Silber und Gold: Sprinterin Lisa-Marie Kwayie straht als Zweitplatzierte mit Siegerin Elena Krawzow (r.) um die Wette.
DDP/Andreas Gora

BerlinTrotz ihrer Bedenken im Vorfeld hatte sie es pünktlich geschafft. Am Vormittag  die Norm für die Paralympischen Spiele in Tokio und die Europameisterschaft im kommenden Jahr erschwommen, um 17.40 Uhr aus Amsterdam kommend in Berlin gelandet, war Elena Krawzow zu Beginn der Sportlergala um 19 Uhr an ihrem Platz. Schon am Vortag hatte sich die Para-Schwimmerin in den sozialen Medien „auf den sehr schönen Abend“ gefreut. Und der wurde noch schöner, als sie als Letzte und damit Berlins Sportlerin des Jahres um 20.27 Uhr auf die Bühne gebeten wurde. „Ich hatte eigentlich gar nicht genug Zeit, um mich fertig zu machen“, sagte sie unter großem Beifall mit einem Lächeln im Gesicht.

Keine gespielte, sondern wirkliche Freude einer 26-Jährigen, die sagt, dass sie nur ein Mädchen aus einem kleinen Dorf in Kasachstan ist. Aus dem kleinen Mädchen ist in den elf Jahren, in denen die Schwimmerin in Deutschland lebt, eine Frau geworden, die frisch und positiv gestimmt durchs Leben geht. Und das, obwohl bei ihr im Alter von sieben Jahren die Erb-Erkrankung Morbus Stargardt festgestellt wurde, die die Sehfähigkeit stark einschränkt und langfristig zur Erblindung führt. Oft fühlte sie sich  ausgeschlossen in dem neuen Land, in dem sie die Sprache nicht kannte, die Kultur nicht verstand, ihre Schulklasse verlassen musste, um auf ein Internat für Sehbehinderte zu gehen. Ihre Sehkraft liegt noch bei drei Prozent.

Alle gleich gewertet

Aber nun stand sie da auf der Bühne im Gala-Saal, mittendrin, nicht außen vor. Krawzow legt Wert darauf, dass sie und ihre Konkurrentinnen „keine Behindertensportler, sondern Sportler mit einer Behinderung sind. Und deshalb können wir uns auch gleich behandeln lassen.“ Am Sonnabend strahlte sie mit Sprinterin Lisa-Marie Kwayie, die vor BMX-Freestylerin Lara Lessmann bei Berlins Sportlerwahl Zweite wurde, um die Wette. „Ich finde es großartig, dass wir hier keine extra Kategorie für die behinderten Sportler haben, sondern dass wir alle gleich gewertet werden“, sagte Krawzow.

Auf ihrem Internetprofil zeigt sie sich gern auch abseits des Schwimmbeckens. Mal in Jeans, mal im Dirndl oder im schicken Kleid, wie bei der Sportlergala. Eine lebensfrohe Frau, für die es sportlich lange nur einen Weg gab: den nach oben. Im Alter von 13 Jahren kam sie zum Schwimmen. Es war wie ein Kopfsprung in ein neues, schöneres Leben. Sechs Jahre später, bei den Paralympics 2012 in London, kletterte sie mit der Silbermedaille über 100 Meter Brust aus dem Becken. Zahlreiche WM- und EM-Titel weckten die Hoffnung, dass es auch bei den Paralympics in Rio zu Gold reichen könne.

Ein Jahr zuvor, 2015, war Krawzow von Nürnberg nach Berlin gezogen. Das Training am Olympiastützpunkt schien sie zu beflügeln: Kurz vor den Paralympics schwamm sie Weltrekord. Doch in Brasilien erlebte sie ihren ersten Rückschlag. Die Titelfavoritin wurde Fünfte, dachte ans Karriereende. „Rio war sehr schwer für mich, weil ich davor nur erste Plätze hatte und nie gelernt habe, zu verlieren“, erzählt sie.

Mehr auf den Körper hören

Der Rückschlag wurde nicht zum Ende, sondern zum Knackpunkt. In der Aufarbeitung der Niederlage ging es vor allem darum, die richtigen Lehren für die Zukunft zu ziehen. „Nach den Spielen in Rio habe ich gemerkt, dass mentale Vorbereitung sehr wichtig ist, wie man mit dem Druck von außen klar kommt. Deshalb mache ich auch etwas für meine mentale Stärke“, sagt sie, „ich konzentriere mich jetzt mehr auf mich, höre mehr auf meinen Körper und versuche mich mit dem Geist auf die Spiele in Tokio vorzubereiten. Ich genieße jeden Tag, an dem ich trainieren und mich auf Tokio vorbereiten kann.“

Seit diesem Jahr hat sie, in Holger Drost, der auch die deutschen Topschwimmer Sarah Köhler und Florian Wellbrock betreut, einen Manager, der sich um alles kümmert und ihr alle Steine aus dem Weg räume. Er habe ihr auch Sponsoren, die ihr das Leben als Profisportler ermöglichen, besorgt. Die Veränderungen fruchten: Bei der Weltmeisterschaft in diesem Jahr gewann Krawzow die Goldmedaille, seit Sonnabend hat sie die Norm für Tokio in der Tasche. Dass sie wenige Stunden später auch Berlins Sportlerin des Jahres wurde, ist die Bestätigung für diese Leistungen. Und für diese Anerkennung nimmt sie gern mal Stress bei der Anreise in Kauf.