Schon im Hinspiel protestierten Union-Fans gegen RB Leipzig.
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BerlinHass ist ein mieser Ratgeber. Noch mehr im Leben als im Sport. Wie schnell vertut man sich, hat seine Emotionen nicht mehr kalkuliert, schießt über das Ziel hinaus und sich dabei womöglich selbst ins Knie. Manchmal ist das Gejammer danach groß und vorteilhafter wäre es allemal, von vornherein den eigenen Stärken zu vertrauen und daraus möglichst einen Vorteil zu ziehen.

Nie ist diese Überlegung für den 1. FC Union sinnstiftender als vor einem Spiel gegen RB Leipzig. Trotzdem wird es für die Eisernen, für die Fans wahrscheinlich mehr als für die Spieler, erneut ein Duell der Systeme. Hier die über 100-jährige Tradition, die einzigartige Fan-Kultur, die heile Welt der Fußball-Romantiker, da der anfangs geköderte Liga-Platz, der knallharte Kommerz, der auch in den Jahren danach erkaufte Erfolg. Aber ist es auch hierbei nicht so: Soll doch, solange er nicht kriminell wird, jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Wer will da den anderen missionieren.

Union ist David, RB Goliath

Was haben sie sich die Mäuler zerrissen, als sich 1973 ein Likörproduzent aus Wolfenbüttel auf das Trikot von Eintracht Braunschweig einkaufte. 500 000 D-Mark ließ der Spirituosenfabrikant springen, um mit seiner Marke auf der Spielerbrust zu stehen. Natürlich war das verboten, aber ein Haufen Schotter war das damals trotzdem. Und weil Geld in vielen Fällen dann doch nicht stinkt, macht Not erfinderisch. Deshalb machte die Firma ihr Likör-Logo, diesen kapitalen Vierzehnender von Hirsch, flugs zum Vereinsemblem. Feigenblatt da, Fall erledigt.

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Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

Dabei ist mir ein Besuch in Wolfenbüttel in nachhaltiger Erinnerung. Günter Mast, der damalige Firmenpatriarch, hatte einem Interview zugestimmt, weil er die Braunschweig-Nummer auch beim 1. FC Magdeburg durchziehen wollte. Ich will nicht schlecht über den Mann schreiben, er ist nämlich einige Jahre tot, aber durchschlagenden Erfolg hatte seine Idee nicht. Sowohl Eintracht als auch der 1. FCM spielen derzeit in Liga drei – und dort nicht einmal sonderlich weit oben.

Nun bin ich weit davon entfernt, einem Verein, und sei er noch so kommerziell angeheizt, Pech an den Latz zu wünschen. Dazu bin ich zu sehr Sportsmann und dazu einer, der noch immer an David glaubt, dass der dem Goliath mit der Schleuder den Stein auf den Pelz brennt. Ab und zu wenigstens. Es kann auch abends sein, so ab 18.30 Uhr, für die Länge eines Fußballspiels.

Keine Angst vor großen Namen

Was das für den 1. FC Union für den Start in die Bundesliga-Rückrunde heißt? Keine Angst vor großen Namen. Bloß nicht! Leicht gesagt, klar, das 0:4 aus dem Hinspiel ist schließlich die höchste Niederlage der Eisernen. Andererseits hat der 1. FC Union ziemlich gute Erfahrungen mit Tabellenführern gemacht. Borussia Dortmund ist als solcher in die Alte Försterei gekommen und als Tabellenfünfter gegangen, Borussia Mönchengladbach hat zwar seinen Spitzenplatz behalten, aus dem Vier-Punkte-Polster ist in 90 Minuten aber eine mickrige Ein-Pünktchen-Unterlage geworden.

Der bedeutendste Unterschied zu den Spielen gegen die beiden Borussia-Teams: Diesmal müssen die Eisernen einem Spitzenreiter auswärts auf den Zahn fühlen. Womöglich ist das sogar einen Tick einfacher, weil niemand was erwartet. Das Auf-den-Zahn-Fühlen, so denke und so hoffe ich, sollte deshalb auch ohne Studium der Zahnmedizin gelingen. Und vielleicht wird den Bullen das Beißerchen ja sogar gezogen ...