Drei auf einen Streich: Emma Hinze zeigt die Zahl ihrer Goldmedaillen an.
AFP/Tobias Schwarz

BerlinBloß nicht wieder Zuschauerin bei Olympia sein. Diese Sorge hatte Emma Hinze lange mit sich herumgetragen. In Rio 2016 war die damals 18-Jährige nämlich nur als Ersatzfrau dabei – und musste mit ansehen, wie Kristina Vogel Gold im Sprint und gemeinsam mit Miriam Welte Bronze im Teamsprint errang. Doch inzwischen hat Emma Hinze ein ganz anderes Problem. Ihrem Start bei den Olympischen Spielen in Tokio steht längst nichts mehr im Wege, nur: Wie kommt sie im August mit der Favoritenrolle zurecht? Diese Bürde trägt die 22-Jährige nämlich plötzlich nach ihren grandiosen Auftritten bei der Bahnrad-WM im Berliner Velodrom. 

Gleich dreimal errang die Hildesheimerin in Berlin WM-Gold – im Sprint, im Teamsprint mit Pauline Grabosch und Lea Sophie Friedrich und am Sonntag vor 4 800 begeisterten Zuschauern im ausverkauften Velodrom im Keirin. Da Friedrich am Sonnabend das 500-Meter-Zeitfahren für sich entschied, gingen alle WM-Titel im Sprint an die deutschen Frauen. Die neue Sprintkönigin indes heißt Emma Hinze. „Ich kann es nicht glauben. Ich habe noch nie geweint, wenn ich etwas gewonnen habe. Aber der WM-Sieg ist einfach so besonders, das habe ich nicht erwartet“, hatte Hinze völlig aufgelöst nach ihrem Titel im Sprint erklärt.

Tränen der Freude bei Emma Hinze

Kaum hatte sie die Ziellinie überfahren, nahm sie die Hand vor den Mund und Tränen der Freude kullerten über ihre Wangen. Hoch oben an der Bande, hinter der ihre Familie und Freunde saßen, ließ sie sich feiern und eine deutsche Flagge geben, mit der sie dann ihre verdiente Ehrenrunde drehte. Am Sonntag nun hob sie voller Stolz und Freude ihr Hightech-Rad in die Höhe, als wollte sie sagen, die neue FES-Konstruktion hat ihren Beitrag zu dem Sieg geleistet. „Ich kam nach Berlin ohne bisher einen WM-Titel errungen zu haben. Jetzt sind es gleich drei. Wahnsinn“, sagte sie.

Neben den Erfolgen der Sprinterinnen hatten die Zuschauer am Wochenende weiteren Grund zum Feiern. Im Madison der Männer fuhren die zweifachen Weltmeister Roger Kluge und Theo Reinhardt aus Berlin dank des letzten gewonnenen Wertungssprints noch auf den dritten Platz. Lisa Brennauer und Franziska Brauße, schon im Vierer mit Bronze dekoriert, holten sich Platz zwei und drei in der Einerverfolgung.

Lob von Trainer Detlef Uibel

Das Auftreten der Golden Girls im Sprint jedoch gehörte zu den absoluten Höhepunkten der Weltmeisterschaft. Viermal Gold in vier Disziplinen. „Das ist einfach so unfassbar krass vor Olympia“, freute sich Lea Sophie Friedrich. „Ich bin stolz, dass wir das so rocken können hier“, sagte sie. Woran es liegt? „Wir sind einfach so schnell.“ Obwohl die Konkurrenz nicht schlafe. „Die ist auch mega stark. Wir gewinnen ja nicht so easy peasy.“

Selbst Detlef Uibel, der in seinen 24 Jahren als Bundestrainer vieles erlebt hat, war verblüfft über sein junges Sprint-Trio: „Grandios, überragend“, sagte er. „Das war eine Top-Leistung, da war nichts gemogelt.“ So souverän wie Emma Hinze habe wohl noch nie eine Sprinterin ein Finale gewonnen. Lediglich Kristina Vogel war es zuvor 2014 im kolumbianischen Cali gelungen, alle drei WM-Titel zu gewinnen. Ihre damalige Gold-Partnerin im Teamsprint war Miriam Welte. Beide sind nicht mehr aktiv und waren bei der WM als Expertinnen im Einsatz. „Es ist absolut fantastisch, was die Mädels bei der WM geleistet haben“, sagte Welte. „Die haben die Lücke zu Kristina und mir viel schneller als erwartet geschlossen.“ Emma Hinze sei so cool und physisch unglaublich stark. „Wenn am Ende alle langsamer werden, hält Emma ihre Geschwindigkeit. Da haben die Gegnerinnen keine Chance.“

Exakte Schmerzanalyse

Bereits mit sechs Jahren saß Hinze erstmals in ihrem Heimatverein RSC Hildesheim auf dem Rennrad. 2014 wechselte sie an den Olympiastützpunkt nach Cottbus. Es ging im Sprinttempo voran mit ihrer sportlichen Entwicklung. Doch die wurde 2017 jäh gestoppt. Hinze plagten Knie- und Rückenschmerzen. Die Ärzte konnte ihr nicht helfen. Sie dachte bereits an ein Karriereende. Doch ihr Jugendtrainer Alexander Harisanow nahm sich ihrer an. Mit einer exakten Schmerzanalyse und neuen Trainingsmethoden führte er die junge Bahnradsprinterin weg von den Schmerzen, heraus aus der Krise und hin zur gewohnten Leistungsstärke.

„Wir haben das Training gut gesteuert und ich habe auf meinen Körper gehört“, sagte Hinze. Ohne Harisanow, so Hinze, hätte sie die Goldmedaillen in Berlin nicht erringen können: „Das ist alles wie im Traum. Ich bin so im Tunnel ..."