Und plötzlich im Perspektivkader: Emil Agyekum.
Foto: Markus Wächter

BerlinAus zwei letzten Läufen werden doch drei, aus einem kurzen Stretching noch ein paar Übungen zur Kräftigung mit dem Medizinball. Eigentlich hatte sich Emil Agyekum auf ein zweistündiges Training eingestellt, an diesem Dienstagabend aber ist er drei Stunden im Mommsenstadion beschäftigt. Aber so ein Hochleistungssportler ist ja flexibel und kann auf Planänderungen reagieren. Die wichtigste hat er in Gedanken schon vollzogen: Anstatt sich selber noch am Abend an den Herd zu stellen und zu kochen, wird asiatisch geordert. Das Gute daran: „Wenn ich das nach dem Training bestelle, ist es da, wenn ich zu Hause bin“, erzählt der 21-Jährige.

Doch noch muss er sich weiter dehnen, auch wenn es schon nach 19 Uhr ist und sich der Rest seiner Trainingsgruppe sowie der Trainer selbst bereits verabschiedet haben. Dass es, so wie an diesem Dienstag, auch mal etwas länger gehen kann und sogar muss, wenn es für eine große Karriere reichen soll, hat Emil Agyekum spätestens vor fast gut einem Jahr erkannt. Am 11. Juli 2019, als Corona doch eher noch als Biermarke denn als Virus wahrgenommen wurde, war der gebürtige Berliner so schnell wie nie zuvor in seinem Leben. In 49,69 Sekunden absolvierte er bei der U23-Europameisterschaft in Schweden die 400 Meter Hürden und gewann überraschend Bronze. Plötzlich war er im Perspektivkader für die Olympischen Spiele in Tokio und damit in eine neue Welt gesprintet. Nicht zu Unrecht, wie sein Silberlauf in 49,78 Sekunden vor wenigen Tagen bei den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig zeigte. Nicht nur wegen der Corona-Pandemie war die Zeit zwischen diesen beiden Medaillen „irgendwie surreal. Mein Leben hat sich ganz stark verändert“, erzählt er, während neben ihm aus einer Bluetooth-Box amerikanischer Rap läuft. Diese Box und das Handtuch, auf dem er während des Stretchings sitzt, sind in den vergangenen Monaten seine treuen Trainingsbegleiter geworden.

Emil Agyekum demonstriert, wie man eine Hürde nimmt.
Bildbearbeitung: Salvatore Saba, Foto: Markus Wächter

Emil Agyekum hat alles auf die Karte Sport gesetzt, sogar die Schule vorzeitig beendet. Stattdessen absolviert er ein Freiwilliges Soziales Jahr bei seinem Heimatverein, dem SCC Berlin. „Die Kombination ist für mich der ideale Weg auf dem Weg zum Profisportler und ich bekomme dadurch sogar noch mein Fachabitur.“ Aber: „Nur für den Sport zu leben, war ein krasser Schritt. Mit der Umstellung auf das neue Leben hatte ich am Anfang ein paar Probleme“, erzählt der Sprinter mit deutschen und ghanaischen Wurzeln.

Hier in Berlin ist er geboren, hat aber auch zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr mit der Familie in Ghana gewohnt, ging dort auf eine Schweizer Schule. Zwei Jahre waren das, an die sich Emil Agyekum gerne erinnert. Auch wenn das Leben nicht immer ganz so einfach für ihn war und ist. „In Deutschland werde ich als schwarz angesehen, in Ghana bin ich so der weiße Mann. Manchmal ist es schwer, sich dazugehörig zu fühlen“, erzählt er. Vielleicht auch deshalb, weil er Eigenschaften beider Kulturen in sich vereint. Dass er manchmal etwas unpünktlich ist, erklärt er mit einem Hinweis auf seine afrikanischen Wurzeln, seine rationale Denkweise hält er für eine typisch deutsche Eigenschaft. „Aber ich würde schon sagen, dass ich von beiden Seiten etwas abbekommen habe. Und es so 50 zu 50 verteilt ist“, sagt er und lächelt.

