Emre Can macht in der Mannschaft von Borussia Dortmund einen wichtigen Unterschied aus.
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DortmundDie Frühlingswochen, in denen Jahr für Jahr die entscheidende Phase der Bundesliga beginnt, haben den Dortmundern zuletzt eine Serie grausamer Erlebnisse beschert. Die Spielplaner terminieren das global beachtete Duell gegen den FC Bayern zuverlässig ins spannendste Saisonviertel, und genauso zuverlässig setzte es krachende Niederlagen für den BVB. Einem 1:4 2017 folgten ein 0:6 2018 sowie ein 0:5 2019 – Momente, in denen die Münchner mit all ihrer Autorität klarstellten, wie die Hierarchie in der Liga aussieht. 

Doch nun soll alles anders sein. Erstmals seit 2016 findet das große Topspiel in einer Rückrunde in Dortmund statt. Und Michael Zorc sieht noch einen weiteren „ganz wichtigen Faktor“, der den Ausschlag für den Tabellenzweiten geben könnte. Der BVB habe in der Winterpause „mit Emre (Can) und Erling (Haaland) zwei Winner-Typen dazubekommen“, sagt der Sportdirektor.

Die Debatte über die Mentalität des Teams ist im Umfeld des BVB nun über Jahre bis zur völligen Erschöpfung geführt worden, erst die Ankunft des unglaublichen Torjägers Haaland und des superehrgeizigen Can hat diese Diskussion ein Stück leiser werden lassen. 27 von 30 Punkten hat die Mannschaft seit Weihnachten in der Bundesliga gesammelt, nun sagt Zorc vor dem Duell mit  dem Dauerrivalen aus München: Es geht darum, „dass wir an uns selbst glauben, dass wir unser Selbstbewusstsein, das wir in den meisten Spielen haben, auch zeigen.“

Gestandene Führungskräfte wie Mats Hummels, Roman Bürki oder Lukasz Piszczek sollen das Team durch „Phasen“ führen, „wo wir vielleicht nicht dominieren“, fordert Zorc. Besonders genau werden viele Beobachter aber auf Can blicken.

Denn die Frage, ob der BVB sich wirklich weiterentwickelt hat, wird sich erst beantworten lassen, wenn die Transfers auch in den entscheidenden Momenten einer Saison Früchte tragen. Oder eben nicht. „Klar bin ich noch nicht lange hier, aber es ist mein Anspruch, voranzugehen, Leistung zu bringen, jeden mitzuziehen“, sagt Can vor der Partie gegen den FC Bayern.

Fast überall, wo der 26 Jahre alte Mittelfeldspieler auftaucht, fällt ihm eine besondere Rolle zu. Er war Spielführer in Jugendnationalteams und beim FC Liverpool erklärten ihn Experten schnell zum designierten Nachfolger der Klublegende Steven Gerrard.

„Wenn ich gesund war, war ich immer Stammspieler, über vier Jahre“, blickt der Can auf seine vier Jahre in der Premier League zurück. „Das vergessen viele.“ Jürgen Klopp machte ihn zum Kapitän des FC Liverpool, und schon als ganz junger Fußballer in England sagte der gebürtige Frankfurter: „Ich bin erst 21, aber der Spielertyp, der auf dem Platz auch spricht. So bin ich, und so war ich schon immer. Deshalb übernehme ich im Spiel auch gerne eine Führungsrolle.“

In Deutschland ist dieser außergewöhnliche Fußballer lange nicht besonders aufmerksam wahrgenommen worden. Can spielt seit 2015 in der Nationalmannschaft, Stammspieler wurde er aber erst, nachdem sich Bundestrainer Joachim Löw nach dem WM-Desaster von 2018 von seinen Titelhelden aus Brasilien trennte. Und Liverpool verließ er genau ein Jahr vor dem großen Triumph des Teams in der Champions League 2019. Obwohl Klopp ihm eine Vertragsverlängerung angeboten hatte. „Ich hatte das Gefühl, dass mir eine neue Umgebung guttun würde, um mich weiterzuentwickeln, um jeden Tag mit voller Motivation meiner Arbeit nachzugehen“, erzählt er.

Als ganz junger Spieler arbeitete er unter Jupp Heynckes beim FC Bayern und erlebte eine ganze Sommervorbereitung im München mit Pep Guardiola. Anschließend etablierte er sich bei Bayer Leverkusen in der Bundesliga, es folgten die Liverpool-Jahre und weitere Weltkluberfahrungen bei italienischen Seirenmeister Juventus Turin. Nun ist er 26 und soll den BVB so stabilisieren, dass endlich mal wieder ein großer Rückrundensieg gegen die Bayern gelingt.

Denn das Ziel ist „auf jeden Fall“ die Meisterschaft, sagt Can. Nachdem die Dortmunder sich in der vorigen Saison lange vor klaren Aussagen zu den eigenen Ambitionen zierten, wurden die Ziele nun frühzeitig formuliert. Can ist ohnehin ein Typ, dem Ankündigen dieser Sorte besonders leicht über die Lippen gehen. „Ich bin zum BVB gekommen, um Titel zu gewinnen“, sagt er.

Wenn die Bayern besiegt werden, steht der Fußballnation vielleicht wirklich das spannendste Meisterschaftsrennen seit vielen Jahren bevor. Das ist für das unter besonderen Umständen gespielte Saisonfinale eine wunderbare Ausgangslage, die nicht zuletzt zu einer interessanten Chance für Emre Can werden kann. Denn wenn er dieses Duell prägen kann, dann wird er endgültig als Anführer im Bewusstsein der Fußballnation ankommen, die die größten Spiele Cans zuletzt nur aus der Ferne beobachten konnte.