Grand Prix in Moskau: Minerva Hase und Nolan Seegert gewinnen Bronze.
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BerlinDie Eissporthalle II im Sportforum Hohenschönhausen hat sich im vergangenen Jahr verändert. An der gekachelten Wand oberhalb der Eisfläche findet sich nun eine Urkundengalerie, die schon bei kurzer Betrachtung vermittelt, wie erfolgreich hier in den Sportarten Eiskunstlauf und Eistanz gearbeitet wird. Podiumsplätze bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften seit den 60er Jahren sind hier dokumentiert. Der letzte große Erfolg auf internationaler Bühne made in Berlin liegt allerdings 16 Jahre zurück. Kati Winkler und René Lohse gewannen bei der WM 2004 in Dortmund die Bronzemedaille im Eistanz.

Gleich nebenan hängt ein Schaukasten, der die Generation an Eisläufern vorstellt, die derzeit am Berliner Bundesstützpunkt trainieren. Auf den Erinnerungen an die Deutschen Meisterschaften Anfang des Jahres finden sich viele glückliche Berliner Gesichter, die Botschaft lautet auch: Hier geht es nach durchwachsenen Jahren wieder aufwärts!  Vor allem die Paarläufer aus der Hauptstadt befinden sich im Aufschwung.  Was mit der Entscheidung zusätzlich befeuert wird, dass Alexander König, der Aljona Savchenko und Bruno Massot zum Olympiasieg 2018 führte, seit letztem Jahr als neuer Bundestrainer das Paarlauf-Leistungszentrum organisiert.

Hase und Seegert mit Medaillenchance

Den Deutschen Meistern Minerva Fabienne Hase, 20, und Nolan Seegert, 27, werden nun sogar Außenseiterchancen auf eine Medaille bei der Europameisterschaften in Graz zugetraut. Am Mittwoch sind sie mit dem Kurzprogramm gefordert, am Freitag folgt die Kür zu einem Arrangement des Welthits The house of the rising sun.

Die veränderte Wahrnehmung des Berliner Paares hat allerdings weniger mit dem Auftritt auf nationaler Ebene zu tun, schon im vergangenen Jahr holten sie diesen Titel. Beim Grand Prix in Moskau im November liefen Hase/Seegert auf Platz drei, gewannen mit Bronze ihre erste internationale Medaille.  „Wir haben gesehen, dass wir vorne reinlaufen können und international konkurrenzfähig sind“, sagt Seegert.

Daraus leitet sich, so sehen sie es selbst, kein Anspruch ab, in Österreich erneut in die Phalanx des russischen Trios einzudringen, das als favorisiert gilt. „Es müsste einiges passieren, dass die Jury uns da reinlaufen lässt“, sagt Hase, „dahinter ist alles möglich.“ Ein sechster Platz wie im Vorjahr wäre  für sie ein Erfolg.

Die EM ist für die beiden ohnehin nur ein Zwischenschritt. In dieser Sportart geht es darum, bei den Wertungsrichtern und den Zuschauern ein positives Image aufzubauen. „Im Eislaufen ist es ja so, dass man sich einen gewissen Status erarbeitet und einen Namen hat. Es ist schon wichtig, dass man sich bei der EM gut präsentiert, denn dann ist man schon mal im Gedächtnis der Leute“, erklärt Seegert.  Schon im März steht in Montréal, Kanada die WM an, wofür sie – anders als das zweite Berliner EM-Duo Annika Hocke/Robert Kunkel – bereits sicher qualifiziert sind. Und natürlich schweifen die Gedanken manchmal schon in Richtung Peking ab. 2022 finden dort die nächsten Olympischen Winterspiele statt; die vor zwei Jahren hatten sie noch verpasst. Eine Enttäuschung, die sie lange beschäftigt hat und immer noch umtreibt.

Während die sensationelle Kür von Savchenko und Massot, mit der sich in Südkorea nach Platz vier im Kurzprogramm noch zum Olympiasieg liefen, branchenübergreifend die Sportwelt verzückte, haderten die beiden damit, dass sie auch aufgrund einer Verletzung Hases im Ausscheidungsduell um Startplatz zwei an Hocke und ihrem vorherigen Partner Ruben Blommaert gescheitert waren. „Wir standen immer im Schatten dieser Qualifikation“, sagt Seegert. „Bis wir zum ersten Paar in Deutschland aufgestiegen sind, mussten wir sie fünf-, sechsmal schlagen, dann haben die Leute das gemerkt.“

Ob die beiden ihren erworbenen Status behalten können, hängt allerdings nicht alleine davon ab, ob sie ihre aktuellen Konkurrenten in Schach halten. Noch immer kokettiert Savchenko, die mittlerweile Mutter einer Tochter ist, mit einem Comeback. Mit Massot, der inzwischen als Trainer arbeitet, befände sie sich im Austausch, lässt sie wissen. Und zieht damit natürlich die Aufmerksamkeit auf sich.

Wir versuchen, Aljona Aljona sein zu lassen. Sie ist die beste Paarläuferin, die es jemals gab, und das wird vielleicht auch immer so bleiben

Nolan Seegert

„Wir versuchen, Aljona Aljona sein zu lassen. Sie ist die beste Paarläuferin, die es jemals gab, und das wird vielleicht auch immer so bleiben“, sagt Seegert. „Wir sehen uns nicht als Nachfolger, sondern versuchen, unser eigenes Ding zu machen.“  Eine Rückkehr des Gold-Duos würde zudem die Balance im deutschen Eislaufen verändern. Hase sagt: „Vor Pyeongchang haben sie beide Startplätze geholt, das war deren Verdienst.“ Für 2020 müssen Hase/Seegert die Plätze selbst erkämpfen: „Und dann wäre es natürlich schön, wenn wir selbst antreten könnten. Aber wenn sie wieder anfangen will, fängt sie an. Es bringt ja nix, deswegen jetzt schon heiß zu laufen.“

Die Konzentration wollen die beiden Berliner vielmehr auf ihre eigene Performance legen. Damit eines Tages auch ihre Erfolge in der Eishalle vermerkt sind.