Zum Nachteil ist ihm das allerdings durchaus in seiner Kindheit geworden. „Na klar habe ich auch schon negative Erfahrungen aufgrund meiner Hautfarbe gehabt. In der Grundschule so ein bisschen, aber wirklich nur vereinzelt. Ansonsten hatte ich aber nie große Probleme“, so Agyekum, der noch zwei weitere Vornamen trägt. Nana, was mit Prinz oder König übersetzt werden kann. Und Kwame, was „geboren am Samstag“ bedeutet. Doch während und nach dem Training ist er auf der Laufbahn des Mommsenstadions nur Emil. Wenngleich er körperlich eher an Usain oder Michael erinnert. Usain Bolt und Michael Johnson waren ebenfalls Sprinter und hatten ganz andere körperliche Voraussetzungen als ihre Konkurrenten. Auch Emil Agyekum ist ziemlich hoch aufgeschossen und hat dadurch beim Überqueren der Hürden leichte Vorteile. Doch selbst die längsten Beine schützen einen nicht vor dem Stolpern an einer Hürde. Ausgerechnet die letzte ist es an diesem Dienstag, die der Berliner Sprinter zu Fall bringt.

Lauf und Zeiten werden vom Trainer mit dem Handy genau festgehalten, die Daten hingegen analog und mit einem Kugelschreiber im grünen Notizbuch aufgeschrieben. Im sogenannten Trainingstagebuch werden Laufzeiten und die Zahl der Schritte zwischen den Hürden notiert, aber auch, was es zum Frühstück gab oder wie der nächtliche Schlaf war.

Emil Agyekum betritt in seiner Karriere einen Bereich, wo es mittlerweile nur noch um Kleinigkeiten geht. „Früher war es viel Talent, jetzt muss man mehr dafür trainieren und nicht einfach so drauflosballern“, sagt er. Neben dem Talent entscheidet vor allem die richtige und saubere Technik zwischen und über den Hürden über Sieg und Niederlage im Lauf. Doch auch davor und danach muss alles optimiert werden. Wie die Sache mit der Decke oder der Bluetooth-Box. Während des Trainings läuft da meistens Rap, manchmal auch Trap. Das soll für eine angenehme Atmosphäre sorgen. Und wenn das mit dem Rap irgendwann zu viel ist und Emil Agyekum wieder runterkommen muss, wird schon mal zur klassischen Musik gewechselt. Meist aber erst zu Hause, wo er mit seinem Vater und dem jüngeren Bruder wohnt.

Dort ist er auch der Küchenchef. Landete früher ab und an nach dem Training mal eine Tiefkühlpizza im Ofen, versucht der Sprinter des SCC Berlin sich mittlerweile weitestgehend von Bio-Lebensmitteln zu ernähren, ohne aber komplett auf Fleisch zu verzichten. Denn bei 49,69 Sekunden soll noch lange nicht Schluss sein, das Ziel ist die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio. Und da kann man durchaus sagen, dass Emil Agyekum so etwas wie ein Gewinner der coronabedingten Verschiebung auf 2021 ist. „Das bringt mir Zeit und eine bessere Chance, dort dabei zu sein“, sagt er. Zumal er in diesem Jahr nach einem Trainingslager in Südafrika verletzt war und die Corona-Zeit zum Ausheilen und zur Regeneration nutzen konnte. Aber: „Der Wettkampf hat mir schon sehr gefehlt, denn irgendwann war das sehr langweilig, wenn man nur trainiert.“

Die ersten Wettkämpfe im Juli kamen genau richtig und waren die perfekte Vorbereitung für die Deutsche Meisterschaft in Braunschweig, wo der Trainingsfleiß und alle Änderungen im Leben mit einer Zeit unter 50 Sekunden und der Silbermedaille belohnt wurden. Während andere Leichtathleten auf eine Teilnahme verzichteten, war der Berliner Nachwuchssprinter froh, dass es diese Meisterschaft gegeben hat. „Natürlich will man sich im Training verbessern, aber man will ja auch mal im Wettkampf sehen, was man kann und wo man damit in Deutschland und international steht“, erzählt Emil Agyekum und blickt auf die Uhr. Aus dem geplanten 30-minütigen Gespräch sind mittlerweile 45 Minuten geworden. Bloß gut, dass man in Berlin auch noch zu etwas späterer Zeit Essen bestellen kann.