Eiskunstlauf-Talent Kyrill Hoffmann: Entscheidung zwischen Eis und Eulerscher Zahl

Berlin - Kyrill Hoffmann fährt auf dem Eis einen Schwung bis vor die Bande. Dann stoppt er die Kufen abrupt und hebt den Arm im Halbbogen, dass die grünen Streifen auf seinem schwarzen Handschuh sichtbar werden: ein eleganter Gruß an die Trainerin. Dann stapft der Schüler, der sein Deckhaar zum Zopf gebunden hat, vom Eis, schiebt die Schoner über die Kufen und schnappt seine Trinkflasche. Acht Minuten hat er noch, um sich in der Eishalle an der Paul-Heyse-Straße umzuziehen. Dann geht das Training nebenan weiter, im Ballettraum.

Acht Minuten sind die Zeit zwischendrin, und zwischendrin zu sein, das gilt für Kyrill Hoffman in mancherlei Hinsicht. Er ist ein junger Mann zwischen Schule und Sport. Einer mit vielen Interessen, der sich entscheiden muss, ob er aus dem Leistungssport Hochleistungssport machen will, wo er schon jetzt sechsmal in der Woche trainiert. Dort, wo er jetzt angekommen ist, stellt sich die Frage, ob er ein Leben für den Sport haben möchte oder den Sport fürs Leben.

Bei der Berliner Meisterschaft

Anfang des Monats hat Hoffmann das erste Etappenziel dieses Eiskunstlauf-Winters erreicht. Der 16-Jährige wurde Deutscher Jugendmeister in der Altersklasse U18. Das Kurzprogramm lief er zu ,,You make me feel so young“ von Frank Sinatra. 2:30 Minuten, drei Sprünge, drei Pirouetten, eine Schrittfolge. „Ich hatte das Kurzprogramm mehr auf die Show als auf die Elemente ausgelegt“, sagt er. In der Kür zeigte Hoffmann mehr Elemente zu „I see fire“ des englischen Songwriters Ed Sheeran, etwa den Doppelaxel. Die Musik hatte er selber ausgesucht und zusammengeschnitten.

„Kyrill hat gut gleitende Schlittschuhe“, sagt seine Trainerin Karin Hendschke-Raddatz. Sie meint damit, „dass er einen natürlichen, guten Körperschwerpunkt hat. Auch das Künstlerische stimmt bei ihm, er interpretiert toll auf dem Eis. Er kann gut springen und drehen.“

Hendschke-Raddatz war Anfang der Achtzigerjahre Junioren-Weltmeisterin. Als Katarina Witt in Dortmund und Budapest zum Europameistertitel lief, belegte sie Rang 14 und 12. Nach dem Sportstudium an der DHfK Leipzig wurde sie Trainerin beim Berliner TSC. In all den Jahren hat sie viele Eiskunstlauf-Talente auf ihrem Weg begleitet. Franz Streubel zum Beispiel, der Deutscher Meister wurde. „Kyrill geht nicht den normalen Weg. Er hat viele Talente. Bei ihm buhle ich ums Eiskunstlaufen“, sagt die Trainerin.

Während die besten Athleten ihrer Länder bei der EM in Minsk antreten, nimmt Kyrill Hoffmann dieses Wochenende an den Berliner Meisterschaften teil (Beginn Sonnabend und Sonntag jeweils 9 Uhr, Erika-Hess-Eisstadion, Eintritt frei). Er ist der einzige in seiner Altersklasse. „So einen Titel sollen sich junge Menschen abholen, wenn sie die Möglichkeit haben“, findet Hendschke-Raddatz.

