Manchmal ist Peter Liebers noch immer in Sotschi. Im Eisberg-Palast. Ganz allein auf der Eisfläche. Seine Musik ist dann zu Ende, sein Kurzprogramm auch. Er hält inne, atmet schwer, kniet nieder, ballt in seinem changierenden Hemd die Hand zur Faust. „Dieser Moment …, da hatte alles wunderbar funktioniert“, erinnert er sich.

Es war neben dem Einmarsch der Nationen bei der Eröffnungsfeier der olympische Moment für den Eiskunstläufer Peter Liebers aus Berlin-Hohenschönhausen. Ihm war im Februar 2014 bei den Winterspielen in Russland das beste Kurzprogramm seiner Karriere gelungen. Fehlerlos. Welch eine Erfüllung. Für so einen Moment hatte er all die Jahre trainiert. Für so einen Moment lebt jeder Sportler.

Er sollte nicht einfach so vorbei sein. Also hat Liebers diesen Moment mit in die neue Saison genommen. Im Gedächtnis. Und auf Video. Sein Sportpsychologe, ein Spezialist in Motivation durch Visualisierung, hat ihm dazu ein paar Sätze mitgegeben, und den Originalkommentar der ARD, „dass ich dieses gute Gefühl erhalte, sowohl vom Kurzprogramm als auch von der Kür“.

Nach dem Kurzprogramm lag der Sportsoldat damals überraschend auf Rang fünf. Er versuchte, „es nicht als Bürde zu sehen, sondern als Privileg, mit den Topläufern in der letzten Startgruppe zu sein“. Aber in der Kür misslang ihm gleich sein erster Sprung, der vierfache Toeloop, den Rest lief er solide zu Ende. Liebers wurde Achter, er war zufrieden, und bei der Deutschen Eislauf-Union waren sie es auch.

Ein paar Monate später heiratete Liebers, 26, seine Freundin Denise, eine frühere Eiskunstläuferin. Tja, und dann, Mitte August, ging für den Studenten der Biotechnologie schon die Vorbereitung auf die neue Saison los. Er probierte, im Sportforum die Anforderungen des neuen Reglements bei einer Pirouette umzusetzen. „Bei einem schwierigen Eingang in eine Pirouette bin ich weggerutscht und auf die linke Seite gefallen. Da ist die Schulter ausgekugelt. Dabei hat der Oberarmknochen nicht so viel Platz gehabt. Es ist ein Stück aus der Gelenkpfanne der Schulter rausgebrochen“, erzählt Liebers. Er musste seine sportlichen Pläne über den Haufen werfen: kein Training in Toronto, kein neues Programm, kein Grand Prix Cup in China. Dafür ließ er sich an der Charité operieren; acht Wochen Pause verordnete der Arzt. Liebers kennt so abrupte Stopps samt Reha und Physiotherapie von seinem Kreuzbeinbruch 2011, dem Wadenbeinbruch 2006 und einer Sprunggelenksverletzung 2005. „Die Schultern sind ein wichtiges Element bei uns“, sagt Liebers. Sie übernehmen die Steuerung während der Sprünge. „Die Haltung muss immer gut aussehen.“

Als er wieder mit dem Eistraining begann, merkte er, dass irgendetwas nicht mehr stimmte. Alle Sprünge funktionierten wie immer, aber der Dreifach-axel nicht. Keine Chance. Liebers probierte, grübelte, sprang, dachte wieder nach. War es die Schulter? „Technisch konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich auf einmal so einen groben Schnitzer drinnen habe, dass ich von ’ner hohen Stabilität – neun von zehn Sprüngen beim Dreifachaxel ganz locker – plötzlich froh bin, wenn ich einen von zehn hinkriege“, erläutert Liebers. „Da musste irgendwas anderes sein.“ Die neuen Schlittschuhe? Vielleicht saß die Kufe nicht richtig?

Seine Frau, sagt Liebers, habe auch in diese Richtung gedacht. Sie sagte: „Probier einfach noch mal die alten.“ Liebers zog die Schlittschuhe aus der Vorsaison an. „Es war schlagartig: Ich hab’ gemerkt, det isset. Ich bleib’ bei denen.“ So etwas hatte Liebers bisher noch nie erlebt. Aber daran, findet er, sehe man die Sonderstellung des Axels. „Wenn da irgendwat nicht hinhaut, funktioniert das ganze System nicht mehr. Da kann man sich verbiegen, wie man will, es klappt einfach nicht.“

Normalerweise wechseln Eiskunstläufer nach einer Saison die Schlittschuhe, weil das Leder weich wird. Aber für Liebers ist klar: „Ich fahre die Europameisterschaft mit den alten Schuhen.“ Heute beginnt für ihn der Wettkampf in Stockholm mit dem Kurzprogramm, am Freitag folgt die Kür. 2014 war er EM-Sechster. Jetzt habe er noch nicht ganz die Vorjahresform wieder, sagt Liebers. Deshalb plant er im Kurzprogramm keine Vierfachsprünge. Er läuft seine alte Kür. In den alten Schuhen. Er will sie provisorisch stabilisieren, ein Tape um den Schaft wickeln, sich an Sotschi erinnern – und den dreifachen Axel stehen.