Heute, das hat Claudia Pechstein auf ihrer Homepage verkündet, reist die Berliner Eisschnellläuferin in die Niederlande. Dort will sie bei der Mehrkampf-EM, die am Wochenende in Heerenveen stattfindet, in den Kampf um Medaillen eingreifen. Vermutlich geht die fünfmalige Olympiasiegerin frisch gestärkt und gut durchblutet in ihre Rennen. Wer mit 40 Jahren auf der 3000-Meter-Strecke so schnell wie nie zuvor in die Wintersaison startet und wie kürzlich Weltcupsieg Nummer 29 zu seiner Karriere addiert, hat gewiss einiges für seine Glanzform getan.

Überhaupt sieht es so aus, als strahle Pechsteins Zukunft. Denn schon zu Beginn dieser Woche gab die Polizeihauptmeisterin die Einigung mit ihrem Arbeitgeber, dem Bundesinnenministerium (BMI), bekannt. Aufgrund ihrer zweijährigen Dopingsperre hatte Pechstein ihren Platz in der Sportfördergruppe der Bundespolizei verloren und damit auch ihre Gehaltszahlungen durch das BMI. Worauf genau sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer nun geeinigt haben, lassen beide Seiten allerdings offen. Das BMI teilte in schönstem Bürokratendeutsch mit, man habe eine einvernehmliche Lösung gefunden, „mit der die dienstlichen Belange und die Fortführung“ von Pechsteins Karriere „weitestgehend in Einklang gebracht werden können“.

Während die besten Eisschnellläufer Europas bald über die Bahn von Heerenveen flitzen, warten sie auf der Geschäftsstelle der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) in München auf den postalischen Eingang eines Weihnachtsgrußes der besonderen Art, wie es der Generalsekretär des Verbandes, Günter Schumacher, nennt. Absender ist Pechsteins Rechtsanwalt Thomas Summerer. Er hatte sich persönlich am 30. Dezember aus seinem Münchner Büro in den Fünf Höfen aufgemacht, um eine 150-seitige Schadenersatzklage beim Münchner Landgericht abzugeben. „Es war ein schwerer Brief, denn es waren auch die Kopien an beide beklagten Verbände darin“, sagt Summerer. Nun gibt es bereits ein Aktenzeichen.

Zweifel am CAS

Neben der Internationalen Eislauf-Union (ISU) klagt Pechstein auch gegen die DESG. „Beide Verbände sind gleichermaßen verklagt, beide haften für die unrechtmäßige Sperre“, sagt Summerer. „Die ISU hat sie verhängt, die DESG hat sie in Deutschland durchgesetzt.“

Es geht um eine Summe in siebenstelliger Höhe. Verhandelt werden soll in München, da die DESG dort ihren Sitz hat – und nicht in Lausanne in der Schweiz, wo die ISU ansässig ist. „Die Rechtsstaatlichkeit ist bei deutschen Gerichten besser gewährleistet. Man fühlt sich wohler bei deutschen Gerichten, deren Rechtsordnung man kennt. Keiner prozessiert gern im Ausland“, sagt Summerer, der 2001 für die Leichtathletin Kathrin Krabbe nach deren Sperre wegen Clenbuterol-Dopings 1,5 Millionen Euro an Schadenersatz vom Internationalen Leichtathletikverband (IAAF) erstritt.

Der gesamte Streitstoff soll nach Auffassung des Anwalts im Fall Pechstein nun noch einmal geprüft werden. Es geht nicht um Formfehler. Es geht um Inhalte. Bei Krabbe habe er damals nicht nur gewonnen, „weil Kathrin Krabbe eine außergewöhnlich hübsche Leichtathletin war, sondern weil wir gute Argumente hatten“, sagt Summerer. Er wirft den Verbänden, die ihre Sperre aufgrund eines indirekten Dopingnachweises durch Pechsteins erhöhte und schwankende Blutwerte verhängten vor, dass die Beweislage gegen Claudia Pechstein äußerst dünn gewesen sei. „Darauf eine Dopinganklage zu gründen, war grob fahrlässig.“ Ohne gesichertes medizinisches Wissen habe die ISU völlig überstürzt eine Dopinganklage herbeigezaubert. „So geht man nicht um mit einer fünfmaligen Olympiasiegerin“, findet Summerer.

Dem Verband droht die Insolvenz

Sollte Pechstein mit ihrer Klage Erfolg haben, könnte die DESG ins Schlingern geraten. Wiedergutmachung in Millionenhöhe für ausgefallene Sponsorengelder, Prozesskosten und Prämien, die Pechstein während ihrer Sperre entgangen sind, würden den Verband in die Insolvenz treiben. „Das kann die DESG sowieso nicht leisten“, sagt Verbandspräsident Gerd Heinze. Er geht allerdings davon aus, dass die DESG – so wie damals im Fall Krabbe der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ungeschoren davonkommt.

Diesen Optimismus teilen auch Athleten aus Pechsteins Berliner Trainingsgruppe. Nach dem ersten Schreck und den Befürchtungen, der eigene Verband könnte bankrottgehen, habe sich die Ansicht durchgesetzt, dass der DESG, die Pechstein immer unterstützt habe, schon nichts passieren werde, erzählt ein Sportler aus Pechsteins Umfeld.

Pechstein scheint die Brisanz ihrer Klage bewusst zu sein. Wohl nicht umsonst flimmert auf ihrer Homepage in einer Endlosschleife folgende Erklärung: „Mir geht es nicht darum, dem Eisschnelllaufsport zu schaden, sondern darum, mein Recht zu bekommen.“

Summerer jedenfalls rechnet sich wie damals bei Krabbe gute Erfolgschancen aus. Auch wenn es 2001 den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) noch gar nicht gab, der im Fall Pechstein das Dopingurteil bestätigte, das später vom Schweizer Bundesgerichtshof bekräftigt wurde. „Der CAS ist eine sehr fragwürdige und zweifelhafte Institution“, meint Summerer. „Denn alle Sportler werden gezwungen, sich diesem Sportgericht zu unterwerfen, wenn sie starten wollen. Das ist Zwang. Und das auch noch unter Ausschluss der staatlichen Gerichte.“ Was Summerer am CAS bemängelt, klingt wie ein Plädoyer für ein deutsches Antidoping-Gesetz. Wenn es das allerdings vor drei Jahren bei Pechsteins CAS-Verhandlung schon gegeben hätte, wäre die Beweislage vielleicht eine ganz andere gewesen.