Bislang trat Matthias Große vor allem als Partner und Leibwächter von Claudia Pechstein auf.
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BerlinRainer Erdmann hatte im vergangenen November zusammen mit einigen Mitstreitern eine Mission begonnen, die, soviel war schon von Beginn an klar, kaum zu erfüllen ist. „DESG gemeinsam retten“, heißt die Initiative, die der Berliner als Sprecher vertritt. Doch schon länger hat man das Gefühl, dass die besagte Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) eigentlich nicht zu retten ist.

Wie ernst es um diesen Verband steht, der noch bis vor zehn Jahren Olympiasiegerinnen in Serie stellte, zeigt die jüngste Entscheidung, Matthias Große kommissarisch bis zur Mitgliederversammlung im September zum Präsidenten zu ernennen. Der Berliner Unternehmer fiel bislang vor allem als Partner und Leibwächter Claudia Pechsteins auf, nicht gerade glimpflich im Umgang mit Kritikern des streitbaren Eisgespanns. Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, erinnerte noch mal daran, dass Große vor Jahren Mitarbeiter von ihr und ihres SPD-Parteikollegen Martin Gerster bedroht habe, nachdem sie Kritik an Pechstein geäußert hatten.

„Wir haben kurz vor der Bekanntgabe davon erfahren“, sagt nun Erdmann, „und wir waren jetzt schon überrascht, obwohl das natürlich schon lange im Raum stand.“ Seit dem Rücktritt von DESG-Präsidentin Stefanie Teeuwen im vergangenen November, nach dem sich Große ins Spiel brachte, bestand das Präsidium  aus zwei Mitgliedern: Uwe Rietzke, Vizepräsident Short Track, sowie Schatzmeister Dieter Walisch. Dass dieses Duo einen chaotischen Verband, den rund 400.000 Euro Schulden drücken sollen, ehrenamtlich nach vorne bringen können, hat niemand ernsthaft erwartet. Auch nicht Erdmanns Initiative, die ja gegründet wurde, um mit konstruktiven Ideen zu verhindern, „dass hier bald das Licht ausgeht“.

Ein Immer-weiter-so, darin sind sich alle Beteiligten einig, konnte es nicht mehr geben. Auch wenn die anhaltende Coronapandemie zwischenzeitlich andere Zwänge abseits des Eisschnelllaufens hervorbrachte. Athletensprecher Moritz Geisreiter sagte im Interview mit der taz über die aktuelle Lage: „Mittlerweile ist der Druck auf die DESG so groß geworden, dass auch die Zweifler, die es im Verband gegeben hat, eingelenkt und notgedrungen gesagt haben: Okay, es muss jetzt etwas passieren!“ Dass eine virtuelle Mitgliederversammlung der bessere Rahmen gewesen wäre, um einen Präsidenten zu finden, steht dabei außer Frage.

In den kommenden drei Monaten, bis dann eine neue Verbandsspitze gewählt werden soll, hat Erdmann vor allem eine Erwartung in Richtung Große: „Er muss jetzt liefern!“ Denn bei allen Widersprüchen wird der Bauunternehmer vor allem deshalb hofiert, weil er womöglich Sponsoren akquirieren kann. In den vergangenen Jahren hatte das Eisschnelllaufen als Werbeplattform zunehmend an Attraktivität verloren. Insbesondere DOSB-Präsident Alfons Hörmann hegt große Sympathien für den Besitzer des Müggelturms. „Aber in solch einer Situation ist jemand, der die Ärmel hochkrempelt und die Situation neu bewertet, vielleicht genau der richtige Mann", sagte er gegenüber dem RBB.

Neben wirtschaftlichen Fragen wird Große daran gemessen, „Signale an die Basis zu senden, dass es weitergeht“, was für Erdmann nicht weniger von Bedeutung ist. Bei seinem Sohn konnte er über die Jahre selbst verfolgen, wie die anfängliche Euphorie leidet, wenn eben keine Klarheit seitens der sportlichen Führung vorgegeben wird, wohin die Reise geht.

„Ein Präsident muss auch zuhören bei den Trainern, die mit den Jugendlichen und Kindern auf die Bahn gehen“, fordert Erdmann. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Nachwuchstrainer oft gar nicht gehört werden.“ Ein Eindruck, den der Berliner Landestrainer Uwe Hüttenrauch bestätigen kann. „Du fragst dich oft, wer das verzapft hat, wie wir hier trainieren sollen“, sagte er vor einigen Monaten im Gespräch mit dieser Zeitung.

Alle Beteiligten werden zudem genau beobachten, wie Große der Spagat zwischen privaten Interessen als Pechsteins Partner und seiner Rolle als Verbandsboss gelingt. Die Probleme mit der aktuellen sportlichen Führung sind bekannt. Sportdirektor Matthias Kulik hatte dafür gesorgt, dass Große in dieser Saison nicht zum offiziellen Betreuerstab gehört, nachdem sich das zuvor etabliert hatte. Er hatte das mit „unsachgemäßen und dadurch verbandsschädigenden medialen Aussagen“ begründet. Der Streit mit Bundestrainer Erik Bouwman hatte sich Stück für Stück hochgeschaukelt, nachdem der Niederländer vor der Saison mitgeteilt hatte, dass er „keinen Bock“ darauf habe, dass Pechstein zu seiner Trainingsgruppe gehöre. Große hatte bereits angekündigt, dass er sich vom Bundestrainer trennen wolle, wenn er Präsident wird.

Droht nun also eine Art Rachefeldzug? Erdmann geht eher nicht davon aus. „Wenn es nur ansatzweise solche Aktionen gäbe, fliegt der Verband im September auseinander“, ist er überzeugt. Überhaupt hofft er, dass sich die Kommunikationskultur ändert. „In den letzten Jahren wurden von vielen Vertretern eher die sozialen und medialen Kanäle bedient, anstatt miteinander zu sprechen“, moniert er. „Wenn Claudia in Zukunft was schreibt, sollte der Präsident das genau so kritisch hinterfragen wie Beiträge anderer Beteiligter. Auch die Weitergabe interner Dokumente, teilweise mit datenschutzrelevanten Angaben, an die Medien muss konsequent unterbunden werden.“

Eine Rettung des Verbandes und somit auch der Basis einer ganzen Sportart ist so bald nicht in Sicht. Da ist es kein Wunder, dass selbst einige Kufenenthusiasten der Initiative „DESG retten“ ihr Engagement überdenken wollten. Erdmann sagt: „Wir haben immer wieder konstruktive Angebote an das amtierende Präsidium unterbreitet, allerdings fand die letzte Kommunikation bereits vor sechs Wochen statt.“ Um anschließend überrascht zu werden, dass es einen Übergangspräsidenten gibt. Das ist nicht das ideale Signal eines Neustarts, aber es besteht weiter die Bereitschaft, im Sinne des Sportes bei der Erneuerung mitzuhelfen.