Kiew - Der Andreassteig, der sich von der Andreaskirche hinunter zum Stadtviertel Podil windet, ist eine der Hauptsehenswürdigkeiten von Kiew, berühmt für sein ehrwürdiges, holpriges Kopfsteinpflaster. Davon ist im Moment in der Hauptstadt der Ukraine vor dem Spiel gegen die Nationalmannschaft des DFB und wenige Monate vor der EM 2012 allerdings wenig zu sehen.

Das Gässchen ist von oben bis unten aufgerissen, und wo sonst die Touristen flanieren, klaffen hinter dem Bauzaun Schluchten, so tief, als hätte sie der Dnjepr höchstselbst ins Gestein gegraben. Auf dem schmalen Gehweg ist kaum noch Platz für die Stände der Andenkenverkäufer, und selbst die zahlreichen ortsansässigen Katzen wirken insgesamt ein wenig irritiert.

Angesichts des einsamen Mannes, der ganz am oberen Ende ein paar Steine in den Boden klopft, ist kaum zu erwarten, dass der Andreassteig, wenn im kommenden Jahr die Massen der Fußballfans in die Stadt einfallen, wieder seine ursprüngliche Erscheinung angenommen hat. So gesehen ist das Gässlein weit eher repräsentativ für den Zustand der Vorbereitungen zur Fußball-EM als das komplett renovierte Olympiastadion, das heute mit dem Spiel der Ukraine gegen die deutsche Nationalmannschaft eingeweiht wird.

Ukraine und die teuerste Fußball-Arena der Welt

Immerhin hätte noch vor gar nicht langer Zeit kaum jemand gedacht, dass dieses Stadion überhaupt fertig wird. Doch nun erstrahlt es in voller Pracht, nur vor den Toren klafft ein tiefes Loch. Hier soll in verkleinerter Form das Trotzki-Einkaufszentrum entstehen, dessen bereits begonnener Bau als Teil des Stadions das Projekt zunächst gefährdet hatte, weil der europäische Verband Uefa die Arena so nicht als EM-Spielstätte akzeptieren wollte. Die Konstruktion wurde wieder abgerissen, was – inklusive Schadenersatz − fast 100 Millionen Euro kostete. Ein kleiner Beitrag zur teuersten Fußball-Arena der Welt.

Umgerechnet 585 Millionen Euro hat der Umbau gekostet, das Berliner Olympiastadion verschlang seinerzeit 242 Millionen, der Neubau der Münchner Arena 340 Millionen und die imposante Soccer City in Johannesburg 320 Millionen.

Warum in Kiew so viel Geld geflossen ist, und vor allem wohin, könnte irgendwann noch ein Fall für die Gerichte werden. Womöglich aber auch nicht, schließlich ist die ukrainische Justiz ausreichend damit beschäftigt, oppositionelle Politiker ins Gefängnis zu verfrachten.

Zwei verfaulte Fußballsysteme

Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Wochenmarkt, doch in Wahrheit ist es eine politische Zeltstadt, was am Rande des Prachtboulevards Kreschtschatyk einigen Raum einnimmt. Hier protestieren die Anhänger von Julia Timoschenko weiterhin gegen die Verurteilung der ehemaligen Regierungschefin zu sieben Jahren Haft.

Es gibt ausführliche Wandzeitungen zur Geschichte der Ukraine, Informationsstände, Kundgebungen und natürlich reichlich Fotos: Timoschenko mit einem Bündel Weizengarben als eine Art Erntegöttin, Timoschenko mit einem niedlichen weißen Tigerbaby, Timoschenko mit ernstem Staatsfrauenblick. Ein paar Meter weiter, am Gebäude des Stadtparlaments, zeigt eine große Uhr, dass es noch 210 Tage bis zum Beginn der Fußball-EM sind, auch hier erinnert eine Mahnwache an die politische Willkür im Land.

Eine interessante Frage ist, ob es die Machthaber zulassen werden, dass die Timoschenko-Zeltstadt auch in 210 Tagen noch an ihrem Platz steht. Uefa-Präsident Michel Platini wird es öffentlich kaum sagen, aber auch ihm dürfte daran gelegen sein, dass während seines Turniers nicht allzu augenfällig wird, in was für ein Land sein Verband die EM vergeben hat.

Etliche Milliarden flossen für die EM 2012

Als im Frühjahr 2007 Polen und die Ukraine von der Uefa den EM-Zuschlag erhielt, hätte man kaum zwei verfaultere Fußballsysteme in Europa finden können. Während Polens damaliger Verbandschef Michal Listkiewicz über Jahre hinweg tatenlos zugesehen hatte, wie der polnische Fußball zunehmend in Korruption versank, befand sich die Liga der Ukraine in den Händen diverser Oligarchen mit üblem Leumund, einer davon, Grigorij Surkis, leitete den Verband. Die Uefa störte sich daran nicht. Listkiewicz und Surkis waren und sind dicke Freunde der Mächtigen im Fußball, von Joseph Blatter, dem Präsidenten des Weltverbandes Fifa, über Franz Beckenbauer bis zu Platini. Sie organisierten dem Franzosen die entscheidenden Stimmen aus dem Osten Europas bei der Präsidentenwahl Anfang 2007.

Seitdem hat sich Polen überraschend positiv entwickelt. Selbst wenn auch dort längst nicht alle Versprechungen bezüglich der EM eingehalten werden können, hat sich das politische Klima seit der dunklen Kaczynski-Ära stark verbessert, das Land ist auf der Korruptionsliste von Transparency International etliche Plätze nach oben geklettert, Listkiewicz wurde abgesetzt und eine dezente Sanierung des Fußballs eingeleitet.

Die Ukraine rutschte derweil in die Gegenrichtung und sank, was Korruption angeht, auf ein Niveau mit Simbabwe und Sierra Leone. Ein Versuch der Verbandsmehrheit, die Umtriebe von Surkis auf demokratische Weise zu beenden, wurde Anfang 2011 von Uefa und Fifa mit finsteren Drohungen abgewürgt.

Etliche Milliarden sind geflossen für die EM 2012, der Effekt ist vor dem Spiel der Ukraine gegen die Nationalmannschaft des DFB überschaubar. Die vier Stadien in Kiew, Lemberg, Charkow und Donezk werden zwar entgegen früherer Befürchtungen zur Verfügung stehen, doch die gravierenden Mängel in der Infrastruktur werden den EM-Besuchern einiges abverlangen. Nicht nur beim Besuch des Andreassteigs.