Über fehlende Beschäftigung konnte sich Tobias Welz an diesem sonnigen Nachmittag in Köpenick wahrlich nicht beschweren. Ungewollt rückte der 42 Jahre alte Schiedsrichter aus dem hessischen Wiesbaden, von Beruf Polizist, im Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Union und dem SV Werder Bremen, das letztlich 1:2 endete, in den Fokus. Was allerdings auch daran lag, dass ihn wiederum Bastian Dankert, sein Kollege, wie eine Marionette hin- und herschickte.

Dankert arbeitete als Videoschiedsrichter in einem 600 Kilometer entfernten Keller in Köln und schritt kurz nach dem Anpfiff erstmals an diesem Tag ein. Welz hatte zunächst nach nur 66 Sekunden ein Foulspiel von Union-Torwart Rafal Gikiewicz im Strafraum an Davy Klaassen gesehen, was sich allerdings bei genauem Hinsehen als Fehlentscheidung entpuppte. Das hatte auch Dankert so gesehen und funkte Welz an. Der lief raus an den Monitor und blieb kurioserweise bei seiner Entscheidung. Ein Irrtum, der nach nur fünf Minuten in der 1:0-Führung für die Gäste resultierte. Klaassen trat nämlich selbst an und drosch das Leder humorlos in die Mitte. Gikiewicz entschied sich für die rechte Ecke, bekam die Fußspitzen zwar noch an den Ball, konnte den Einschlag aber nicht verhindern.

Elfmeter-Festival in Köpenick

Die nächste strittige Szene gab es nur acht Minuten später. Im Stadion hatte niemand etwas von einem Handspiel im Werder-Strafraum mitbekommen. Auch Welz nicht. Auf Einschreiten Dankerts unterbrach der ferngesteuerte Unparteiische allerdings die Partie und lief zum zweiten Mal raus an die Mittellinie. Von schwarzen Regenschirmen geschützt untersuchte er nun ein Handspiel des Bremer Verteidigers Christian Groß im Strafraum. „Fußball-Mafia DFB!“ skandierten die Fans währenddessen. Tatsächlich hatte Groß den Ball mit dem Arm gespielt. Richtigerweise gab es Elfmeter, den Sebastian Andersson, ähnlich wie Klassen, halbhoch zum 1:1 verwandelte (14.). Der Ausgleichstreffer war bereits der dritte Saisontreffer für den schwedischen Nationalspieler.

In der 22. Minute rückte Welz einmal mehr in den Mittelpunkt. Die Partie war unterbrochen, weil der Videoschiri am Monitor in Köln ein Handspiel des Unioners Christopher Lenz überprüfte. Welz wartete und bekam per Funk mit: Kein Handelfmeter. Welz ging diesmal allerdings nicht raus und vertraute seinem im Rheinland sitzenden Kollegen. Ein Fehler, schließlich wäre eine Handspielentscheidung richtig gewesen.

Das Spiel war vom ersten Moment an zerfahren, es gab kaum entscheidende Torszenen, zudem etliche Ballverluste auf beiden Seiten. Und auf den Tribünen war die Stimmung unter den 22.012 Zuschauer auch aufgrund der technischen Entwicklung im Profifußball zumindest in der ersten Halbzeit gedämpft. „Ihr macht unseren Sport kaputt“, skandierten die Unioner auf der Waldseite. Ein Gruß an den vom DFB eingeführten Videobeweis.

Der Ex-Bremer Anthony Ujah, nun im Diensten des 1. FC Union, kam kurz vor der Pause nochmal zum Abschluss, schoss den Ball aber aus spitzem Winkel über das Gehäuse (43.).

Zweimal Gelb-Rot in der Schlussphase

Die Bremer reisten personell arg gebeutelt in die Hauptstadt. Auf zehn potenzielle Stammspieler, darunter Größen wie Kapitän Moisander, U21-Nationalspieler Maximilian Eggestein oder Torjäger Milot Rashica, musste Trainer Florian Kohfeldt verzichten. Drei Sitze blieben auf der Gäste-Ersatzbank sogar gänzlich frei. Union-Trainer Urs Fischer zog dagegen aus freien Stücken eine personelle Änderung vor, brachte im Vergleich zum sensationellen Heimsieg vor zwei Wochen gegen Dortmund (3:1) Christian Gentner für Manuel Schmiedebach. Ujah und Andersson bildeten erneut die Doppelspitze im Angriff.

Nach dem Seitenwechsel gehörte erneut Welz die erste Szene. Zum dritten Mal an diesem Tag entschied der Referee auf Elfmeter. Christopher Trimmel hatte Theodor Gebre Selassie in der 53. Minute im Fünfmeterraum für einen kurzen Moment am Trikot gehalten. Eine harte, aber vertretbare Entscheidung. Den anschließenden Strafstoß nahm erneut Klaassen, der diesmal aber an Gikiewicz scheiterte. Aus der anschließenden Ecke, getreten von Nuri Sahin, resultierte allerdings die erneute Bremer Führung. Niclas Füllkrug stieg am höchsten und traf per Kopf zum 2:1-Endstand (55.).

Und auch in der Schlussphase war Welz in aller Munde. Coach Kohfeldt, der über 90 Minuten wie Rumpelstilzchen an der Seitenlinie tobte, sah Gelb. Kurz darauf flogen die früheren Dortmunder Teamkollegen Sahin und Neven Subotic mit Gelb-Rot vom Platz.