Am Dienstagabend spielt die Ukraine gegen England. Die Mannschaft von Oleg Blochin setzt alles auf Sieg, nur so kommt die Ukraine ins Viertelfinale, bei einer Niederlage oder einem Unentschieden sind sie draußen.

Mein ganzes Land ist schon sehr aufgeregt, die ukrainischen Fans werden ihr Team beim entscheidenden Gruppenspiel in der Donbass Arena in Donezk wieder lautstark unterstützen. Doch egal, ob die Ukraine ausscheidet oder nicht, das Land hat schon jetzt gewonnen – und sein Image aufpoliert.

Die Fußball-EM 2012 hat meiner Meinung nach in der Ukraine ein kleines Wunder vollbracht. In den Augen der ausländischen Fans wurde aus dem osteuropäischen Alptraumland ein Land des Fußball-Festes, wo großzügige und gastfreundliche Menschen leben.

Vor der Euro 2012 wurde meine Heimat in den führenden westlichen Medien sehr kritisch betrachtet. Überall war von der Ukraine als Diktatur zu lesen, als Land, in dem Korruption weit verbreitet ist, Rassismus und Prostitution toben, und wo man gegen heimatlose Hunde und politische Gegner mit derselben Heftigkeit vorgeht.

Gegen den Boykott

Die ausländischen Fußballfans entdecken jetzt ein komplett anderes Land mit schönen Frauen, sie bewundern die Natur, die freundlichen Menschen – und unglaublich niedrige Bierpreise. Ein großes Bier kostet auf den Fanmeilen in der Ukraine 1,50 Euro, in Polen das Doppelte und in Deutschland noch mehr.

Führende Politiker vieler westeuropäischer Länder haben entschieden, die EM wegen der schwierigen politischen Situation im Land zu boykottieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, dass sie und ihre Minister keinen Fuß in mein Land setzen werden, bis sich die Situation mit den Menschenrechten unter Präsident Viktor Janukowitsch verbessert habe.

Das finde ich sehr schade. Denn die einfachen Menschen in der Ukraine können nichts für ihre Politiker.

15.000 Fußball-Fans aus Deutschland

Zum Glück folgen ganz normale Deutsche Merkels Beispiel nicht. Allein 15.000 Fußball-Fans aus der Bundesrepublik sind in die Ukraine gekommen, 90 Prozent von ihnen sind das erste Mal hier. Sie sind begeistert von der wunderschönen Altstadt Lembergs mit ihren alten Gebäuden, engen Gassen, dem Kopfsteinpflaster und dem europäischen Flair.

Insgesamt erwartet Turnierdirektor Markiyan Lubkivsky 800.000 Fußball-Fans - 400.000 Gäste mit Eintrittskarten. Die restlichen Anhänger wollen ihre Teams in den Fan-Zonen vor Ort unterstützen. Ich hoffe, dass in Zukunft noch mehr Leute das Heimatland von Andrej Schewtschenko und Klitschko-Brüder entdecken werden.

Die politische Situation und das Land sind für mich zwei verschiedene Welten. Natürlich gibt es in meinem Land auf politischer Ebene noch großen Verbesserungsbedarf. Aber Fortschritt ist nur möglich, wenn sich die Ukraine der Europäischen Union annähern kann – anstatt von führenden Politikern boykottiert zu werden. Die Fußballfans machen vor, wie es geht.

Galyna Gulii ist Journalistin beim ukrainischen Nachrichtenportal Korrespondent.net in Kiew. Als Stipendiatin des Internationalen Journalisten-Kollegs (IJK) der Freien Universität Berlin arbeitet die 28-Jährige für fünf Wochen bei der Berliner Zeitung.