Eine Stunde vor ihrem Start am Sonnabend sitzt Nele Floe Frank ganz entspannt auf der Tribüne des Erika-Heß-Eisstadions. Die Elfjährige trägt noch Sporthose und Turnschuhe, geschminkt aber ist sie schon: Ein langer Lidstrich betont das Auge, auf den Lidern glitzert es. Die Sechstklässlerin schaut ihren Konkurrentinnen zu, jetzt applaudiert sie einem Mädchen, das wie sie die Eliteschule des Sports in Hohenschönhausen besucht.

120 Kinder und Jugendliche aus zehn Bundesländern, die jüngsten sechs Jahre alt, die ältesten 14, treten beim „Kleinen Berliner Bären“ an – einem Eiskunstlauf-Wettbewerb, den es schon so lange gibt, dass keiner mehr sagen kann, wie lange genau. „Mindestens 30 Jahre“, sagt Dirk-Carsten von Loesch, der Eiskunstlauf-Obmann des Berliner Eissport-Verbandes.

Er steht an diesem Wochenende in der Tonregie-Kabine des Weddinger Eisstadions. Er wacht über die Einlaufzeiten für die Wettbewerbe, er stellt die Sportler vor und gibt nach ihrem Auftritt das Ergebnis bekannt. Von der Kanzel aus hat man eine guten Blick auf die Schiedsrichter, die auf der Tribüne gegenüber sitzen. Viele der Klappsitze in dem Eisstadion bleiben aber leer, nur wenige Besucher sind zu dem traditionsreichen Wettbewerb gekommen, obwohl der Eintritt frei ist, die meisten sind Angehörige.

Ausstrahlung auf dem Eis

Nele Floe Frank ist mit der Familie aus Ahrensfelde angereist: Selbst die Oma ist dabei, sie passt auf Neles knapp zweijährige Schwester auf. Denn Neles Mutter ist seit dem Sommer auch ihre Trainerin. „Ich habe versucht, das zu vermeiden“, sagt Caroline Frank, die früher selbst Leistungssportlerin war, bei der Junioren-WM 1999 Achte wurde und 2001 Zweite bei den Deutschen Meisterschaften.

Vor sieben Jahren hat sie ihre Laufbahn beendet und sich zur Trainerin qualifiziert. Die 34-Jährige betreut inzwischen mit einer Kollegin zwei Dutzend Kinder aus der 1. bis zur 8. Klasse der Sportschule Hohenschönhausen. „Am Anfang war es komisch, dass meine Mutter auch meine Trainerin ist“, sagt Nele. „Aber es ist auch cool, weil man zu Hause noch mal etwas besprechen kann.“

Beim Berliner Eissportverband setzt man große Hoffnungen in das Mädchen: „Nele gehört in Berlin beim Nachwuchs zu den Besten“, konstatiert etwa Verbandstrainer Rico Rex, besonders ihre Ausstrahlung auf dem Eis sei toll. Das Mädchen, das seit Kindergartentagen auf Schlittschuhen steht und inzwischen nahezu täglich mehrere Stunden trainiert, ist bei den Berliner Jugendmeisterschaften Sechste geworden.

Dadurch hat sie sich für den „Kleinen Berliner Bären“ qualifiziert. Bei den Sportlern sei der Wettkampf wegen seiner besonderen Preise beliebt, sagt Verbands-Obmann von Loesch, denn es gibt – wie beim Großen Berliner Bären, aus dem der Kinder-Wettbewerb entstand – Bären als Trophäe. Einen goldenen Bären hat Nele schon zu Hause, voriges Jahr hat sie den Wettbewerb gewonnen. Dieses Jahr will sie es unter die besten drei schaffen. „Ein Podestplatz wäre cool.“

Eine halbe Stunde vor ihrem Start macht sich Nele warm. Sie joggt auf der Galerie des Stadions entlang, springt ein paar Minuten Seil, übt einige Sprünge und Posen. Die Fensterscheiben der Halle dienen als Spiegelersatz. Die Mutter steht beobachtend dabei. Neles kleine Schwester ahmt derweil die durch die Halle flitzenden, sich drehenden und dehnenden Sportler nach und hält so ihre Oma auf Trab. Inzwischen ist auch Neles Vater angekommen, Lasse Frank. Der frühere Leistungsschwimmer arbeitet mittlerweile als Schwimmtrainer und war noch bei einem Wettkampf.

Wackler bei der Pirouette

Die letzten Sekunden vor dem Start sind Mutter und Tochter allein. Nele steht in ihrem Kleid auf dem Eis, lehnt sich an die Bande, ihre Mutter hält sie von hinten. Ein Flüstern, ein Drücken. Dann geht es los. Lasse Frank hält den Auftritt mit der Kamera fest. Für zwei Minuten und 30 Sekunden gehört Nele die Eisfläche. Sie konkurriert mit 16 Mädchen im Alter zwischen elf und 14 Jahren. Der Wettkampf der Nachwuchs-Mädchen ist der teilnehmerstärkste beim „Kleinen Berliner Bären“.

Die ersten zwei Minuten läuft Nele ihr Kurzprogramm fehlerfrei, ausdrucksstark verbindet sie die Elemente. Doch dann beginnt sie eine Pirouette nicht ganz sauber, während des Drehens wankt sie gefährlich. „Es war ein Wunder, dass sie die noch gestanden und nicht gestürzt ist“, sagt ihre Mutter. Nele geht dennoch in Führung. Mit ihren 26,91 Punkten ist die Läuferin des SC Berlin nicht ganz zufrieden, hat sie doch für dieses Programm auch schon mal mehr als 28 Punkte bekommen.

Etwa zehn Minuten lang bleibt Nele auf Platz eins, dann kommt Lilly Schlüter. Das Mädchen vom Berliner TSC springt einen sauberen Doppelaxel. „Das war’s mit dem ersten Platz“, sagt Neles Mutter. Denn für diesen schwierigen Sprung, den Nele noch nicht ganz schafft, gibt es eine hohe Punktzahl. Mit 28,10 Punkten gewinnt Lilly Schlüter das Kurzprogramm. Bei der Kür am Sonntag passiert Nele kein Fehler, alles klappt tadellos. Ihre Oma sieht nicht zu, sie ist zu aufgeregt. Letztlich wird Nele Zweite. Stolz hält sie den silbernen Bären in die Kamera.