Philipp Grubauer will langfristig die Nummer eins im Tor der Colorado Avalanche sein.
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Toronto/BerlinPhilipp Grubauer hat die Zwangspause kreativ genutzt. Während der Corona-bedingten Unterbrechung der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL veröffentlichte der deutsche Nationaltorwart im sozialen Netzwerk Instagram Videos von sich auf einem Wakeboard. Stolperte der 28-Jährige bei seinen ersten Versuchen schon nach wenigen Sekunden in die Wellen, hielt er sich einige Wochen später schon beeindruckend lange auf dem Brett, das beim Wakeboarding, ähnlich wie beim Wasserski fahren, von einem Motorboot gezogen wird.

Womit sich die Frage erübrigt, was ein Eishockey-Goalie während der heißen Sommermonate macht, wenn alle Trainingshallen geschlossen sind, er sich aber fit halten muss, weil die unterbrochene Saison jederzeit weitergehen könnte. Wobei bei Grubauers Wasserexperimenten sicherlich auch der Spaß eine Rolle gespielt hat.

Vielleicht ist es genau diese positive Einstellung, die dem Rosenheimer nun zur Wiederaufnahme der verbleibenden NHL-Saison einen kleinen Vorteil im Kampf um den Stammplatz im Tor seiner Colorado Avalanche verschafft hat. „Ich starte gegen die St. Louis Blues“, bestätigte Grubauer in einer Medienrunde. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn unmittelbar vor der Saison-Unterbrechung hatte Grubauer noch seinem tschechischen Kontrahenten Pavel Francouz häufig den Vorzug lassen müssen. 

Eine völlig unbekannte Situation für Grubauer

Der 30 Jahre alte Pilsener gilt ligaweit als fleißiger Arbeiter, der vielleicht nie das größte Talent war, sich seinen Platz in der Rotation der Avalanche aber mit viel Hartnäckigkeit erworben hat. Von der tschechischen Liga wechselte Francouz einst in die russische KHL, wo er Torhüter des Jahres 2018 wurde, ehe er im Alter von 28 Jahren mit dem Umweg über die nordamerikanische Entwicklungsliga AHL doch noch die Chance in der NHL bekam.

Die Beziehung der beiden Kontrahenten sei jedenfalls„sehr gut“, wie Grubauer zuletzt betonte. „Wir versuchen beide, alles zu geben. Das ist jetzt kein Konkurrenzkampf, wo der eine den anderen ausbatzen will. Wir verstehen beide, dass es nur möglich ist, indem wir zusammenarbeiten. Deshalb unterstützen wir uns täglich auf dem Eis.“

Das ist auch bitter nötig, denn eine Situation wie die derzeitige haben weder Grubauer noch Francouz bislang erlebt, sie ist ungewohnt für die ganz Liga. Abgeschottet von der Außenwelt leben die Spieler in einer sogenannten „Blase“, in der sie zwar Luxusrestaurants, Kinos und Bars, aber keine anderen Menschen um sich herum haben. Die Liga bleibt unter sich, die Western Conference in Toronto, die Eastern Conference in Edmonton. Man hat sich bewusst dafür entschieden, die sogenannten Knotenpunkte in Kanada anzusiedeln, hat der nördliche Nachbar der USA doch weitaus weniger unter der Corona-Krise gelitten und, viel wichtiger, diese mittlerweile, bei etwa 500 Neuinfektionen pro Tag, zumindest halbwegs unter Kontrolle.

Doch neben der gesundheitlichen Komponente der Wiederaufnahme ist für Grubauers Colorado Avalanche auch die sportliche eine besondere. Gemeinsam mit sieben anderen Teams steht die Teilnahme des Teams an den Play-offs bereits fest. So ist die Partie gegen den weiterhin amtierenden Meister St. Louis eher ein besseres Vorbereitungsspiel, sportlich geht es nur noch um den Platz in der Setzliste bei den Play-offs, der bei einem Spektrum von acht Teams relativ unbedeutend ist. Dennoch will Grubauer die kommenden drei Spiele mit der nötigen Ernsthaftigkeit angehen. „Es ist natürlich für uns nicht gleich Do-or-die wie bei einigen anderen Mannschaften. Aber wir werden es trotzdem ernst nehmen. Du kannst dann nicht plötzlich den Schalter umlegen, wenn die Play-offs losgehen.“

Für die übrigen Teams der NHL ist der Modus dafür umso komplizierter. Die sieben schlechtesten der 31 Teams nehmen an den Spielen in Toronto und Edmonton gar nicht erst teil. Die 16 Klubs, die anders als Grubauers Avalanche noch nicht für die Play-offs qualifiziert sind, spielen in einer Art Vorrunde (Modus: Best-of-five) die acht Gegner der Qualifikanten aus, ehe es dann eben in die nächste Stufe dieser Play-offs geht. Um das Chaos zu komplettieren, wird schließlich unter den acht Verlierern der Vorrunde noch das heiß begehrte Nummer-eins-Wahlrecht des kommenden Drafts verlost. 

Mit derlei Komplikationen muss sich Grubauer nicht herumschlagen. Den 28-Jährigen freut es vor allem, dass er endlich wieder auf das Eis darf. Das Vertrauen von Headcoach Jared Bednar dürfte ihn beflügeln. Und selbst, wenn Grubauers Avalanche frühzeitig aus diesem unübersichtlichen Playoff-Modus ausscheiden sollten, hat der Rosenheimer nun eine sportlich-spaßige Beschäftigung für den verbleibenden Sommer, bevor das ganze Planungschaos nach Saisonende im Oktober wieder von vorne losgeht.