Plötzlich Volleyballer

Die Jugendklasse ist eine Klasse dazwischen. Dort treten die Eiskunstläufer an, die nicht direkt vom Nachwuchs zu den Junioren wechseln. Sie können keinen Bundeskader-Status erreichen. Manche von ihnen waren länger verletzt, manche haben länger pausiert – wie Kyrill Hoffmann. Er hatte mit vier Jahren das Eiskunstlaufen begonnen, weil er Freude daran hatte. Er war tagein, tagaus in die Halle gekommen, in der er jetzt über den grauen Gummiboden Richtung Umkleidekabine stapft. Mädchen mit Hochsteckfrisuren und Glitzerkleidchen kommen ihm entgegen. Eines trägt ein Buch aus der Reihe „Was ist was?“ mit sich, ein anderes hat einen gelben Minions-Rucksack umgeschnallt, wieder andere ziehen Rollkoffer hinter sich her – und verschwinden hinter irgendeiner Hallentüre.

Als Kyrill Hoffmann 13 Jahre alt war, zog er sich zurück aus diesem Gewusel: Seine Trainingsgruppe hatte sich aufgelöst, die Trainerin war krank, er hatte einen Wachstumsschub. Hoffmann wechselte zum Volleyball, trainierte zwei-, dreimal die Woche, hatte pro Wochenende zwei Spiele.

Er ist groß, 1,87 Meter, als er aus der Umkleide wiederkommt, trägt er ein T-Shirt mit Volleyball-Logo, auf dem Berliner Meisterschaften steht. Mit Rotation Prenzlauer Berg wurde er damals Zweiter in Berlin. Er spielte nicht beim TSC, der Erster wurde. „Dort spielen nur Jungs, die auf die Sportschule gehen“, sagt Hoffmann. Auch bei ihm stand das zur Debatte. Aber Kyrill und seine Eltern entschieden sich für das Heinrich-Hertz-Gymnasium, eine Eliteschule für mathematisch-naturwissenschaftlich Begabte. „Ich bin glücklich, dass mir meine Eltern abgeraten haben, auf die Sportschule zu gehen“, sagt Kyrill Hoffmann. Eingleisig zu fahren, reicht ihm nicht.

Der Elftklässler singt im Chor, besucht die Chemie-AG. spielte bis vor kurzem Klavier. Trotzdem fragt er sich manchmal, wie so ein komprimiertes Sportlerleben wäre, noch mehr Training, Ballett, Athletik. Denn nach zwei Jahren Volleyball zog es ihn wieder aufs Eis.

Spaß am Sport

„Das Entscheidende war die Show im Dezember. Das Eismärchen. Da habe ich gemerkt, wie viel Spaß es mir macht, zur Musik zu tanzen. Volleyball war auch schön. Aber mir geht es nicht um den Wettkampf, sondern um den Spaß am Sport.“ Wobei zum Spaß auch das Gewinnen gehört. Und damit wird das Dilemma deutlich, in dem sich Kyrill Hoffmann gerade befindet.

„Die Deutschen Jugendmeisterschaften zu gewinnen, war etwas Krasses für mich. Ich hatte das ganze letzte Jahr auf diese Meisterschaft hingearbeitet“, sagt er. Ende Februar will er beim Deutschland-Pokal in Oberstdorf den Erfolg bestätigen. Und dann will Kyrill Hoffmann die Prüfung zur Kürklasse zwei bestehen. Danach kann er bei den Junioren antreten. Die Eiskunstlauf-Karriere könnte so Fahrt aufnehmen. Noch in diesem Jahr muss sich Kyrill Hoffmann entscheiden, wie es mit dem Sport weitergehen soll.

„Die zwei Jahre aufzuholen, ist sehr schwer“, glaubt er. Zumal er die Schule beenden und später vielleicht Medizin oder Lehramt studieren will. „Bei den Junioren muss man die Dreifachsprünge beherrschen. Den Toeloop hat er schon erlernt, der Flip und Lutz sehen schon gut aus. Aber er hat noch viel Arbeit vor sich, wenn er das große Ziel wählt“, sagt Karin Hendschke-Raddatz, „manche gehen eben noch mal über Los.“ So wie damals Robin Szolkowy, der schon zum Synchron-Eiskunstlauf gewechselt war, bevor ihn Aljona Savtchenko fand und zu EM-, WM-Titeln und Olympiabronze trieb. Hendschke-Raddatz sagt: „Wir gucken einfach mal, wie der junge Mann sich entscheidet.“