Eiskunstlauf: Auf dem Sprung nach oben

Vor dem Applaus kommen die Stürze. Immer und immer wieder nehmen die Teenager im Sportforum Hohenschönhausen an diesem Nachmittag Anlauf für Salchows, Toeloops und Axel. Sie beschleunigen eine halbe Bahn, springen dann von den Zacken ihrer Schlittschuhe ab und schrauben sich in die Höhe. Den Schwung der Drehung bei der Landung auf der schmalen Kufe zu bändigen, den Sprung zu stehen, wie Experten sagen, bedarf viel Übung.

Und es wird viel gesprungen an diesem Nachmittag. Schließlich naht die Deutsche Nachwuchsmeisterschaft in Chemnitz, und dort wollen etliche der zwei Dutzend Eisläufer starten, die an diesen Nachmittag trainieren.

Immer wieder probieren sie ihre doppelten und dreifachen Sprünge, die wichtigsten Element der Programme. Oft klappt es, manchmal nicht. Die einen nehmen die Stürze cool: Sie stehen rasch auf, klopfen sich den Eisabrieb von ihren Hosen und machen ungerührt weiter. Andere verharren einen Moment länger auf dem kalten Boden, die Enttäuschung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Oder ist es Schmerz? Dann laufen sie zu ihren am Rande stehenden Trainerinnen und holen sich Instruktionen ab.

Romy Oesterreich, zu DDR-Zeiten eine erfolgreiche Paarläuferin, steht auf einer Bank hinter der Bande und blickt aus der erhöhten Position auf die Eisfläche inmitten des Schnelllaufrings, auf der das Training ausnahmsweise stattfindet. Immer wieder ruft sie einzelne Nachwuchssportler zu sich, lobt sie oder weist auf Fehler hin. Gerade turnt sie vor, wie ein Absprung noch besser gelingen könnte.

Ein Mädchen blickt zu ihr empor und nickt so eifrig zu Oesterreichs Worten, dass ihr Pferdeschwanz wippt. Maria Aimeé Renné ist 14 Jahre alt, kommt aus Lichtenberg und besucht die neunte Klasse der Eliteschule des Sport. Als Vierjährige habe sie erstmals auf Schlittschuhen gestanden, mit ihren Eltern sei sie im Publikumslauf gewesen, erinnert sich die Jugendliche. Das Eislaufen habe ihr so viel Spaß gemacht, dass sie sich rasch einen Verein – den SC Berlin – suchte, richtige Schlittschuhe bekam und gutes Training.

Schlittschuhe mit Glitzersteinen

Heute steht Maria Aimeé Renné jeden Tag zweimal auf dem Eis, sie gilt als großes Nachwuchstalent des Berliner Eissportverbands. Die Vereine der Hauptstadt schicken rund 30 Sportler zu der Meisterschaft in Chemnitz. „Ich will mein Programm fehlerfrei schaffen, das habe ich mir vorgenommen“, sagt Maria Aimeé Renné, die zu ihrem schlichtem schwarzen Trainingsoutfit weiße Schlittschuhe mit Glitzersteinen trägt. „Ich mag es, dem Publikum zu zeigen, was ich alles kann.“ Insgeheim hofft das Mädchen auf einen Platz unter den ersten fünf, ihre Trainerin sieht sie unter den ersten Zehn der 40 Läuferinnen.

Sieg in Thüringen

Zuletzt hat die Berlinerin die Offenen Thüringer Meisterschaften gewonnen, 17 Konkurrentinnen ließ sie hinter sich. Und das trotz eines Sturzes, der ihr beim simplen Übersetzen unterlief. Den Doppelaxel dagegen stand sie sicher. „Der Doppelaxel und der Dreifach-Salchow sind Errungenschaften der letzten Monate“, sagt Romy Oesterreich. Und der Dreifach-Flip ist nur noch eine Frage der Zeit.

Vor der Trainerin steht der CD-Player auf der Bande. Daneben liegen fein säuberlich aufgereiht mehrere Silberscheiben, auf jeder ist nur ein Lied – die Musik zu den Programmen der einzelnen Sportler. Eine CD nach der anderen wird in das Abspielgerät geschoben. Sobald die Sportler ihr Lied hören, beginnen sie, ihre Kür trotz des regen Betriebs auf der Eisfläche zu laufen. Marias CD mit Musik aus dem Film „LaLaLand“ liegt weit hinten in der Reihe. Bis sie dran ist, probt sie noch einige Salchows, die sie kraftvoll und sicher springt.

Kollisionsgefahr auf dem Eis

Aber immer wieder bricht sie den Anlauf ab. Das Gewusel auf der Eisfläche irritiert sie, sie will keinen Zusammenstoß riskieren. Vor einem halben Jahr hat sie sich bei einer Kollision mit einem anderen Eisläufer die Nase angebrochen, erzählt sie, davor konnte sie nach einem Fahrradunfall lang nicht trainieren. Jetzt will sie nichts riskieren, Ende Januar steht ihr erster internationaler Wettkampf an – die Bavarian Open in Oberstdorf.

Start im Einzel und im Paarlauf

Ob Bayern oder Sachsen: Überall wird das Mädchen aus Lichtenberg neben dem Einzel auch im Paarlauf antreten. „Dieser doppelte Start ist etwas besonderes“, sagt ihre Trainerin. Seit zwei Jahren läuft Maria mit Niclas Joshua Rust. Das Paarlauf-Training findet separat statt, was auch bedeutet, dass Maria jeden Tag mindestens eine Stunde länger auf dem Eis steht als die reinen Einzelläuferinnen.

Zum Schluss des Trainings übt das Mädchen mit den Glitzer-Schlittschuhen noch etliche Toeloops. Manchmal gerät die Landung etwas wackelig, ab und an stürzt sie auch. Weh täte sie sich dabei normalerweise nicht, versichert sie. „Man entwickelt eigentlich eine Technik, um schmerzfrei zu fallen.“ Unverdrossen steht Maria auf, reibt sich die Hände und nimmt erneut Anlauf. Der Applaus folgt in Chemnitz.