Trügerisches Bild der Harmonie: Unions Torhüter Loris Karius und Andreas Luthe kämpfen um den Platz der Nummer eins.
Foto: Matthias Koch

BerlinFußballer können ganz schön nervig sein. Manchmal hat es fast den Anschein, sie wären schwerer zu hüten als ein Sack Flöhe. Das trifft nicht auf solche in der Bundesliga zu, zumindest nicht in heutigen Zeiten. Wahrscheinlich auch deshalb, weil Strafen für Gemotze oder Genöle ziemlich happig ausfallen. Wer prominent ist, gibt auf sich acht. Er überlegt sich lieber zweimal, was er sagt, und er beißt sich im Zweifelsfall lieber auf die Zunge. Und auf dem Heimweg vom Training aus der Alten Försterei womöglich einen Halt einzulegen im „Hauptmann von Köpenick“, das hat es zwar einst gegeben, das geht inzwischen gar nicht.

Was das mit dem 1. FC Union von heute zu tun hat? Derzeit nicht viel. Dazu ist die Situation zu entspannt nach vier Punkten aus drei Spielen und Tabellenrang 9. Die Gefahr des Motzens und Nölens – Achtung, Momentaufnahme! – besteht bei den Eisernen nicht. Erst recht nicht nach einem Spiel wie dem 4:0 gegen Mainz. Da ist alles Friede, Freude, Eierkuchen. Zumindest für den Augenblick, der lange, lange, lange anhalten möge.

Was aber ist, wenn es mit der kuscheligen Situation einmal ein Ende hat? Wer sorgt dann für die Einhaltung der guten Kinderstube, wenn sich die Spirale eventuell mal abwärts bewegt? Der Trainer, klar. Seine Assistenten, logisch. Die guten Seelen rund um das Team, ja. Im besten Fall alle anderen, die es gut mit der Mannschaft meinen.

Vor diesem Problem stand Urs Fischer noch nicht. Höchstens ein paar Tage lang, nach dem Start in die vorige Saison und dem 0:4 gegen RB Leipzig war es. Vielleicht auch in den Momenten, als es Irritationen um Publikumsliebling Sebastian Polter gab und um den bei den Fans nicht minder beliebten Rafal Gikiewicz. Aber sonst? Alles im grünen Bereich bei den Rot-Weißen.

Nur könnte das mit gestiegenen Ansprüchen und prominenterem Kader – von Max Kruse weiß man, dass er in der Öffentlichkeit mehr polarisieren kann als Christian Gentner – etwas schwieriger werden. Dass die Augen aller besonders auf das Duell zwischen den Pfosten gerichtet sind, liegt in der Natur der Sache. Andreas Luthe oder Loris Karius – das ist eine schon jetzt etwas verzwickte Geschichte. Die Position zwischen den Pfosten ist nicht erst hochsensibel, seit die Eisernen zwei ebenbürtige Keeper haben und das Duell um die Nummer eins so was von entbrannt ist, dass man sich daran Hände und Füße wärmen könnte.

Urs Fischer trifft den Ton

In der Moderation solcher Dinge hat Fischer die Ruhe weg. Womöglich hilft dem Trainer sein Schwyzerdütsch, wos isch en Sommelbezeichnig für di säbe alemannische Dialekt, wo i de Schwyz gredt wärdet. In manchen Ohren klingt es, als würden die härtesten Entscheidungen in einer Kuschelsprache vermittelt, womit sie schon nicht mehr gar so tief ins Herz treffen.

In der vorigen Saison hat der Trainer es verstanden, den einen oder anderen Aufstiegshelden schleichend aus dem Team zu nehmen, respektvoll, dennoch bestimmt. Aufgemuckt hat niemand, zumindest nicht außerhalb der Kabine oder des Trainerzimmers. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. Nur sollte das niemand als selbstverständlich hinnehmen. Immerhin hat sich die Zusammensetzung des Teams stark verändert, elf (!) Spieler sind neu, 27 stehen insgesamt im Kader. Darunter sind einige, die womöglich nicht so leicht händelbar sind wie vielleicht Felix Kroos, Manuel Schmiedebach, Ken Reichel und vor allem Michael Parensen.

Eines sollte trotzdem jeder wissen, damit es zum Hüten des Sackes mit Flöhen erst gar nicht kommt: Eine knallharte Ansage ist auch im Schwyzerdütsch eher ein Peitschenknaller als ein Heiratsantrag.