären-Manager. Deshalb weichen die Berliner Offiziellen auch vom üblichen Prozedere bei solchen Jubiläen ab: Werden verdiente Spieler traditionell vor dem Spiel geehrt, passiert dies heute nicht. Vielleicht danach, Sondertrikots sind zumindest angefertigt, aber das kommt auch auf den Ausgang der Partie an.

Wie sehr die Berliner nur das Endspiel umtreibt, bewies beispielsweise auch Don Jackson, der von Felskis Jubiläum gestern noch nicht einmal etwas wusste. „1.000 Spiele?“, fragte der Trainer der Eisbären, „oh, das ist toll, ein Big Deal. Herzlichen Glückwunsch!“ Diese Unkenntnis ist umso erstaunlicher, weil Felski direkt nach dem jüngsten Erfolg in Mannheim erzählt hatte, dass seine Mitspieler ihm bereits in der Mannschaftskabine alles Gute gewünscht hätten.

Thema Karriereende ausblenden

Genau wie die Fragen zum 1.000. Spiel würde Felski am liebsten auch das sich zwangsläufig aufdrängende Thema Karriereende ausblenden. Jenes Sujet, das ihm seit der vergangenen Saison ein steter Begleiter ist, als er gesagt hatte, dass er sich vorstellen könne nach der Karriere im Management der Eisbären zu arbeiten – und was ihm seinerzeit als geplanter Rücktritt ausgelegt worden war. Felski hat daraus gelernt, er will sich nicht mehr den Mund verbrennen. Er sagt nur: „Nach der Saison mache ich mir meine Gedanken.“ Ob es bereits eine Tendenz gäbe? Es langt nur zu einem gepressten „Nein“.

Felski muss nun gut abwägen. Natürlich ist es bei ihm so wie bei Stefan Ustorf, 38, der jüngst zugab, dass man seinen Sport so lange wie möglich ausüben möchte, dass es schwer sei, Abschied zu nehmen. Doch es ist eine Gratwanderung, denn noch weniger möchte ein Spieler zu spät als zu früh seine Laufbahn beenden. Dann, wenn er allenfalls nur noch mitläuft oder vielleicht schon gar nicht mal mehr das. Felski wird nicht jünger, die Wehwehchen mehr, das merkte man auch in der diesjährigen Ausscheidungsrunde, als er zu jenem großen Teil des Kaders gehörte, der sich angeschlagen durchschlug und nur über die Willensstärke ein Kunststück wie das im vierten Spiel vollbringen konnte.

Wie wichtig und fast unabkömmlich Sven Felski trotzdem immer noch als Aggressive Leader ist, bewies er in Mannheim nach 45 Minuten. Gerade hatte Craig MacDonald das 5:2 für die Adler geschossen, da bekam Eisbären-Torhüter Rob Zepp von Marcus Kink noch einen Ellenbogenschlag verpasst. Felski führte jene Gruppe Berliner Profis an, die Kink mit grimmigen Blicken verfolgte, die ihm an die Wäsche wollte. Doch der Routinier ließ die Fäuste schließlich unten, er wusste wohl, dass er seine Mannschaft mit einer unnötigen Strafe der letzten Chance beraubt hätte, doch noch eine Wende herbeizuführen. 20 Minuten später hatten die Eisbären 6:5 gewonnen.