Berlin - Ich las Ingo Steuers Autobiografie, weil er und ich in den Jahren 1985 und 1986 Kollegen auf dem Eis waren und wir einen Teil unserer sportlichen Laufbahn gemeinsam verbrachten – bei Wettkämpfen, Lehrgängen, Trainingslagern und Schaulaufen. Ingo lief mit Manuela Landgraf beim SC Karl-Marx-Stadt und ich mit Tobias Schröter beim SC Dynamo Berlin. Beide Eiskunstlaufzentren konkurrierten miteinander. Nicht nur die Meisterklasse-Läufer wetteiferten um die besseren Platzierungen bei Meisterschaften, sondern schon die kleinen Mädchen und Jungen. Der Trainingsalltag war sehr hart, so dass sich selbst in der eigenen Trainingsgruppe selten Freundschaften entwickelten. Teamgeist gab es im DDR-Eiskunstlaufsport kaum, denn Eiskunstlaufen ist eine Einzelkämpfer-Sportart und nährt den Narzissmus der Athleten.

Hieb ins Gesicht der Dopingopfer

Bei der eher mäßigen Lektüre interessierte mich vor allem, wie Ingo Steuer über die versäumte Kindheit und Jugend denkt, über das Staatsdoping in der DDR, über seine IM-Tätigkeit, über die Geschehnisse im Herbst 1989 und die Jahre danach. Antworten gibt es, aber oft werden diese nur an der Oberfläche angerissen, Wiederholungen zu seinem außergewöhnlichen Bewegungstalent kommen dagegen wenig bescheiden daher. Nach Ingo Steuer hätte „die Erziehung, menschlich, gesellschaftlich und politisch“, in der Eishalle stattgefunden. Das stimmt. Und doch gab es die Eltern. Und deren Liebe oder Zurückweisung.

Gerade in den ersten vier, fünf Jahren spielt die Beziehung zur Mutter und zum Vater eine entscheidende Rolle, man war eben nicht nur ein „Produkt“ der Trainer. Wodurch Ingo Steuer so verbissen und geradezu zwanghaft ehrgeizig geworden ist, erfährt der Leser leider nicht.

Sein Lebens- und Arbeitsmotto hieß und heißt noch immer: Ich werde es Euch zeigen! Er hatte nie etwas anderes kennengelernt als die absolute Hingabe zum Eiskunstlaufen, einer Nische, in der man dem ostdeutschen Provinzialismus entkam. Einerseits erklärt das seinen Erfolg als Paarläufer mit Manuela Landgraf und später mit Mandy Wötzel sowie später als Trainer des Ausnahmepaares Aljona Savchenko und Robin Szolkowy, das im März seinen fünften WM-Titel holte und nun getrennte Wege geht. Auf der anderen Seite wirkt so ein Leben sehr eindimensional, als würde die Welt ausschließlich aus Kufen, Eis, Musik und Kostümen bestehen.

Beim Lesen gerät man in einen Tunnel, aus dem man nur mit Schlittschuhen und Ruhm wieder heil herauskommt. Ingo Steuer als Müßiggänger kann ich mir schwer vorstellen, stattdessen: Trainingspläne erstellen, Ziele stecken, Choreografien schreiben, selbst einer strengen Tagesstruktur folgen. In der wenigen Freizeit, die ihm bleibt, zeigt er sich jedoch gern als Lebemann. Auf der Fotostrecke, die sich der Danksagung anschließt, sieht man ihn oft neben Prominenten posieren. Zur seiner angeblichen Zurückhaltung, die er im Text immer mal wieder unterstreicht, passt das überhaupt nicht.

„Bei uns kannst du du selbst sein, wir helfen dir, du kannst uns alles sagen.“ Für einen 17-Jährigen, den seine Umwelt „eckig und kantig, stur und verschlossen, hochfahrend und trotzig“ wahrnahm, war das natürlich ein Köder, um als IM für die Staatssicherheit zu arbeiten. Mit 40 DDR-Mark Prämie von der Stasi fing es an, endlich konnte auch Ingo, so seine Worte, in die Diskothek gehen, im Gegenzug musste er Informationen liefern. Auch über Katarina Witt, die ihm das natürlich nicht übel nimmt, denn die beiden haben nach wie vor ein gutes Verhältnis. Zum Schluss sagt er: Es tue ihm leid, aber ändern könne er es nicht mehr. Wohl wahr, und doch klingt mir die Geschichte um die Mitarbeit als „IM Torsten“ eher als Rechtfertigung, auch vor sich selbst.#

Lobeshymne auf die eigene Person

Ingo Steuers Haltung zum systematischen Staatsdoping in der DDR finde ich persönlich beschämend. Natürlich war er ein Opfer, als man ihm noch minderjährig die inzwischen bekannten blauen Pillen während eines intensiven Athletiktrainings verabreichte. Aber die Naivität, mit der er heute fragt: „War das Doping? Ich weiß es nicht, dazu müssten andere befragt werden.“, ist wie ein Hieb ins Gesicht der schwerstgeschädigten Dopingopfer. Fast jeder einigermaßen aufgeklärte Mensch in Ost und West weiß heute, dass es sich bei den blauen Tabletten um das anabole Steroid „Oral Turinabol“ handelte. Vor allem wissen es diejenigen, die sich dem Leistungssport verschrieben haben.

An dieser Stelle wird Ingo Steuer für mich unglaubwürdig, wodurch die ausführlicheren Kapitel zu seinen unbestrittenen Erfolgen an Authentizität verlieren. Stattdessen erfährt der Leser etwas über seine Haarverpflanzung 2013 in der Türkei, die tatsächlich mit zwei Fotos dokumentiert ist. Das dreizehnte Kapitel „Die Akte Ingo Steuer“ muss der Leser zu guter Letzt auf der Webseite des Verlages lesen. Das kann wohl nicht sein, wenn das Buch schon 19,90 Euro kostet.

Erwartet hatte ich die Geschichte eines erfolgreichen Eiskunstläufers und Trainers, eingebettet in die persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten. Das ist Ingo Steuer leider nicht gelungen, denn seine Autobiografie ist eine Lobeshymne auf die eigene Person, wenig reflektiert und eher für Eiskunstlauffans geschrieben.

Unsere Autorin war eine erfolgreiche Eiskunstläuferin. Mit ihrem Partner Tobias Schröter gewann sie bei den Europameisterschaften 1987 die Paarlauf-Bronzemedaille. Im gleichen Jahr wurden sie zum zweiten Mal nach 1986 DDR-Meister. Marie Katrin Kanitz wurde zu DDR-Zeiten gedopt. Unterm Dach der Doping-Opfer-Hilfe berät die 43-Jährige heute Betroffene.