TouRrettes - Die „Wade der Nation“ hat es vor zehn Jahren, vor sechs Jahren und vor vier Jahren zu großer Bekanntheit gebracht. 2002 zwickte bei Michael Ballack vor dem ersten WM-Spiel die Wade, er wurde gerade noch rechtzeitig fit; 2006 wollte er trotz Wadenzerrung unbedingt im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica dabei sein, Jürgen Klinsmann stoppte den Kapitän; 2008 zitterte Deutschland vor dem EM-Finale schon routiniert um den berühmtesten Muskelstrang der Republik, Ballack besiegte den Schmerz, nicht aber Spanien.

Im Mai 2012 ist Ballack zwar lange schon nicht mehr dabei, bei der „Wade der Nation“ scheint es sich indes um eine auch nach Jahren noch übertragbare Blessur zu handeln, von der nun Bastian Schweinsteiger befallen ist. Diagnose: Muskelquetschung mit Bluterguss in der linken Wade, erlitten schon nach fünf Minuten im Champions-League-Finale, 115 Minuten und einen verschossenen Elfmeter lang tapfer ignoriert.

Fahrradergometer-Tests und leichtes Laufprogramm

Das kommt nun zurück. Der 27-Jährige konnte bislang nicht am Mannschaftstraining im Camp von Tourrettes teilnehmen und absolviert stattdessen mit wechselnden Fitnesstrainern Fahrradergometer-Tests oder leichtes Laufprogramm, beobachtet von einem besorgt dreinblickenden, aber augenscheinlich niemals älter werdenden Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.

Sichtlich weniger besorgt ist derzeit Joachim Löw anzutreffen. Entweder, weil es sich beim Bundestrainer plötzlich gar um einen guten Schauspieler handelt (weniger wahrscheinlich), oder, weil er tatsächlich so guter Stimmung ist (eher wahrscheinlich).

Gündogan - der „kleine Schweinsteiger“

Schweinsteigers Unpässlichkeit macht Löw auch deshalb nicht unruhig, weil er einen Mann in seinen Reihen weiß, den er als „kleinen Schweinsteiger“ schon ordentlich wachsen sieht. Ilkay Gündogan erfährt derzeit ausnehmend Lob, muss sich als Schweinsteiger-Vertreter neben Sami Khedira aber noch hinter Toni Kroos oder dem properen Mario Götze einreihen.

Für das Testspiel am Donnerstag in Leipzig gegen Israel (20.30 Uhr/ARD) will Löw „das Risiko minimieren“. Heißt: Schweinsteiger bleibt schön draußen und guckt zu, wiewohl der Trainer vorher noch mal abfragen will, „wie weit Bastian in einer Lauf-Konditionseinheit den Schmerz ertragen kann“.

„in das Turnier hineinquälen“

Schließlich ist Israel nur ein kleiner Zwischenschritt, „alles ist darauf ausgerichtet“, am 9. Juni gegen Portugal „auf den Punkt topfit zu sein“, Löw geht davon aus, dass sich die noch hinterherhinkenden alten Hasen Miroslav Klose, Per Mertesacker und eben Schweinsteiger „richtig in das Turnier hineinquälen“ müssen.

Grundsätzlich neue Überlegungen, nach den vielen Gegentoren in der Schweiz eine zurückhaltendere Taktik auszurufen, wird Löw nicht anstrengen. „Wie vor vier Jahren mit zwei Sechsern wollen wir nicht mehr spielen“, betonte er am Dienstag, „ich will eine spielstarke Zentrale, eine 6, eine 8 und eine 10 in högschder Variabilität“.

„högschdes Niveau“

Auf Fragen, ob Khedira dieses Anforderungsprofil erfüllt, reagiert Löw mit Verwunderung: „Er war doch schon 2010 der Inbegriff von Präsenz in jedem Bereich. Wenn der nicht Fußball spielen könnte, würde er jetzt noch in Bergen-Enkheim kicken.“ Da hatte der Bundestrainer im Überschwang der guten Laune aus Versehen den Frankfurter Stadtteil mit dem Stuttgarter Vorort Bonlanden verwechselt. Irgendwo dort in der Nähe, genau genommen aber auf der anderen Seite der Schwabenmetropole, hat Khedira die ersten Vollspannstöße geübt. Jetzt wartet er sehnsüchtig auf einen „Basti in Topform“. Das könnte länger dauern.

Im Training hat Löw derweil „ein bisschen Tempo rausgenommen“, ein Sieg gegen Israel wäre nämlich nützlich, um ein gutes Gefühl für die EM zu bekommen. Löw lässt auch auf seine Abwehrspieler Per Mertesacker und Mats Hummels nichts kommen – trotz deren Aussetzern beim 3:5 in Basel. „Sie und Holger Badstuber präsentieren international högschdes Niveau“, seien aber gegen die Schweiz auch von den Vorderleuten etwas im Stich gelassen worden. „Die Spieler müssen mehr aufeinander achten“, hat Löw ausgemacht, „wie immer werden wir im Turnier stabiler, wacher und dynamischer sein.“